Paradox - Nach kontroversem Handbuch-Eintrag: P&P-Entwickler White Wolf wird die Unabhängigkeit entzogen

Im Handbuch des P&P-Spiels Vampire: The Masquerade kommentiert Macher White Wolf das Schicksal tschetschenischer Homosexueller mit einer unsensiblen Formulierung. Eigentümer Paradox reagiert und strukturiert die Entwickler um. Es ist nicht die erste Kontroverse.

von Martin Dietrich,
19.11.2018 17:16 Uhr

White Wolf, der Entwickler hinter der Vorlage von Vampire: The Masquerade - Bloodlines, wird umstrukturiert.White Wolf, der Entwickler hinter der Vorlage von Vampire: The Masquerade - Bloodlines, wird umstrukturiert.

Paradox Interactive hat angekündigt, den P&P- und Tabletop-Entwickler White Wolf vollständig in ihr Unternehmen zu integrieren und der Tochterfirma damit die Kontrolle über das fiktive Universum World of Darkness zu entziehen. Vorausgegangen ist eine unsensible und unsachliche Erwähnung der Homosexuellen-Verfolgung in Tschetschenien im Handbuch einer Neuauflage von Vampire: The Masquerade sowie frühere Streitigkeiten.

Konkret geht es aktuell um eine Stelle im Camarilla Quellenbuch, dessen Print-Produktion zusammen mit dem Anarch Quellenbuch erstmal ausgesetzt ist und das nun drei Wochen später nach einer Überarbeitung erscheinen wird. In der Anleitung wird die autonome, russischen Republik Tschetschenien als von Vampiren geführter Staat beschrieben. Die realen Gräueltaten der Verfolgung und Folterung von Homosexuellen werden als »geschickte Medienmanipulation« zusammengefasst, um die wahren Ziele der Machtinhaber zu verschleiern:

"Während Homosexuelle tatsächlich tagelang in Gefängnissen gehalten, gedemütigt, ausgehungert, gefoltert und schließlich doch gefüttert und getötet werden, ist dies nicht der entscheidende Punkt. Es geht darum, davon abzulenken, was in Wahrheit aus Tschetschenien geworden ist."

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Verfolgung von Minderheiten in Tschetschenien

Homosexuelle und andere Minderheiten werden in Tschetschenien gesellschaftlich geächtet und immer wieder politisch verfolgt. Im Mai 2017 sollen laut der regierungskritischen Zeitung Nowaja Gaseta mehr als 100 schwule Männer von Polizei und Sicherheitskräften festgenommen worden sein. Dabei sind mindestens drei Männer getötet worden, berichtete die Zeitung. Auch andere große Medienhäuser wie die New York Times und The Guardian stützten den Bericht.

Die Regierung widersprach allerdings der Geschichte und dementierte jegliche Festnahmen. Der Sprecher des tschetschenischen Präsidenten ließ damals verlauten, dass »man niemanden verhaften oder unterdrücken könnte, den es in der Republik gar nicht gibt.« Sollte es solche Leute in Tschetschenien wirklich geben, »müssten sich die Sicherheitsbehörden keine Sorgen um sie machen, denn ihre Verwandten würden sie schon an einen Ort geschickt haben, von dem sie nie wiederkehren könnten.«

Eben dieser Regierungssprecher meldete sich im Zuge der Diskussion um den Handbuch-Eintrag in Vampire: The Masquerade erneut und zeigte sich wenig erfreut über die Erwähnung. Die Entwickler des Spiels verfolgen seiner Meinung nach ein »politisches Ziel«. Es sei »eine Fortsetzung der Kampagne, um Russland und Tschetschenien zu verleumden« und er sei sich sicher, »dass dieselbe Organisation dahintersteht, die die Behauptungen über eine Verfolgung sexueller Minderheiten aufstellte.«

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Unternehmen entschuldigen sich

In einem Statement hat sich der Vice President of Business Development bei Paradox, Shams Jorjani, gemeldet und sich für den Handbuch-Eintrag entschuldigt:

"In World of Darkness ging es schon immer um Horror, und bei Horror geht es darum, die dunkelsten Teile unserer Gesellschaft, unserer Kultur und unserer selbst zu erkunden. Horror sollte keine Angst davor haben, schwierige oder heikle Themen zu berühren, sollte es jedoch niemals tun, ohne zu verstehen, worum es wirklich geht und was das Thema für den Einzelnen bedeutet. Es gibt wirklich Böses in der Welt, und wir dürfen die echten Täter niemals entschuldigen oder das Leid seiner echten Opfer herabsetzen.

Im Tschetschenien-Kapitel des V5-Camarilla-Buches haben wir das aus den Augen verloren. Das Ergebnis war ein Kapitel, das sich mit einer realen, fortwährenden Tragödie auf eine grobe und respektlose Art befasste. Wir hätten dies entweder während des kreativen Prozesses oder in der Bearbeitung feststellen müssen. Das ist nicht geschehen, und dafür entschuldigen wir uns. "

White Wolf selbst hat über Facebook eine Entschuldigung veröffentlicht. Jorjani ist momentan Interims-Manager bei White Wolf und wird die Eingliederung in die Paradox-Firmenstruktur überwachen. Der Prozess habe bereits im September begonnen und war immer der eigentliche Plan für White Wolf, so Jorjani. Aufgrund der Vorkommnisse wurden die Bemühungen jetzt allerdings beschleunigt und eine rasche Umsetzung vorangetrieben.

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P&P-Verlag nicht mehr eigenständig

Es ist nicht die erste Kontroverse in der jüngeren Vergangenheit von White Wolf. Im Sommer 2018 lautete der Vorwurf, dass sich ihr Marketing bewusst an Konsumenten mit Alt-Right- und Neo-Nazi-Ideologie wenden würde. White Wolf widersprach damals dieser Anschuldigung und veröffentlichte ein deutliches Statement gegen derlei Hassgruppen.

2015 kaufte Paradox White Wolf mit sämtlichen Marken und Assets. Damals hieß es, dass der P&P-Verlag völlig eigenständig als Tochterunternehmen weiterexistieren werde. Aktuell befindet sich auch noch ein entsprechendes Lizenz-Spiel für den PC und Konsolen in der Mache. Werewolf: The Apocalypse wird von Cyanide (Blood Bowl, Styx: Master of Shadows) entwickelt. Publisher ist Focus Home Interactive.

Quellen: Rock Paper Shotgun, Zeit, Polygon, Crime Russia

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