Meinung: Wieso das Avatar-Spiel viel besser als der Film werden könnte

Ubisoft hat auf der E3 2021 überraschend erste Szenen aus Avatar: Frontiers of Pandora gezeigt. Autorin Steffi hat große Hoffnungen.

von Stephanie Schlottag,
13.06.2021 15:22 Uhr

Bild: Disney / 20th Century Studios Bild: Disney / 20th Century Studios

Ich bin ein Avatar-Fan. Ein Satz, der meinen Coolness-Faktor sofort in den Keller zum Schämen schickt - in den letzten Jahren hat sich Avatar zum Nickelback der Filme gewandelt. Früher fanden es die meisten super, inzwischen gibt's mehr spöttische Memes als Loblieder. Und das kann ich leider sogar verstehen! Denn der Film hat einige heimatbaumgroße Probleme.

Genau deswegen treibt mir der Trailer zu Avatar: Frontiers of Pandora die Freudentränchen in die Augen. Ich glaube, dass das Spiel Avatar aus der teils selbst gegrabenen Versenkung heben und zu dem glanzvollen Kult-Phänomen machen kann, das James Cameron erschaffen wollte. Warum ich da so optimistisch bin, erkläre ich euch in meiner Kolumne, während mein Kollege Nils Raettig die Technik von Avatar in Augenschein nimmt.

Die Autorin: Steffi hat den Avatar-Film mehrmals im Kino und seitdem alle paar Jahre nochmal daheim angeschaut. In der Zwischenzeit hat sie sich lieber durch das Survival-Handbuch und das offizielle Lexikon gearbeitet, alle unfertigen Szenen auf Youtube bewundert - Jake sollte ursprünglich einen Shroom-Trip zu Eywa erleben, kein Witz - und ihr Gesicht öfter durch Na'vi-Filter gejagt, als sie jemals zugeben würde.

Das heißt aber nicht, dass sie keine Kritik am Film versteht, ganz im Gegenteil. Sie ist jederzeit bereit, darüber zu diskutieren, warum Neytiri am Ende den Tag hätte retten müssen und nicht der generische US-Marine Jake. Hat jemand zufällig die Nummer von James Cameron parat?

Wo steht das Avatar-Universum 2021? In einem seltsamen Limbo, zwischen Mega-Erfolg (zum Beispiel die riesige Neuveröffentlichung in China) und vollkommenem Vergessen. "Was war nochmal dieser Film mit den blauen Aliens und dem Dschungel? Sah ganz gut aus, aber seitdem hat Marvel ja völlig neue CGI-Maßstäbe gesetzt". So liest sich das in unzähligen Kommentaren bei Youtube und Co. Die längst angekündigten Fortsetzungen sollen angeblich ab 2022 erscheinen - naja, mal abwarten.

Und genau jetzt kommt Ubisoft mit ihrem Spiel Avatar: Frontiers of Pandora daher. Zum Glück!

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Ich stelle jetzt eine gewagte Behauptung auf: Film ist gar nicht die richtige Plattform, um das Avatar-Universum zu erleben. Spiele schon. Lasst mich erklären.

Klar ist es schwer beeindruckend, vor einer riesigen Leinwand zu sitzen und die schönsten Orte von Pandora präsentiert zu bekommen. Am liebsten würde ich direkt aufspringen, eintauchen und dann selber tagelang durch den Wald streifen, mit meinem treuen Bogen an der Seite - und das kann ich nur in einem Spiel erleben:

Spannende Open World

Hand aufs Herz, fast niemand feierte den Avatar-Film ernsthaft für seine Story. Ich auch nicht (obwohl ich finde, dass der Director's Cut extrem viel rausreißt, aber das ist ein anderes Thema). Stattdessen waren wir betört von der sagenhaften Schönheit der Welt Pandora. Ein fremder Mond, bedeckt von dichtem Dschungel, der tagsüber an den tiefsten Amazonas erinnert und nachts zum atemberaubenden, aber tödlichen Lichtermeer wird. Die riesigen Na'vi, die zwischen noch riesigeren Bäumen leben, jagen und um ihre Heimat kämpfen. Eine völlig fremdartige Tierwelt, über die ich wochenlang Sachbücher schmökern könnte.

Das hat immerhin für den Titel "kommerziell erfolgreichster Film aller Zeiten" gereicht:

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Das World Building ist eindeutig die größte Stärke von Avatar. Und gleichzeitig das, was im Film stark zurückgefahren werden musste, allein schon aus Zeitmangel. Diese Beschränkung fällt in einem Open-World-Spiel weg, vor allem, wenn Ubisoft sich beim Umfang an die aktuellen Assassin's Creeds anlehnt. Wir haben im besten Fall viele Stunden Zeit, um den Dschungel zu erkunden, zwischen den meterhohen Farnen umherzuschleichen, uralte Geheimnisse selbst aufzudecken.

Wenn das Spiel seine Welt spannend genug ausfüllen kann, dann hat Pandora endlich Gelegenheit, uns Spielern wirklich ans Herz zu wachsen, sich wie unsere Heimat anzufühlen. Hoffentlich werden wir dann auch selbst den Schmerz fühlen, wenn die RDA mit riesigen Maschinen anrückt, um dieses einmalige Öko-System plattzuwalzen. Die beste Motivation, um den kleinen, rosafarbenen Alien-Invasoren den Kampf anzusagen!

Avatar: Frontiers of Pandora - Screenshots ansehen

Ein Setting, wie für's Spielen gemacht

Ich kann mir kaum ein dankbareres Setting für ein Open-World-Adventure vorstellen als das Pandoraverse. Alles, was die Na'vi in ihrem Alltag tun, lässt sich ideal in Missionsform umsetzen: Jagen, Kundschaften, Ressourcen finden, Tiere mittels Nervenverbindungs-Zopf zähmen… Sie sind außerdem unglaublich mobil, reiten auf dem Rücken von Pa'li-Pferden oder fliegenden Ikran-Drachen, huschen durchs Unterholz, klettern in den Baumkronen, tauchen durch die leuchtende Flussriffe. Das schreit doch förmlich nach einem Spiel, das uns all das ermöglicht!

Dazu kommt der fortschrittliche Feind RDA, die Kämpfe gegen Mechs, Soldaten, Fahrzeuge und Helikopter versprechen in der Theorie viel Abwechslung. Vielleicht bekommen wir es auch mit den gefährlichsten Raubtieren von Pandora zu tun, dem Thanator oder dem Riesen"vogel" Turuk?

Mehr Raum für die Story

In Spielform gegossen kann die klassische Geschichte vom Kampf zwischen Natur und Technik wundervoll funktionieren - ich schiele da in Richtung Horizon Zero Dawn. Frontiers of Pandora kann komplexe Charaktere und Motivationen einbauen, viele verzweigte Geschichten erzählen - und uns vielleicht auch selbst entscheiden lassen, was wir im Kampf um unsere Welt opfern. Also eigentlich all das, was dem Film gefehlt hat.

Es gibt natürlich jede Menge möglicher Stolpersteine, die sich Avatar dabei selbst in den Weg legen kann. Mehr über die selbstverschuldeten Probleme vieler Action-Adventures erfahrt ihr hier in unserem Video:

5 Gründe, weshalb sich Action-Rollenspiele oft selbst im Weg stehen PLUS 19:45 5 Gründe, weshalb sich Action-Rollenspiele oft selbst im Weg stehen

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Alles, was ich oben beschrieben habe, sind meine persönlichen Hoffnungen für ein kommendes AAA-Avatar-Spiel, kaum etwas davon lässt sich aus dem schicken Reveal-Trailer ableiten. Aber es gibt mehrere Gründe für meinen Optimismus:

  • Avatar: Frontiers of Pandora wird ausschließlich für NextGen entwickelt. Das bedeutet, es wird nicht von angestaubter Technik zurückgehalten, sondern kann aus dem Vollen schöpfen. Das wird auch unbedingt nötig sein, wenn Pandora ein zweites Mal neue Maßstäbe setzen soll!
  • Sowohl Entwickler Massive als auch Publisher Ubisoft haben viel Erfahrung mit Open World. The Division 2 war spitze, Far Cry und Assassin's Creed sind nicht umsonst zwei der bekanntesten Franchises der Spielewelt, "Ubisoft-Formel" hin oder her.
  • Die unglaublich reiche Lore für das Spiel existiert schon. James Cameron und viele weitere Spitzen-Autoren haben viele Jahre Arbeit in das Pandoraverse gesteckt, eine komplette Evolutionsgeschichte und Sprache erfunden, eine komplexe Sagenwelt und viele verschiedene Kulturen erschaffen. Auf so einer felsenfesten Basis können nur wenige andere Spiele aufbauen.
  • Das Spiel wird laut offizieller Ankündigung nicht direkt mit den Filmen zusammenhängen, sondern will eine eigene Geschichte erzählen. Genau richtig, ich will nichts spielen, was ich genau so schon aus dem Kino kenne.
  • Ubisoft hat schon mal ein Avatar-Spiel entwickelt - und ziemlich erfolgreich vermarktet. Der Lizenztitel war zwar echt nicht der große Wurf, brachte aber trotzdem ein paar richtig gute Ideen mit. Und hat heute noch eine überraschend leidenschaftliche Fan-Base! Aus dieser Erfahrung kann Ubisoft wichtige Lehren ziehen und es diesmal hoffentlich besser machen.
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Ihr merkt schon, mich hat's erwischt, ich bin wieder im Avatar-Fieber. Wie immer rate ich euch dringend dazu, euch selbst zu informieren, auf keinen Fall etwas vorzubestellen und echtes Gameplay abzuwarten. Aber verdammt noch mal, es fühlt sich toll an, sich endlich wieder richtig über eine Neuankündigung zu freuen! Wenn Frontiers of Pandora gut wird, kann ich gern auch nochmal zwölf Jahre auf den nächsten Film warten.

Falls ihr übrigens auf der Suche nach den besten Geheimtipps der E3 2021 seid, dann empfehle ich euch diese Liste von Kollegin Géraldine!

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