Die Probleme von Marathon: Die Balance
Marathon funktioniert dann am besten, wenn es sein darf, was es sein will: ein schneller Loot-Shooter mit Fokus auf fetzige PvP-Gefechte, in denen Bungies Gunplay zeigen kann, warum es genreweit zum besten seines Fachs gehört. Aktuell steht die schiefe Balance dem aber noch zu sehr im Weg.
Ein Beispiel: Die KI-Gegner von Marathon hauen rein wie Mike Tyson in den 90ern. Anders als in Arc Raiders stehen Bots eigentlich nicht im Fokus des Spiels, sollen euch bloß ein bisschen ablenken, denn sie werfen kaum interessante Beute ab. Aber die Kollegen verfolgen mich so unerbittlich, spawnen gerne auch mal neben euch und lasern wie der Todesstern, sodass ihr in vielen Matches eure ganzen Schild- und Heil-Items schon verballert habt, bevor ihr dem ersten echten Menschen begegnet.
Sämtliche Umgebungsgefahren in Marathon wirken in ihrer »Tödlichkeit« übersteuert. Strauchelt ihr während eines Gefechts zum Beispiel in eine Giftpflanze, könnt ihr eigentlich einpacken. Nicht falsch verstehen: Ein Extraction Shooter darf natürlich tödliches Drumherum bieten, aber Marathons PvP-Gefechte sind bereits so intensiv mit extrem niedriger »Time to kill«, dass es ungemein frustet, wie oft ich durch Umgebungspech sterbe, weil zum Beispiel wieder irgendein Bot hinter mir gespawnt ist.
Und wieso macht das jetzt trotzdem Spaß?
Ich habe euch bewusst zuerst all diese Probleme in ellenlanger Ausführlichkeit aufgezählt, damit klar wird, das ich hier kein verblendeter Fanboy tippt, wenn ich festhalte: Ich mag Marathon. Ich mag Marathon wirklich gerne. So sehr, dass ich gerade eigentlich ununterbrochen weiterspielen möchte.
Denn nach den ersten Stunden der Eingewöhnung verblassen die ganzen Baustellen und Probleme und das Spiel kann seine eigentlichen Stärken auffahren:
- Der Look: Ja, das gewöhungsbedürftige Artdesign mag sich negativ auf Spielerführung und Sichtbarkeit auswirken, aber finde ich es klasse, wie frisch sich Marathon innerhalb der Shooter-Science-Fiction anfühlt. Der ganze Style erinnert stark an die alten System Shocks, an überstilisierten Hacker-Punk, statt aufs immer gleiche Military-Grau-Braun zu setzen.
- Die Atmosphäre: Besonders solo fühlt sich Marathon manchmal an wie ein halbes Horrorspiel. Wie in Armored Core 6 agiere ich als Roboterhülle die ganze Zeit nur mit spinnenhaften, gesichtslosen Megacorps auf einer verlassenen Kolonie irgendwie im Niemandsland. Wer innehält und sich anschaut, welche Geschichten die Umgebung eigentlich erzählt, findet eine verblüffend spannende Spielwelt.
- Der PvP: Die Schießereien in Marathon spielen sich klasse, hier lebt Bungie seine Stärken noch genau wie damals in Halo. Jede Waffe hat klare Stärken und Schwächen, die »Time to kill« fällt recht niedrig aus, im Mensch-gegen-Mensch-Multiplayer ist das Spiel richtig gut.
Generell findet Marathon bei mir einen Sweetspot, den kein anderer Extraction Shooter so erreicht: Die Matches spielen sich dank der flotten Bewegung und des noch flotteren Schießens sehr viel kurzweiliger als ein Arena Breakout oder Tarkov, der PvP-Fokus sagt mir außerdem deutlich mehr zu als der kuschelige PvE-Pazifismus eines Arc Raiders. Die Maps finden eine schöne Mitte zwischen groß und kompakt, ich bin schnell in der Action, kann sie aber auch meiden.
In Marathon steckt ein wirklich guter und frischer Shooter, aber das ist eben das Tragische: Viele Leute werden ihn nie zu Gesicht bekommen, weil all die Probleme sie (völlig zurecht) in die Flucht schlagen. Und mehr noch: Ich bin sehr skeptisch, ob das Spiel sich in der umkämpften Extraction-Shooter-Landschaft platzieren kann mit so großen Reibungsflächen, einem steilen Einstiegspreis, einem gewöhnungsbedürftigen Look und einer Konkurrenz, die – und da spekuliere ich jetzt mal, dass die Baustellen des Server Slams in vier Tagen nicht gefixt sein werden – einen deutlich runderen Launch hingelegt hat.
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