Das Mafia-Remake: Die kontroversen Testwertungen sind keine Überraschung

Meinung: Das legendäre Action-Spiel Mafia hat ein Remake bekommen und das polarisiert. Für die einen einwandfrei, für die anderen eine Enttäuschung. Doch dieser Zwiespalt war vorhersehbar.

von Fabiano Uslenghi,
25.09.2020 18:00 Uhr

In einer perfekten Welt wären wir uns immer einig. Jeder würde die selbe Wertung vergeben, es gäbe keine stundenlange Podcasts um kontroverse Themen und die Wahlkämpfe dieser Welt wären schnell entschieden. Aber wäre das nicht irgendwo langweilig? Diskussionen sind doch der Puls einer Gesellschaft.

Die letzte größere Diskussion betrifft nun das taufrische Remake des legendären Gangster-Abenteuers Mafia. Eine Neuauflage zu einem Spiel, das wohl (in diesem Fall herrscht noch Einigkeit) als eines der besten Story-Spiele aller Zeiten gilt. Das so gut war, dass seine Nachfolger dieses Gefühl von damals nie wieder zurückholen konnten. Klar, da schießen die Hände jubelnd in die Höhe, wenn so ein Klassiker in neuer Optik zurückkehrt.

Doch das Endprodukt spaltet die Menschheit. Wenn ihr euch unserem Test dazu durchgelesen oder schon in unser Video gelinst habt, dann wisst ihr: Wir bei der GameStar gehören nicht dazu. Mein Team und ich erleben mit dem Remake eine großartige Zeit und belohnen die Mafia: Definitive Edition deshalb mit einer knackigen Top-Wertung von 88 Punkten.

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Wir sind damit nicht allein. Auf Metacritic gibt es zahlreiche Wertungen jenseits der 80 und einige durchbrechen sogar die 90er-Schallmauer. Trotzdem steht das Spiel auf einem Durchschnitt von 78. Das Spiel bekommt nämlich nicht ausnahmslos Höchstwertungen, sondern eben auch viele sehr mäßige und sogar einige verdammt schlechte. Was ist da passiert? Nimmt einfach jeder das Spiel anders war? Ich glaube nicht. Ich glaube viel mehr, dass es dafür verschiedene Gründe gibt und habe schon vor dem Release ein wenig damit gerechnet.

Der Autor:
Fabiano wuchs mit Mafia auf. Nein, nicht weil er Halbitaliener ist. Für ihn war das Gangster-Epos aber von Kindesbeinen an so prägend, dass ihm in späteren Shootern oft die Munition ausging. Er war es nämlich nicht gewöhnt, »sicherheitshalber« nachzuladen. Das verschwendet doch Munition! Gerade weil ihm das Original so viel bedeutet, war er bei dem Remake sehr skeptisch und fühlte das Bedürfnis, über alles zu meckern. Aber letztlich konnte er erkennen, was die Entwickler hier geleistet haben und hatte dann soviel Spaß, wie selten 2020. Doch so ging es wohl nicht jedem.

Was macht das Remake für viele falsch?

Hier nochmal in aller Kürze, was mich an dem Remake am meisten begeistert hat: Es ergänzt das Original, ohne überflüssige Inhalte nachzureichen oder Atmosphäre und Story zu ruinieren. Aber genau hier haken die Kritiker ein. Wenn ich mir die negativen Reviews so ansehe, stechen dabei drei Punkte immer wieder ins Auge.

  1. Kein Vergleich zu modernen Open-World-Spielen: Die Struktur des Remakes wird gelegentlich als »seltsam« bezeichnet. Die Offene Welte wird etwa kaum genutzt. Stattdessen bleibt Mafia weitestgehend linear. Selbst in der Freifahrt gibt es für den Spieler wenig zu tun. Hier seien gerade in den letzten Jahren sehr viel bessere Spiele erschienen, die das Konzept einer Offenen Welt deutlich vorangebracht haben.
  2. Steuert sich zu behäbig: Oft wird sich auch über die Steuerung von Tommy und den Fahrzeugen moniert. Die Shooter-Einlagen seien eher Genre-Standard als herausragend unterhaltsam und besonders die Schlägereien spielen sich uninspiriert. Außerdem gibt es nur eine sehr kleine Auswahl an Schusswaffen.
  3. Nicht alles so wie früher: Diese Kritik findet sich hauptsächlich aus der Community oder bei Steam-Reviews. Denn auch wenn das Remake nah an der Vorlage bleibt, gibt es doch Änderungen. Straßenbahnen lassen sich nicht mehr benutzen, Lucas Bertone verteilt keine Nebenaufgaben mehr und so weiter.

Je nach Test oder Steam-Bewertungen werden andere Schwerpunkte gesetzt. Doch wenn eine Bewertung für das Remake schlecht ausfällt, dann ist in der Regel mindestens einer dieser drei Punkte ausschlaggebend. Letztlich überrascht das aber nicht. Mafia war nämlich im Grunde schon immer ein etwas kurioser Fall. Hier jeden zufriedenzustellen, halte ich für nahezu unmöglich.

Der Automechaniker Lucas ist auch im Remake noch da, gibt uns aber nach einer Mission keine zwielichtigen Aufträge mehr. Dafür wird die Story noch weiter verdichtet. Der Automechaniker Lucas ist auch im Remake noch da, gibt uns aber nach einer Mission keine zwielichtigen Aufträge mehr. Dafür wird die Story noch weiter verdichtet.

Was wir von einem Remake erwarten

Ob diese drei Punkte reichen um Mafia: Definitive Edition zu verdammen, ist letztlich Auslegungssache. Es geht wie so oft um die Frage danach, was wir von einem Remake eigentlich erwarten. Den Geist des Originals einfangen oder alles so modernisieren, damit es neben neueren Konkurrenten noch besteht. Die Beschwerde über die Open World von Mafia ist dafür bezeichnend.

Wieso baut man eine komplette offene Welt, nur um dann von einer Mission zur nächsten zu fahren? Natürlich wäre es eine Gelegenheit gewesen, hier die Welt mit viel mehr Aktivitäten zu füllen. Sich Anzüge zu kaufen und vielleicht mal mit Paulie ein Bier zu trinken, um dann nach Hause zu torkeln. Aber im Fall von Mafia würde das meiner Meinung nach schon den Spielfluss stören.

Die Open World hatte im Original nicht den selben Zweck wie bei der GTA-Konkurrenz. Sie trägt zur Stimmung bei und macht Verfolgungsjagden durch die Straßen möglich. Zwischen den Missionen aber seine Zeit zu vertrödeln, würde das Erzähltempo und damit die äußerst wichtige Geschichte stören. Wer den Geist des Originals ehrt, der sollte das vermeiden.

Dadurch bekommt man letztlich aber auch nicht mehr als früher. Dieser Konflikt war absehbar, da schon das Original für seine kulissenhafte Welt kritisiert werden konnte. Sie fiel nur nicht so heftig aus, da wir von einem Horizon: Zero Dawn oder Witcher 3 noch nichts wussten.

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Keine leichte Aufgabe

Wenn wir uns dann aber die anderen beiden Punkte ansehen, konnte Hangar 13 eigentlich nur verlieren. Gut, die Shooter-Mechaniken werden keinen Innovations-Preis gewinnen. Aber auch hier gehört die Behäbigkeit ein wenig zum Konzept.

Das ist kein Uncharted, in dem ein schier unverwundbare Nathan Drake durch die Level stürzt. Wir spielen einen Taxifahrer. Entweder die Entwickler bilden diesen Teil der Geschichte auch im Gameplay ab, oder sie werfen das Konzept ganz über Bord.

Und wenn sie das machen, bekommen sie Ärger mit den Leuten, die sich über Änderungen zum Original ärgern. Die Entwickler müssen an jeder Ecke entscheiden, was sie ändern können und was sie ändern müssen. Hier einen guten Mittelweg zu finden, ist unheimlich schwer. Ich finde, Hangar 13 ist das erstaunlich gut gelungen.

Aber es überrascht mich nicht, dass andere enttäuscht wurden. Manche erwarten von einem Remake nämlich einfach keine Kompromisse, sondern tendieren stärker in eine jeweilige Richtung. Und gerade bei einem so ungewöhnlichen Open-World- und Realismus-Fokus wie bei Mafia führen diese Richtungen zu sehr weit entfernten Orten.

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