Eigentlich wollte ich während des letzten Steam Sales nur kurz nach ein paar Schnäppchen stöbern. Einmal durchscrollen, ein paar Spiele auf die Wunschliste, fertig. Doch dann spülte mir der Algorithmus Conquest of Elysium 5 in den Feed. Ein Blick auf die Screenshots reichte für ein spontanes Urteil: Uff, sieht gar nicht mal so gut aus.
Und trotzdem bin ich hängen geblieben. Vielleicht war es die Neugier, vielleicht die fast schon absurd positiven Nutzerreviews, die von unfassbarer Spieltiefe und zahllosen Systemen schwärmten. Also habe ich auf Kaufen geklickt – zur Not kann man das Ding ja immer noch zurückgeben.
Und ich sage euch: Was für ein Glückstreffer! Denn hinter dieser pixeligen, sperrigen Fassade verbirgt sich ein echtes Monster von einem Strategiespiel. Eines, das mich seit Tagen gnadenlos an den Monitor fesselt – und ich verrate euch jetzt, warum.
Ein Spiel, das euch leiden sehen will
Auf den ersten Blick wirkt CoE5 wie ein klassisches 4X-Rundenstrategiespiel der alten Schule. Ihr wählt eine Fraktion, bewegt eure Armeen über eine Weltkarte, erobert Minen, Dörfer und Städte und bekämpft Gegner. Doch wer hier ein gemütliches Civilization erwartet, wird brutal auf den Boden der Tatsachen geholt. CoE5 ist im Kern ein Roguelike-Strategiespiel.
Die Welt wird bei jedem Start zufällig generiert, der Tod ist permanent und das Spiel ist absolut nicht an Fairness interessiert. Ihr kontrolliert hier keine abstrakte Zivilisation, die sich über Jahrhunderte entwickelt. Stattdessen steuert ihr spezifische Kommandanten mit Rollenspiel-Werten, Inventaren und individuellen Fähigkeiten.
Was CoE5 aber wirklich von der Konkurrenz abhebt, ist die extreme Asymmetrie der 27 Völker. In den meisten Strategiespielen unterscheiden sich Fraktionen durch ein paar Boni oder Spezialeinheiten. Hier spielen sich die Völker so unterschiedlich, als hättet ihr es mit unterschiedlichen Spielen mit eigenen Ressourcen und Mechaniken zu tun:
- Der Baron: Er ist der »Langweiler« der Runde – aber wichtig für den Vergleich. Er spielt sich wie ein klassischer Total-War-Feldherr. Ihr treibt Steuern ein, hebt Heere aus und verlasst euch auf schwere Kavallerie. Euer Ziel ist es, die anderen militärisch zu überrennen, bevor deren Magie zu mächtig wird.
- Der Totenbeschwörer: Ihm ist Gold fast egal. Seine wahre Währung sind Leichen und sogenannte »Hands of Glory«. Ihr durchkämmt alte Schlachtfelder oder Friedhöfe, um Leichen zu sammeln und daraus eure Armeen zu beschwören. Je mehr Tod in der Welt herrscht, desto stärker werdet ihr.
- Der Dämonologe: Er opfert die Bevölkerung ganzer Dörfer, um Höllenpforten zu öffnen und mächtige Dämonen zu beschwören. Das ist mächtig, birgt aber ein enormes Risiko: Wenn eine Beschwörung schiefgeht (und das wird sie), greifen die Dämonen euren eigenen Anführer an.
- Voice of El: Eine Fraktion religiöser Eiferer, die Dörfer bekehrt und den Zehnt eintreibt. Ihr könnt im wahrsten Sinne des Wortes biblische Plagen beschwören und die »Sieben Siegel« brechen. Das bringt euch mächtige Engel als Verbündete – löst aber im schlimmsten Fall versehentlich die Apokalypse aus, die die gesamte Weltkarte zerstört.
- Die »Pale Ones«: Während sich alle anderen an der Oberfläche die Köpfe einschlagen, leben diese Wesen zunächst unter der Erde. Ihr versucht, Agartha – das Reich im Erdinneren – zu erobern, um anschließend von dort aus die Oberwelt zu unterwandern.
Mein Leben als Kultist
Um euch zu zeigen, wie schnell eine Partie in Conquest of Elysium 5 von »Standard-Strategiekost« zu »absoluter Wahnsinn« kippen kann, nehme ich euch mit in meinen letzten Versuch. Als Ctuhluhu-Fan fiel meine Wahl natürlich auf den Hohen Kultisten.
Mein Plan war simpel: ein paar Dörfer an der Küste einnehmen, die dortigen Bauern »überzeugen«, sich für die gute Sache zu opfern, und damit meine Armee aufbauen. Der Anfang lief wie am Schnürchen. Meine Kuttenträger sammelten fleißig Opferpunkte, und bald patrouillierten die ersten beschworenen Fischwesen in meinem kleinen Reich.
Doch wer gibt sich schon mit Fußvolk zufrieden? Ich sparte Runde um Runde, hortete Hunderte Opferpunkte für ein einziges, mächtiges Ritual – und das Spiel belohnte meine Gier. Plötzlich diente mir ein riesiges, schwebendes Auge, umgeben von Tentakeln, das stark an einen Beholder aus DnD erinnerte.
Dieses Ding war im Grunde eine fliegende Artillerie-Plattform. Während meine stetig wachsende Armee aus Fischmenschen und anderen Cthulhu-Kreaturen die feindlichen Linien beschäftigte, brutzelte mein neues Lieblingshaustier die Gegner reihenweise mit hochstufiger Magie weg.
Zwergenfestungen, Elfenwälder, Menschenstädte – nichts hielt stand. Das ist das Schöne an Conquest of Elysium: Man startet als kleiner Kultist und endet als Herrscher über eine riesige Armee aus Albträumen.
Zwei Schweden gegen den Grafik-Trend
Wenn ihr euch fragt, wie ein Spiel mit solch einer Tiefe und tausenden von verschiedenen Einheiten, Zaubern und Monstern überhaupt entstehen kann: Conquest of Elysium 5 ist ein Herzensprojekt von Illwinter Game Design.
Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Zwei-Mann-Team aus Schweden: Kristoffer Osterman und Johan Karlsson. Die beiden entwickeln seit den 90er Jahren Strategiespiele und sind vor allem für die Dominions-Reihe bekannt, die als großer, noch komplexerer Bruder von Conquest of Elysium gilt.
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Im Strategiespiel Dominions 6 schwingt ihr euch zum Gott auf
Ihre Philosophie ist dabei so simpel wie radikal: Inhalt geht über alles! Würden sie moderne 3D-Grafiken verwenden, müssten sie den Umfang ihrer Spiele massiv zusammenstreichen. Stattdessen bleiben sie bei ihrer zweckmäßigen Pixel-Optik, die es ihnen erlaubt, einfach alles ins Spiel zu werfen, was ihnen einfällt.
Ist Conquest of Elysium 5 also ein Spiel für jeden? Definitiv nicht. Wer Hochglanz-Grafik und Händchenhalten braucht, wird hier nicht glücklich. Doch wenn ihr die unvorhersehbaren Geschichten aus Rimworld oder die irre Komplexität von Dwarf Fortress liebt, ist dieser Titel für knapp 30 Euro auf Steam ein absoluter Pflichtkauf – wenn ihr bereit seid, hübsche Grafik gegen Spieltiefe zu tauschen.
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