»Ich bin froh, wieder zurück zu sein.« Nach 25 Jahren hören Kinder das erste Mal die Stimme ihrer Mutter – dank 8 Sekunden VHS-Band und einer KI

Kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes verliert eine Mutter durch eine Krankheit ihre Stimme. Ihr Sohn ist 25, als er das erste Mal die Stimme seiner Mutter hört – dank einer alten VHS-Kassette und KI.

Ein paar Sekunden Audiomaterial auf einer VHS-Kassette geben einer Mutter nach 25 Jahren die Stimme zurück. (Bildquelle links: solidmaks, rechts: Punprapa, beide Adobe Stock) Ein paar Sekunden Audiomaterial auf einer VHS-Kassette geben einer Mutter nach 25 Jahren die Stimme zurück. (Bildquelle links: solidmaks, rechts: Punprapa, beide Adobe Stock)

Es ist wie ein Wunder: Künstliche Intelligenz birgt großes Potenzial, macht vielen aber auch Sorge: Viele Menschen erwarten im Angesicht von besser werdenden KI-Modellen große Veränderungen in ihrem Leben, etwa den Verlust ihres Arbeitsplatzes.

KI hat auch das Leben der Britin Sarah Ezekiel radikal verändert, aber zum Guten: Sie hat ihr ihre Stimme zurückgegeben.

Eine Krankheit raubt einer Mutter die Stimme

Sarah Ezekiel war 34 Jahre alt und gerade zum zweiten Mal Mutter geworden, als die Motoneuron-Krankheit (MND) – auch manchmal ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) genannt – bei ihr ausbrach, wie sie im Interview mit der BBC berichtet.

Bei der neuronalen Störung MND kommt es laut der Apothekenumschau zu Lähmungen im ganzen Körper. Sie ist fortschreitend und unheilbar.

Im Jahr 2000 kurz nach der Geburt ihres Sohnes verlor Sarah auch ihre Stimme. Sie war mit zwei kleinen Kindern auf eine 24-Stunden-Betreuung angewiesen. Sie isolierte sich, verbrachte laut BBC die ersten 5 Jahre mit schlechtem Fernsehen und damit, ihren Kindern beim Aufwachsen zuzusehen.

Nach fünf Jahren hilft ihr dann zum ersten Mal die Technik: Eine Augensteuerungs-Technologie ermöglichte ihr, mit Augenbewegungen Sätze und Wörter zu bilden – dieselbe Technologie, die auch dem weltberühmten Physiker Stephen Hawking wieder zu einer Stimme verhalf.

Sie konnte nun mit ihren Kindern sprechen, aber die Stimme der Mutter, die sie kannten, war eine emotionslose Roboterstimme.

8 Sekunden kratziges VHS-Videomaterial bringen eine Stimme zurück

Ezekiel konnte sich nun besser verständigen und wurde laut BBC so eine Freiwillige und Förderin der Wohltätigkeitsorganisation Lifelites, die Familien Technologie zur Verfügung stellt, damit sie kommunizieren können.

Und so entstand 2025 auch der Kontakt zu Simon Poole und der Firma Smartbox, die Menschen mit Einschränkungen mittels Technologie dabei hilft, wieder zu kommunizieren.

Der brauchte nichts weiter als etwa eine Stunde Stimm-Material von ihr. Das sollte im Jahr 2025 für die meisten kein Problem sein: Mit Smartphones und sozialen Medien haben wir heute schließlich alle Möglichkeit, genügend Material auch von fremden Stimmen zu finden.


Das musste unsere YouTube-Kollegin Vera auch erfahren, als ihre Stimme ohne ihre Zustimmung von Fremden geklont wurde:

Video starten 17:27 Gefährliche KI-Trends: Was tun, wenn eure Stimme im Netz geklaut wird?


Das Problem: Ezekiel hat ihre Stimme im Jahr 2000 – lange vor Smartphones und Social Media – verloren.

Statt einer Stunde Material von ihrer Stimme konnte Ezekiel Poole von der Firma Smartbox gerade einmal 8 Sekunden auf einem VHS-Band zukommen lassen. Ein Video zeigt sie kurz nach der Geburt ihrer Tochter, im Hintergrund läuft ein lauter Fernseher.

Poole rutschte laut BBC im Angesicht des spärlichen schlecht-erhaltenen Materials von Sarahs Stimme das Herz in die Hose:

Ich dachte, es gibt keine Möglichkeit, aus so schlechtem Audio eine Stimme zu erstellen.

Doch Poole versuchte es trotzdem:

  • Er isolierte Ezekiels Stimme mithilfe des ElevenLabs Voice Isolators vom lauten Fernseher.
    Das Ergebnis war brauchbar, aber dünn, ohne Intonation und mit einem amerikanischen Akzent.
  • Laut BBC wandte er sich also an eine andere nicht weiter genannte App. Für die wurde eine KI mit tausenden Stimmen trainiert, um die Lücken, die der Voice-Isolator hinterlässt, zu füllen und vorherzusagen, wie eine Stimme sich mit Intonation anhören würde.

Als Poole schließlich mit einigen Audiospuren zufrieden war, schickte er sie an Ezekiel.

Wir können spüren, wer sie als Person ist – die Kraft der eigenen Stimme

Ezekiel ist von den Audiospuren, die Smartbox ihr schickt, überwältigt. Sie konnte nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder ihre eigene Stimme – oder eher: einen Klon davon – hören:

Nach so langer Zeit konnte ich mich nicht mehr wirklich an meine Stimme erinnern. Als ich sie zum ersten Mal wieder hörte, musste ich fast weinen. Es ist eine Art Wunder.

Für Sarahs Kinder war es das erste Mal, hören konnten, wie ihre Mutter vor der Krankheit klang. Die familiäre Bindung sei dadurch stärker geworden, denn nun kann die Mutter mit ihrer Sprache auch Emotionen ausdrücken.

Tochter Aviva erklärt der BBC:

Wir können spüren, wer sie als Person ist. Mama ist nicht einfach nur eine behinderte Person in der Ecke mit einem Roboter, der nicht zu ihr passt.

Ezekiel scherzt der BBC gegenüber sogar, dass sie ihre alte Roboterstimme auch manchmal vermisse. Sie habe durch sie sehr vornehm geklungen – im Gegensatz zu ihrem britischen Arbeiterdialekt (Cockney) mit einem leichten Lispeln.

Ezekiel hat ausgerechnet durch Künstliche Intelligenz ein bisschen ihrer Menschlichkeit zurückgewonnen: Ich bin froh, wieder zurück zu sein. Es ist besser, als ein Roboter zu sein.

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