Overwatch - Blizzard trickst beim Lootbox-Gesetz

Blizzard versucht derzeit mit einem Trick, das neue Lootbox-Gesetz in China zu umgehen. Das sollten sich auch Spieler im Westen anschauen.

von Stefan Köhler,
09.06.2017 18:09 Uhr

Blizzard trickst in China, um ein Glücksspielgesetz zu umgehen. Da sollten auch westliche Spieler hellhörig werden!Blizzard trickst in China, um ein Glücksspielgesetz zu umgehen. Da sollten auch westliche Spieler hellhörig werden!

Das Update 1.12 für Overwatch soll den Kauf von Lootboxen etwas interessanter gestalten. Zumindest in China. Denn wie es im offiziellen Overwatch-Forum heißt, werden die Lootbox-Pakete im chinesischen Shop um die Ingame-Währung Credits ergänzt. Mit der kann man gezielt einzelne Items kaufen, sodass man nicht mehr auf die zufällige Lootbox-Beute angewiesen ist. Credits gibt es eigentlich wiederum nur in Lootboxen, ein Direktkauf oder ein gezieltes Erspielen ist nicht möglich.

»Danke Blizzard!«, möchte man meinen. Wenn die Änderung am Shop denn tatsächlich reines Wohlwollen bedeuten würden. Aber darum geht es nicht, Blizzard will nur das neue Glücksspiel-Gesetz Chinas umgehen. Und dieses Vorgehen sollten sich alle Blizzard-Fans weltweit anschauen, nicht nur die chinesischen Spieler.

Ein Gesetz sie zu binden

Wir erinnern uns: China will Lootboxen per Gesetz transparenter machen, denn die Zufallspakete sind nichts Anderes als Glücksspiel im digitalen Paket. Schließlich weiß man im Voraus nicht, was man für sein Geld bekommt. Seit Mai müssen Entwickler, die Lootboxen in ihr Spiel integriert haben, die exakten Chancen für den Erhalt aller Items im Paket angeben.

Es geht um den Kampf gegen Glücksspielmechaniken und so genannte Gacha Games, bei denen Sets von Zufallsitems gesammelt werden müssen, um noch bessere Items zu craften oder Belohnungen zu erhalten. Viele Mobilespiele funktionieren nach dem Gacha-Prinzip. Asien ist im Kampf gegen Glücksspiel in Videospielen schon deutlich weiter als der gesamte Westen (bis auf Großbritanniens Glücksspielbehörde), neben Chinas neuer Regulierung hat Japan schon im Jahr 2012 Gacha-Spiele gesetzlich verboten.

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Entwickler sind in China nun gesetzlich verpflichtet, ihren Kunden genau zu sagen, was der Spieler aus Paketen ziehen kann und wie wahrscheinlich (oder unwahrscheinlich) der jeweilige Inhalt ist. Overwatch-Spieler in China erhalten laut Blizzards offiziellen Angaben beispielsweise ungefähr alle 22 Items (einmal pro 5,5 Kisten) einen epischen Gegenstand. Ein legendäres Item taucht im Durchschnitt unter 54 Items (13,5 Kisten) einmal auf. Genauer ist Blizzards Beschreibung nicht, alle legendären und epischen Items haben offensichtlich, trotz unterschiedlicher Kategorien (Skins, Emotes, Posen und so weiter), dieselbe Wahrscheinlichkeit aufzutauchen.

Mehr zum Thema: China führt Lootbox-Glücksspielgesetz ein

Blizzard beweist Mut zur Lücke

Mit Patch 1.12 hebelt Blizzard dieses Gesetz nun jedoch aus: Statt Lootboxen gegen Echtgeld zu kaufen, erstehen die chinesischen Spieler ab sofort die Ingame-Währung Credits. Lootboxen gibt es für den Kauf der Credits-Pakete dann »gratis als Geschenk« dazu.

Schauen wir uns die Preise an:

  • 12 Renminbi Yuan, etwa 1,50 Euro: 5 Credits, 2 Lootboxen
  • 30 Renminbi Yuan, etwa 4 Euro: 15 Credits, 5 Lootboxen
  • 60 Renminbi Yuan, etwa 8 Euro: 30 Credits, 11 Lootboxen
  • 120 Renminbi Yuan, etwa 15 Euro: 60 Credits, 24 Lootboxen
  • 238 Renminbi Yuan, etwa 30 Euro: 120 Credits, 50 Lootboxen

Der Trick ist: Solange Ingame-Währung verkauft wird und man Lootboxen nur als Geschenk dazubekommt, wird das Gesetz ausgehebelt und Blizzard muss keine Auskunft über Lootboxen mehr geben. Das Unternehmen könnte nun auch Änderungen an den Zufallschancen vornehmen und epische und legendäre Items noch seltener machen, ohne dies offiziell angeben zu müssen.

(K)ein guter Deal

Aber gut, immerhin kann man sich die gewünschte Beute nun ja direkt kaufen. Das stimmt zwar, doch die Preise sind vergleichsweise immens. Die günstigsten Items (Einzeiler-Sprachaufnahmen und Wandsprays) kosten bereits 25 Credits, unter 8 Euro Mindestbestellwert kann man sich für das Credits-Paket also nichts leisten. Die teuersten Items im Spiel, legendäre Event-Skins, kosten 3.000 Credits. Dafür müssten die Käufer von Credits-Paketen schon 750 Euro hinlegen - wohlgemerkt für einen einzelnen Skin. Aber dann gäbe es ja auch 1.250 Lootboxen »gratis« als Geschenk dazu.

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Man merkt schon: Es geht hier gar nicht um ein faireres Angebot, Blizzard nutzt die Umstellung in erster Linie, um nicht die Zufallschancen der Lootbox-Beute preisgeben zu müssen. Die Credits-Summe kann quasi ignoriert werden. Damit umgeht der Entwickler das chinesische Glücksspiel-Gesetz.

Nur - warum eigentlich? Die Lootchancen sind doch bereits bekannt, und auch die möglichen Inhalte jeder Lootbox kann ein Overwatch-Spieler schon vorab einsehen. Auch wenn die schließlich gezogenen Items vorher nicht bekannt sind. Wieso versucht Blizzard nun trotzdem, die Gesetzeslücke auszunutzen?

Herrlich transparent intransparent

Es hat keinen einzigen Vorteil für den Kunden, wenn Blizzard sich nicht mehr an das Gesetz halten muss. Es geht dem Unternehmen um Intransparenz. Blizzard will seinen Kunden nicht sagen müssen, welche Chancen sie bei ihren Würfelwürfen beim Glücksspiel haben. Blizzard will nicht, dass jemand merkt, wenn es die Dropchancen im Nachhinein verändert. Und Blizzard will auch nicht, dass sich irgendwann jemand hinsetzt und nachrechnet, um Unregelmäßigkeiten zu überprüfen.

Schließlich nutzen Blizzard und andere Hersteller jede Menge Tricks und Mechaniken, beispielsweise den »Pity Timer«. Der garantiert etwa bei Diablo 3 und Hearthstone, dass nach einer gewissen Zeit ohne Glück bei Zufallsitems die Chance auf einen legendären Gegenstand langsam Richtung 100 Prozent wandert. Ein klarer Fall von psychologisch-manipulativer Glücksspielmechanik, um den Spieler bei sehr niedrigen Gewinnchancen trotzdem bei der Stange zu halten und das Gefühl zu geben, doch ein Gewinner zu sein. Hearthstone-Spieler konnten den Effekt bereits aufzeigen, bei Diablo 3 sprechen die Entwickler offen vom Pity Timer. Overwatch nutzt mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls einen Pity Timer, empirisch nachgewiesen wurde er aber noch nicht.

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Die grobe Angabe von ungefähr 5,5 Boxen für epische und 13,5 Boxen für legendäre Items war deswegen bereits vorher relativ nutzlos, da die genauen Gewinnchancen und möglichen Multiplikatoren (neben dem Pity Timer) sich so nicht errechnen lassen. Jetzt muss Blizzard gar keine Zahlen mehr veröffentlichen.

Und dieser Trick dürfte Schule machen - spätestens, wenn die Glücksspiel-Behörden anderer Länder dem chinesischen Beispiel folgen, ohne die Gesetzeslücke zu schließen. Und das sollte eben auch westliche Spieler interessieren, die ab und zu dann doch ein paar Lootboxen einkaufen.

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