True Crime bewegt sich aktuell irgendwo zwischen heiß geliebt und viel diskutiert. Manche nutzen die realen Verbrechen für den wohligen Schauer unter der gemütlichen Wolldecke, sozusagen als Geisterbahn im sicheren Wohnzimmer. Andere wiederum kritisieren, dass echte Opfer hier zu Unterhaltungszwecken vorgeführt werden und Täter, die nach Aufmerksamkeit lechzen, eine Bühne bekommen.
Für mich hängt es letztlich stark vom WIE des jeweiligen Formats ab, man kann Fälle und Opfer schließlich gleichermaßen respektvoll und informierend oder ausbeuterisch und sensationslustig inszenieren.
Mir geht es in diesem Artikel aber gar nicht um die übergeordnete True-Crime-Diskussion, sondern vielmehr darum, warum diese Art von Horror eigentlich so zündet. Denn im Gegensatz zu Spukhäusern und Zombies ist er vor allem eines: alltäglich. Wenn ich in einem Podcast von einer verschwundenen Frau höre, weiß ich, dass jeder diese Frau sein könnte – auch ich und das trifft mich in diesem Moment härter als der völlig überzeichnete Schlächter, der Jugendliche mit einer Maske im Gesicht jagt.
Dass die Verbrechen real sind, ist gar nicht unbedingt wichtig für den Effekt von True Crime. Sie passieren mir deshalb nicht unbedingt wahrscheinlicher als das oben beschriebene Teenie-Splatter-Szenario. Aber sie verzichten eben auf eine übertriebene Inszenierung und offenbaren den Horror, der sich hinter einem freundlichen oder unscheinbaren Gesicht verbergen kann. Wie viel weiß ich eigentlich wirklich über meine nette Nachbarin?
Dieser Grusel greift mich dort an, wo ich mich eigentlich sicher fühle, wo ich es nicht erwarte. Das sorgt für einen besonders intimen Nervenkitzel, der zumindest in der Spielewelt nur selten zum Zug kommt. Hier dominieren ganz klassisch die mutierten Monster, Flüche und Gespenster. Ein inzwischen schon 13 Jahre altes Spiel hat dieses Gefühl für mich aber auf den Punkt gebracht – lange vor dem True-Crime-Trend. The Cat Lady ist für mich auch heute noch ein besonderes Horrorspiel, weil es so alltäglich und trotzdem einzigartig ist.
Hinweis:
In diesem Artikel geht es unter anderem um das Thema Selbstmord. Wenn ihr selbst starke Depressionen habt, über Suizid nachdenkt oder jemanden kennt, ist nichts wichtiger, als darüber zu sprechen. Wenn ihr euch nicht Menschen in eurer direkten Nähe anvertrauen möchtet, könnt ihr euch anonym, rund um die Uhr und kostenlos unter anderem bei der Deutschen Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111, via Chat bei der Online-Seeelsorge oder beim Hilfe-Telefon Mutruf
melden. Den Verein erreicht ihr unter 04191/27 4928 0.
Der Horror im Alltag
Lasst euch von der experimentellen Optik des Adventures nicht abschrecken. The Cat Lady sieht ein bisschen aus wie die Kunstprojekte meiner Emo-Phase, erzählt aber eine der besten Geschichten, die das Horror-Genre zu bieten hat. Und baut zudem eine so dichte Atmosphäre auf, dass mir selbst in einem ganz und gar nicht realistischen 2D-Sidescroller Angst und bange wird.
Susan Ashworth ist eine vereinsamte 40-Jährige, die längst mit ihrem Leben abgeschlossen hat. Außer Streunerkatzen besucht sie niemand mehr, sie ist einsam, hoffnungslos und will nur noch sterben. Die untypische Heldin zieht deshalb gleich zu Spielbeginn die Reißleine und nimmt sich das Leben. Allerdings endet The Cat Lady damit nicht. Sie landet in einer mysteriösen Traumwelt und erhält eine zynische zweite Chance: Sie soll fünf schreckliche Menschen töten. Weigert sie sich, wartet die ewige Verdammnis.
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The Cat Lady - Test-Video zum düsteren Psycho-Adventure - Test-Video zum düsteren Psycho-Adventure
Susan bleibt also keine echte Wahl. Es geht zurück unter die Lebenden, wo sie diese mysteriösen Serienkiller ausmachen und ausschalten muss. Hier beginnt der wahre Horror von The Cat Lady: Denn diese fünf Personen sind vor allem eines: ganz normal. Ein netter Arzt, eine fürsorgliche Krankenschwester ... Es läuft mir immer noch eiskalt den Rücken runter, wenn ich daran denke, wie sie mir im Spiel begegnen und als was sie sich letztlich herausstellen.
Der hilfsbereite Arzt ist in Wahrheit ein brutaler Frauenhasser und Vergewaltiger, dem ich als Susan selbst in die Hände falle. Aus seinen Fängen entkomme ich nur, indem ich die Umgebung clever für mich nutze, um eine tödliche Falle zu bauen. Dafür schlüpfe ich sogar in die Rolle meiner Katze Teacup, die auch nach meiner Wiedergeburt noch an meiner Seite ist. Genauso wie meine neue Mitbewohnerin Mitzi, eine junge Obdachlose, die mich nach meinem versuchten Suizid irgendwie gefunden und gerettet hat.
Ein lebens- und liebenswertes Leben
The Cat Lady ist nämlich mehr als ein typisches Point&Click-Puzzle-Adventure und auch mehr als ein reines Horrorspiel. Es erzählt eine Geschichte voller Hoffnung. Mitzi und Teacup holen Susan nicht nur durch eine glückliche Fügung ins Leben zurück, sie helfen ihr auch, es wieder lieben zu lernen.
Die Mörder, die Susan aufspüren soll, offenbaren die schlimmsten menschlichen Abgründe. Aber gleichzeitig hält das Spiel eben das Gute im Menschen dagegen und zeigt mir eine schwerkranke, heimatlose Mitzi, die trotzdem nicht aufgibt und auch in mir nur das Gute sieht. Oder eine Katze, die mich so liebt, wie ich bin (oder zumindest das Futter, das ich ihr gebe, na ja, Katzen eben).
Die Geschichte von The Cat Lady nimmt sich auch Zeit für ruhige und gefühlvolle Momente, die mich und meinen Spielcharakter zum Nachdenken bringen. Gleichzeitig darf ich über Entscheidungen nicht nur Gegenwart und Zukunft, sondern auch Susans Vergangenheit formen. So bestimme ich, warum sie so ist, wie sie ist, aber helfe ihr auch, ihren Schmerz zu überwinden und wieder nach vorne zu blicken.
Am Ende bleibt so wie bei True Crime nicht nur die Angst, sondern eben auch das hoffnungsvolle Gefühl, dass Menschen in der Not zusammenhalten und einander auffangen. The Cat Lady war für mich deshalb nicht nur ein Spiel über alltäglichen Horror, sondern auch darüber, dass eben auch das Gute in uns alltäglich und allgegenwärtig ist.

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