Halo in der Serienkritik: Wie konnte das denn passieren?

Nach den ersten zwei Folgen von Paramounts TV-Serie zu Halo steht unsere erste Serienkritik: Hier läuft einiges chief.

von Dimitry Halley,
25.03.2022 16:13 Uhr

Die neue Halo-Serie macht mich ganz nostalgisch. Wir schreiben das Jahr 2007, ich bin gerade frisch volljährig - und der Film zu Hitman kommt in die Kinos. Spieleverfilmungen haben damals bereits einen fantastischen Ruf, aber ich bin optimistisch: Hitman ist ja nun wirklich nicht schwer zu verfilmen. Sollen sie halt die Story von Silent Assassin nehmen - ein ehemaliger Auftragskiller wird durch persönliche Schicksalsschläge zurück in ein Leben gezwungen, das er eigentlich hinter sich gelassen hat. Also quasi ... John Wick.

Natürlich war der finale Hitman-Film eine Katastrophe und hatte nichts mit meiner Idee gemein. Oder generell mit den Hitman-Spielen. Ja, 47 spielt die Hauptrolle, ja, er ist irgendwie vielleicht ein Klon, aber abseits davon spinnt sich der Film irgendein absurd generisches Action-Geballer zusammen, das weder neue Fans erreicht, noch alten Fans das Herz erwärmt. Typische Spieleverfilmung halt.

Die ersten zwei Folgen von Paramounts neuer Halo-Serie sind genauso. Und dann doch irgendwie ganz anders.

Huch? Es gibt eine Halo-Serie? Falls ihr von der Halo-Serie noch nichts mitbekommen habt und euch fragt, wo ihr sie schauen könnt, dann hier ein paar Rahmendaten: Paramount hat grünes Licht bekommen, um eine Halo-Serie zu produzieren. Die erste Staffel hat neun Folgen, hierzulande könnt ihr via Sky Ticket jeden Donnerstag die neueste Folge schauen - wir haben bereits die ersten beiden Folgen gesehen. Die Halo-Serie ist eine Neuinterpretation der Spielvorlage, erzählt also eine komplett eigene Geschichte in einem neuen Story-Universum. Der Master Chief kämpft mit seinem Silver Team auf dem Planeten Madrigal während des Allianzkrieges gegen die Elites, als er in die politischen Machenschaften der UNSC verwickelt wird. Die zweite Staffel ist bereits bestellt.

Mehr Action bitte

Eine Vorwarnung an die Spoiler-Polizei: Um meinen Punkt klarzumachen, muss ich konkret über einige Szenen aus den ersten zwei Folgen reden. Falls ihr also komplett unbeeinflusst Halo schauen wollt, kommt nächste Woche wieder, um meine Kritik zu lesen.

Aber ganz ehrlich: Spoiler sind hier echt egal, zumindest bislang. Jeden Aspekt der Halo-Serie habt ihr irgendwo anders schon mal in besser gesehen. Diese Serie lässt ihre Figuren unironisch Sätze sagen wie Ich will keine Rache, ich will Gerechtigkeit! Oder noch besser:

Sie: Wir werden alle sterben!!!
Er: Jeder stirbt irgendwann.

Gerade die Wir werden alle sterben-Äußerung wurde schon in zig hochkarätigen Science-Fiction-Epen verwurstet. Doch der Halo-Serie gelingt zumindest die eine Sache, die auch die Star-Wars-Sequels super hinbekommen: Sie sieht aus wie das Original.

Von den Mjolnir-Rüstungen der Spartans über ihre Sturmgewehre, Pelicans, UNSC-Uniformen bis hin zu diesem Ankleide-Rad, mit dem sich Spartans die Rüstung anziehen - Paramounts Halo-Serie sieht nicht nur aus wie Halo, sondern ist auch die mit Abstand schönste Halo-Verfilmung:

Halo-Serie: Der neue Trailer gewährt euch einen ersten Blick auf Cortana 2:04 Halo-Serie: Der neue Trailer gewährt euch einen ersten Blick auf Cortana

Und wenn die Elites der Allianz dann tatsächlich mal gegen die Spartans kämpfen, zeigt sich die Halo-Serie von ihrer besten Seite! Die Aliens werden greifbar als Bedrohung etabliert, ich bekomme wirklich gezeigt statt bloß erklärt, wieso die Menschheit diesen Krieg seit Jahren verliert.

Klar, die CG-Effekte kriegen es immer noch nicht hin, dass zwei Meter große Alien-Dinosaurier restlos glaubhaft rüberkommen, aber der technische Sprung zur 2014er-Serie Halo: Nightfall ist trotzdem gigantisch!

Ach, würde die Serie nur dabei bleiben. Leider geht's in den ersten zwei Folgen quasi gar nicht um den Kampf zwischen Aliens und Menschen. Stattdessen tritt die Halo-Serie in das gleiche Fettnäpfchen wie viele moderne Serien: Sie will zu sehr wie Game of Thrones sein.

Der Autor: Dimi hat sich wie ein Schnitzel auf die Halo-Serie gefreut, weil er den ersten Trailer richtig, richtig gut fand. Dass die Serie neue Richtungen einschlägt, kann er nur begrüßen, schließlich sind die Halo-Bücher nur deshalb so cool, weil sie die Spiele mit komplett eigenen Blickwinkeln erweitern, statt sie zu ersetzen. Bis auf dieses eine Halo-Buch, das tatsächlich die Story des ersten Spiels nacherzählt. Halo: The Flood. Uff, war das schrecklich. Und ein Mahnmal, dass Spiele sich nicht so einfach in andere Medien übersetzen lassen - aber davon kann auch die neue Serie ein Liedchen trällern.

Sind wir wirklich die Guten?

Eigentlich macht die Halo-Serie genau das, was ich mir im GameStar-Podcast für Halo 4 bis 6 gewünscht habe: Es konzentriert sich auf die Schattenseiten der UNSC. Denn die Spiele deuten bloß an, dass die Spartans eigentlich entführte und misshandelte Kinder sind und die ach so gute Menschenregierung ein oppressives Regime. Ich muss Begleitbücher wie -comics wälzen, um diese düsteren Seiten des Halo-Kosmos' zu erforschen.

Die Halo-Serie rückt genau das ins Zentrum, schlägt also prinzipiell sehr, sehr spannende Töne an. Aber was sie daraus macht, ist bisher unterirdisch wie eine Flood-Grotte. Ich habe das kontroverse Star Trek Discovery nie gesehen, kenne aber die Debatte und sehe bei Halo ein ganz ähnliches Probleme: Die Charaktere in dieser Serie handeln entweder wie unsinnig bösartige Comic-Superschurken - oder wie unreife Teenager.

Die komplette UNSC-Führung präsentiert sich als Haufen unfähiger Egopansen, die permanent Befehlsstrukturen ignorieren, gegeneinander intrigieren, auch gerne mal Kinder umbringen lassen. Dass überhaupt irgendwer in diesem Saftladen Befehle befolgt, grenzt an ein Blutsväter-Wunder - und deshalb entsteht überhaupt kein Gravitas-Gefühl, wenn es in der Halo-Serie bisher hauptsächlich um Befehlsverweigerung geht.

Fast alle Charaktere präsentieren sich als eindimensionale Klischees. Es gibt beispielsweise in der zweiten Folge wie in jeder Sci-Fi-Serie natürlich einen geheimen Unterweltasteroiden, der natürlich von einem Lando-Calrissian-Verschnitt angeführt wird.

Und natürlich tritt in Folge eins ein dubioser, charismatischer, militanter Rebellenführer in schwarzem Ledermantel auf, der sich im Fernsehinterview als friedensstiftender Retter seines Volkes aufspielt, sich dann aber schockschwerenot natürlich als mordender Demagoge entpuppt.

Das erste Command & Conquer hat jetzt fast 30 Jahre auf dem Buckel - und schon damals war Kane mit seinem schwarzen Mantel als Reden schwingender Diktator im Schafspelz ein Klischee. Nur eben ein bewusst gewähltes.

Und was ist mit dem Master Chief?

Halo ist sich seiner eigenen Klischeehaftigkeit nicht bewusst. Generell nimmt sich diese Serie bitterernst, obwohl sich das Drehbuch wirklich Mühe geben muss, jede Handlung in plausible Bahnen zu pressen.

Denn prinzipiell spricht ja nichts dagegen, die UNSC als chaotisches Terrorregime zu inszenieren, allerdings muss mir die Serie eben erklären, wieso diese Leute so unsinnig handeln - und wie sie trotzdem so lange überleben konnten.

Während der Master Chief an der Front kämpft, zerbricht die UNSC unter schlechter Personalführung und heikler Feedback-Kultur. Während der Master Chief an der Front kämpft, zerbricht die UNSC unter schlechter Personalführung und heikler Feedback-Kultur.

Die Story von Halo wirkt nicht wie ein Teil einer glaubhaften Welt, sondern wie eine hölzerne Theateraufführung, in der alles nur passiert, weil es so im Skript steht. Ich stelle mir den Brainstorming-Prozess so vor:

Paramount-Person 1: Wie erklären wir plausibel, dass der Master Chief nach jahrelangem Krieg plötzlich sein Handeln hinterfragt?

Paramount-Person 2: Wir brauchen ein Alienartefakt, das verborgene Erinnerungen freisetzt! Echte Charakterentwicklung dauert zu lange und kostet zu viel Geld.

Paramount-Person 3: Und dann brauchen wir noch einen moralischen Scheideweg! Zwingen wir ihn doch, ein Kind zu töten.

Paramount-Person 1: Aber wieso sollte der Master Chief gezwungen werden, ein Kind zu erschießen?

Paramount-Person 2: Vielleicht bekommt er das als Befehl von oben?

Paramount-Person 3: Nur wieso sollte jemand mitten in einem Alienkrieg so einen unsinnigen Befehl geben?

Paramount-Person 2: Das ist doch egal. Lasst einfach Commander Keyes sagen, dass das so sein muss. Den mögen die Fans. Das ist Science Fiction, da geht prinzipiell alles.

Paramount-Person 4: Vielleicht kehrt ja auch Imperator Palpatine irgendwie zurück?

Ach, genau, der Master Chief spielt übrigens die Hauptrolle der Halo-Serie. Daran muss ich mich selbst immer wieder erinnern, weil der hünenhafte Supersoldat meist nur kurz auftaucht, bevor ich wieder ellenlang irgendwelchen UNSC-Führungskräften dabei zuschauen muss, überfordert zu sein.

Nach seinem fulminanten Action-Auftritt in der ersten Folge ist der Chief hauptsächlich damit beschäftigt, in Räumen zu stehen oder zu sitzen, damit andere Leute ihm was erzählen können, oder Personen von A nach B zu befördern, damit dort wiederum andere Leute ihm was erzählen können, während er steht oder sitzt.

Gut, hier bleibt die Serie der Spielvorlage zumindest treu. Der Chief nimmt übrigens regelmäßig seinen Helm ab, allerdings macht das keinen großen Unterschied, weil Pablo Schreibers Mienenspiel genauso viele Ecken hat wie ein Halo-Ring. Das liegt nicht an ihm - er kann schauspielern -, sondern an den spärlichen Dialogzeilen, die er zum Arbeiten bekommt.

Aber genug gemeckert, ich fühl mich hier schon wie der nörgelnde Pilot aus Halo Infinite. Reden wir lieber noch über ein Highlight.

Spannende Fragen für die Zukunft

Dr. Catherine Halsey ist in meinen Augen die spannendste Figur des ganzen Halo-Universums. Eine Schande, dass sie in den Spielen bloß sporadisch vorkommt, denn die Erfinderin des Spartan-Programms ist ein herrlich ambivalente Person, eine Schimäre aus Monster und Mutterfigur.

Auf der einen Seite eine Kriegsverbrecherin, die Kinder entführt und vor absolut gar nichts zurückschreckt, auf der anderen Seite aber durchaus strikt ihrer eigenen Vorstellung von Moral folgt und liebevolle Gefühle für all die Spartans hegt, die sie erschaffen hat.

Catherine Halsey ist eine der wenigen spannenden Figuren der Halo-Serie. Catherine Halsey ist eine der wenigen spannenden Figuren der Halo-Serie.

Die Halo-Serie ist die Chance, Halsey und ihr dubioses Treiben näher zu beleuchten. Und genau das tut sie glücklicherweise auch. Die ersten beiden Folgen bringen hier die Puzzleteile erst noch in Position, aber Halseys Geschichte ist der einzige Story-Strang, der mich zum Weiterschauen dieser Serie motiviert. Gut, und die Hoffnung auf mehr coole Spartan-Action gegen die Allianz, denn auch hier gibt's zumindest ein paar Andeutungen, die mich neugierig machen. Aber abseits davon?

Für wen ist diese Serie?

Die Halo-Serie muss sich schon die Frage gefallen lassen, für wen sie warum gemacht wurde. Eingefleischte Halo-Fans bekommen hier bisher eigentlich gar nichts, was die Spiele und Bücher nicht besser hinbekommen. Keine Action-Szene der Welt kann jemals das Gefühl toppen, zwei Scarabs im Finale von Halo 3 eigenhändig zu zerlegen.

Und auch in Sachen Storytelling: In den Büchern baut der Master Chief zu seinen Spartan-Gefährten Kelly, Fred, Linda und Co. über Jahrzehnte freundschaftliche Nähe auf, obwohl oder gerade weil diese Kids allesamt herzzerreißende Traumata zu verarbeiten haben. In der Halo-Serie bekomme ich mit dem Silver-Team stattdessen komplett neue Figuren, die bisher völlig blass und austauschbar bleiben. Klar, das kann sich ändern ... aber wieso kriegt der Master Chief überhaupt ein neues Team?

Ja, die Showrunner haben die Spiele nicht gespielt, aber Charaktere wie Kelly, Fred und Linda findet man doch in Wikis. Es reicht da buchstäblich, Master Chief best friend zu googeln, Mensch. Das wäre doch so eine Chance gewesen!

Vielleicht geht's der Halo-Serie gar nicht um Leute wie mich. Vielleicht will sie völlig legitim ein neues Publikum für das Halo-Universum begeistern. Aber dafür muss die Serie in den kommenden Folgen dringend aus der Generische-Sci-Fi-Klischees-Kiste rauskommen. Und dem UNSC-Führungsstab ein paar Kurse in Personalführung spendieren.

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