Entlassungen bei Blizzard: Warum sie das Ende der E3 einläuten könnten

GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge erklärt, weshalb die rund 190 entlassenen Blizzard-Mitarbeiter nur der Vorgeschmack eines Wandels sind, der uns alle betreffen wird.

von Heiko Klinge,
18.03.2021 17:42 Uhr

Die Entscheider bei Blizzard mögen viele Talente haben, aber sicher keines für gutes Timing. Am 16. März meldete die News-Seite Bloomberg eine weitere Entlassungswelle beim legendären Spiele-Studio, von der knapp unter 2 Prozent der Belegschaft betroffen sind.

Nur einen Tag später enthüllte die CtW Investment Group, die sich für ethisches Verhalten von Unternehmen einsetzt, dass Activision-CEO Bobby Kotick für 2020 einen Bonus von rund 200 Millionen Dollar erhalten soll.

Der nachvollziehbare Aufschrei von Medien und Gaming-Community ließ nicht lange auf sich warten, greift meiner Meinung nach aber zu kurz. Wie Kotick gleichzeitig zum "meistgehassten Mann der Videospielbranche" (Kotaku) und zum Vater des modernen Activision-Erfolgs werden konnte haben wir für euch auch in unserem Podcast gemeinsam mit einem Unternehmensberater analysiert:

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So zynisch es klingt: Weder die Entlassungen noch der üppige CEO-Bonus sind überraschend und folgen eigentlich nur den üblichen Gesetzen der amerikanischen Marktwirtschaft, so unmoralisch ich sie persönlich auch finde. Doch dahinter steckt noch eine andere Logik, die meiner Meinung nach die Games-Branche insgesamt erfassen wird und insbesondere für alle eine schlechte Nachricht ist, für die Spiele-Messen und Live-Events ein wichtiger Teil ihres Hobbys sind.

Der Autor

GameStar-Chefredakteur Heiko hat tatsächlich mal Bankkaufmann gelernt und pflegt seitdem sein Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge nicht nur in Aufbau- und Strategiespielen. Als langjähriger Chefredakteur des Fachmagazins Making Games gewann er zudem tiefe Einblicke, wie die Spielebranche tickt. Er selbst liebt eigentlich Spielemessen und den direkten Austausch mit Spiele-Fans und -Entwicklern. Auf der anderen Seite wird er es sich nach der Pandemie sehr genau überlegen, ob er für eine Preview noch jemanden auf Auslandsreise schickt, wenn es auch bequem und zeiteffizient per Streaming geht.

Wie passen Entlassungen und Millionenbonus zusammen?

Was hinter dem Millionenbonus steckt: Im ersten Schritt ist es wichtig zu verstehen, warum ein CEO in den USA so viel Geld bekommt. Bei börsennotierten Unternehmen wie Activision Blizzard ist es im Sinne der Anteilseigner üblich, dass die Bonuszahlungen der Führungskräfte an die Entwicklung des Aktienkurses gekoppelt sind.

Und die Aktie von Activision Blizzard ist allein seit Dezember 2019 um 66 Prozentgestiegen, wodurch Bobby Kotick laut der so genannten "Shareholder Value Creation Incentive"-Klausel in seinem öffentlich einsehbaren Arbeitsvertrag ein Anrecht auf diese absurd hohe Summe besitzt. Und dies unabhängig vom Erreichen oder Verfehlen anderer Ziele, was CtW Investment entsprechend scharf kritisiert. Auch Kollege Maurice hätte es sicher lieber, wenn Bobby Koticks Bonus weniger an den Aktienwert und mehr an die Qualität der veröffentlichten Spiele gekoppelt wäre:

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Warum Blizzard knapp 190 Mitarbeiter entlässt: Der Publisher Activision Blizzard befindet sich schon seit Jahren in einem Umstrukturierungsprozess. Bereits Anfang Februar mussten rund 800 Angestellte das Unternehmen verlassen, das waren seinerzeit fast 10 Prozent der Gesamtbelegschaft. Und erst im Oktober wurde bekannt, dass es sein Büro in Versailles komplett schließen lässt. Die vorherigen Entlassungen betrafen vor allem Mitarbeiter aus den Bereichen Marketing, Lokalisierung und Kunden-Support. All das trotz steigender Gewinne. Parallel verkündete CEO Bobby Kotick in einem Interview mit Gamesbeat, dass man 2.000 neue Stellen im Produktionsbereich schaffen wolle.

Das Muster ist klar: Was man leicht an Dienstleister auslagern kann, wird runtergefahren - was nur intern geht, wird ausgebaut. Und genau in dieses Muster passen auch die jüngsten Entlassungen, die laut Bloomberg vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Abteilungen E-Sport sowie Events betreffen. Das bringt uns schließlich zu meinem Punkt, warum diese Entscheidung nur ein Vorgeschmack darauf ist, vor welch riesigem Problem die großen Spielemessen E3 und gamescom stehen.

Was haben die Entlassungen mit der E3 zu tun?

Weshalb niemand mehr Spielemessen braucht: Bereits in meinen Chefredakteurs-Prognosen für 2021 war eine meiner Thesen, dass die E3 sterben wird.

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Denn die Corona-Pandemie hat den Spieleherstellern gezeigt, wie wenig sie Messen und Vor-Ort-Events benötigen. Kein Wunder: Keine andere Branche ist von Natur aus so gut auf die Digitalisierung vorbereitet. Vorproduzierte Livestreams sind um Welten billiger als ein Messeauftritt, lassen sich besser kontrollieren sowie im Nachgang analysieren, ermöglichen ein größeres Stück vom Aufmerksamkeits-Kuchen und benötigen wesentlich weniger Personal. Siehe Blizzard. Und ich gehe fest davon aus, dass viele andere Publisher hier nachziehen werden.

Schon jetzt hören wir unter der Hand, dass eigentlich niemand mehr so recht an große Live-Events glaubt, geschweige denn an Messen. Selbst Anspiel-Events von neuen, noch geheimen Titeln absolvieren wir bei GameStar inzwischen komplett digital - Tools wie Parsec, aber auch spezielle Presse-Zugänge auf Steam, Ubisoft Connect & Co. machen es möglich. Auch wenn viele Entwickler den direkten Kontakt mit Presse und Fans vermissen werden, entscheiden hier letzten Endes Kosten und Effizienz:

Die gamescom 2020 aus Entwicklersicht: »Wir brauchen wieder physische Messen!« PLUS 23:20 Die gamescom 2020 aus Entwicklersicht: »Wir brauchen wieder physische Messen!«

Was das für E3, Blizzcon und gamescom heißt: Ich befürchte, dass sich alle Messen und Events mehr oder weniger radikal neu erfinden müssen, wenn sie überleben wollen. Für die E3 sehe ich komplett schwarz, weil sich die in erster Linie als Branchen- und Fachmesse etabliert hat, was durch die Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie nahezu obsolet geworden ist.

Auch Blizzcon und gamescom müssen umdenken, wenn sie abseits von digitalen Events relevant bleiben wollen. Und zwar weg vom Branchen- und Reveal-Event, hin zum Anspiel- und Community-Happening. Denn Digitalevents können vieles ersetzen, aber nicht das Zusammentreffen von Tausenden Menschen, die die gleiche Leidenschaft teilen. Nur wenn das verstanden und umgesetzt wird, haben solche Großveranstaltungen eine Chance zu überleben und die bei Blizzard entlassenen Mitarbeiter eine langfristige berufliche Perspektive in der Gaming-Branche.

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