Saudi-Vision zerbröselt: The Line verzwergt, Trojena verliert Winterspiele, Mukaab bleibt Baugrube – statt Utopie jetzt harter Realitätscheck und Sparzwang bei Neom

Saudi-Arabien ist reich an und dank Öl. Doch steht der historisch prägende Rohstoff vor dem wohl letzten Jahrhundert seiner Nutzung. Für die Zeit danach hat der Wüstenstaat einen Plan – allerdings droht der zu scheitern.

Solch eine Gestalt wird The Line wahrscheinlich niemals erreichen, stattdessen bleibt von der ambitionierten Vision bald eventuell nur noch eine längliche Betongrube im Wüstenboden.
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) Solch eine Gestalt wird The Line wahrscheinlich niemals erreichen, stattdessen bleibt von der ambitionierten Vision bald eventuell nur noch eine längliche Betongrube im Wüstenboden. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

Bereits mehrfach berichteten wir über eine Legende, die zuletzt langsam Gestalt annahm – zumindest als Fuge im Wüstensand. The Line: die ambitionierteste, tatsächlich im Bau befindliche Stadt der Menschheit, nicht zuletzt dank 170 Kilometer Länge und vollständiger Außenverglasung.

Doch anstatt des Trubels von mehr als einer Million Menschen im Jahr 2030 versinken dann wohl eher Stahlgerüste und Träume unter Wanderdünen. Was ist zwischen ersten Fortschritten und dem jetzt in Fachkreisen angestimmten Abgesang passiert, der sogar weit über einzelne Bauwerke hinausreicht? Es geht für Saudi-Arabiens ums Ganze.

Die Problemlage rund um fundamentale Rechte in Saudi-Arabien
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Amnesty International zufolge missachtet der Golfstaat in etlichen Bereichen Menschenrechte und international anerkannte gesellschaftliche Standards. Meinungs-, Presse- oder Vereinigungsfreiheit sind nicht gegeben.

Ferner bleibt die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Minderheiten weiterhin problematisch. Sie werden durch Gesetze und im täglichen Leben aufgrund von Tradition und Religion diskriminiert.

In der Strafverfolgung herrscht teils Willkür; Regimekritiker werden ohne klare Anklage, mitunter für sehr lange Zeit, in Gewahrsam genommen oder verschwinden spurlos. Vor Gericht erwarten sie regelmäßig ausgedehnte Haftstrafen, und in Gefängnissen sind sie Folter ausgesetzt. Auch die Todesstrafe bleibt ein Mittel für die Gerichte, die die auch für Straftaten wie etwa Drogenschmuggel verhängen.

Darüber hinaus leiden Arbeitsmigranten weiterhin unter dem Kafala-System. Obschon dieses traditionelle Vertragsinstrument inzwischen auf Kritik hin verändert wurde, sind ausländische Beschäftigte noch immer der Kontrolle ihrer Arbeitgeber unterworfen. Pässe werden mitunter einbehalten, um ein Druckmittel zu besitzen. Im Sommer müssen die Arbeitsmigranten weiterhin ungeschützt in brütender Hitze arbeiten.

Saudi-Arabien führt außerdem illegal einen Krieg im Jemen. Dem Land werden deshalb Kriegsverbrechen und zahlreiche schwere Verstöße gegen das Völkerrecht vorgeworfen.

Versandende (Glas)Träume

Erst kürzlich berichteten wir, dass die saudische Regierung sich Berater-Hilfe ins Land holte, um eines ihrer Flaggschiff-Projekte auf Machbarkeit, Wirtschaftlich- und Sinnhaftigkeit prüfen zu lassen. Dabei präsentierten sie quasi parallel Luftaufnahmen der Riesen-Baustelle von The Line im Wüstensand und hielten am Geplanten rhetorisch fest.

Dieselben Aufnahmen belegten jedoch genau das Gegenteil: Gemessen an den wiederholt präsentierten Zielen, hinkt der Baufortschritt jedem Zeitplan zu deren Erreichung hinterher. Was eigentlich bereits in wenigen Jahren neue Maßstäbe für nachhaltiges Wohnen - obendrein in der Wüste - setzen sollte, steht eventuell vor dem Aus oder sieht sich einem unrühmlichen Schicksal als Schmalspur-Version gegenüber.

Was genau ist The Line?

Irgendwann im kommenden Jahrzehnt sollen Millionen von Menschen in der insgesamt 170 Kilometer langen, 500 Meter hohen sowie 200 Meter breiten Hightech-Stadt leben. Vertikal soll die nach oben hin offene und von außen komplett verspiegelte, sogenannte Bandstadt alles bieten, was die Menschen zum Leben brauchen: Wohnungen, Geschäfte, Verkehrswesen, Schulen, Parks und so weiter.

Die gesamte Energie- und Wasserversorgung soll nachhaltig gestaltet werden, das Ziel dabei: CO₂-Neutralität. Autos sind tabu, stattdessen wird auf noch unbekannte intelligente Verkehrssysteme gesetzt, die alle Teile miteinander verbinden.

Offiziell will keiner der Verantwortlichen etwas von einem Baustopp bei The Line wissen - anders verhält es sich bei einem Riesenwürfel. Vielmehr seien Verantwortliche dabei, Zeitpläne umzubauen und so ergäben sich halt Bauphasen geringerer Aktivität.

Der Fokus liege auf dem ersten Teil mit rund drei Kilometern Länge für rund 300.000 Einwohner, die direkt am künstlichen Hafen wohnen sollen. Zudem werde das Innere nun verstärkt Data- und KI-Zentren beherbergen; quasi eine Serverfarm mit Ausblick, neben der auch eine Stadt entsteht - halt nur Scifi-mäßig in einen Glaskasten verpackt.

Der Beginn und weitestgehende Abschluss des Rohhochbaus stehe hier für 2026 an. Das Konzept eines Sportstadions im Grünen auf dem Dach für die Fußball-WM 2034 gehört wohl der Vergangenheit an.

Video starten 0:23 Wolkenkratzer als 1.000 Meter hoher Energiespeicher

Von grün-goldener Utopie zur Geldkuh

Derweil ist The Line nur ein Baustein eines Billion-Dollar schweren Gesamtkunstwerkes, genannt Neom. Innerhalb sowie zwischen diesem und weiteren Stellen soll es laut Berichten namhafter Medien, wie der Financial Times, zu weitreichenden Kürzungen und Neuausrichtungen kommen.

Anstatt als eine utopische Vision sieht die saudische Führung Neom inzwischen mehr als eine Mischung aus Tourismus, Industrie, Logistik und KI-Datenzentren. Letztendlich ginge es vor allem um eines: rasch die Investitionen in Höhe von Hunderten Milliarden wieder reinzubekommen.

Denn Neom bildet wiederum den Nukleus von der »Saudi Vision 2030«. Jener Gedanke, das Königreich aus seiner Abhängigkeit von der Erdöl- und Gasförderung zu lösen und weltweit Kapital einzusammeln. Obschon fossile Brennstoffe sicher noch eine Weile die Weltwirtschaft (mit)antreiben, erleben wir das Ende ihres Zeitalters.

Wie lang das Ausschleichen – oder Auströpfeln – noch dauert, sei dahingestellt. Doch selbst die Staaten mit historisch tradiertem Ölabbau und -Raffinierung wissen, dass ihre Wirtschaft ein Auslaufmodell ist. Dem Land und seinen Giga-Projekten zum Staatsumbau läuft die Zeit davon.

Sinkende Einnahmen

Die folgende Grafik zeigt es deutlich: Der Ölpreis fällt, seitdem der Schock auf den Rohstoffmärkten im Nachfeld des Beginns des russischen Angriffskrieges verklungen ist, kontinuierlich:

Der Ölpreis kennt seit Jahren nur eine Richtung: strauchelnd abwärts (Bildquelle: esyoil). Der Ölpreis kennt seit Jahren nur eine Richtung: strauchelnd abwärts (Bildquelle: esyoil).

Die finanziellen Mittel zum Ausbau der Infrastruktur oder gigantischen Bauprojekten, wie The Line, kommen bis dahin aber weiterhin größtenteils vom Verkauf von Erdöl. Noch vor wenigen Jahren lag der Preis für den Standard namens Brent knapp doppelt so hoch.

Saudi-Arabiens finanzielle Mittel schrumpfen also praktisch sowie perspektivisch stärker zusammen als einst prognostiziert. Einen hilfreichen Schubs hinab in die Krise gibt dann die Kombination aus fehlenden - einst deutlich höher anvisierten - ausländischen Investoren und steigenden Kosten. Letzteres rührt von zweierlei her: zum einen von der allgemeinen Preissteigerung sowie zum anderen vom ausufernden Aufwand der Bauarbeiten.

Megabauwerke abseits der linearen Megacity

The Line ist die bekannteste bröckelnd-rostende Lokomotive, mit einer Vielzahl an Bauwerken oder ganzen Plangebieten im Schlepptau. Sie gehören nicht alle zu Neom, wobei inzwischen die Grenzen zwischen diesem und weiteren Staatsprogrammen verwischen. Teils verschiebt das Königreich auch Zuständigkeiten oder pflanzt sie in neue Geldtöpfe. Wir vereinfachen deshalb an dieser Stelle absichtlich.

Jedes der hier exemplarisch genannten Projekte hat laut den Berichten mindestens Einschnitte zu erdulden, wenn hier nicht anders angegeben:

Zwei Projekte sollen hingegen verhältnismäßig gut dastehen:

  • Trojena: Etwa 2.000 Meter über dem Meeresspiegel und 50 Kilometer vom Golf von Aqaba entfernt entsteht ein Berg- und Skitourismus-Resort. Der Betrieb soll ganz jährlich möglich sein (3 Monate natürlicher Schnee plus dann synthetischer). Auch hier setzen die Macher aber den Rotstift an, um es über die Ziellinie zu bringen. Doch die Chancen, hier wirklich ernsthaften Betrieb zu erleben, gelten noch mit am höchsten. Aber es verpasste ebenfalls etliche Meilensteine und die geplante Austragung der Asiatischen Winterspiele 2029 wurde abgesagt.
  • Oxagon: Ein achteckiger schwimmender, Industrie- und Techhafen am Roten Meer. Entgegen des Negativtrends will Saudi-Arabien hier wohl Mittel sowie Arbeiter sogar aufstocken. Das pure wirtschaftliche Potenzial liegt indes nach Experten allerdings auch am ehesten auf der Hand - mittel- sowie langfristig.

Sollten nach Mukaab nun auch The Line in der Schrumpfvariante oder sogar Trojena tatsächlich scheitern und sich in (verlassene) Dauerbaustellen verwandeln, dürfte eines aus Sicht der Führung den wirtschaftlichen Schaden noch überwiegen: Scham.

Denn die saudische Superlativen-Vision setzt vor allem auf Faszination am Extravaganten. Da passen lauter verwaiste Baubrachen nicht zu den Hochglanzprojekten für Investoren, Milliardäre und Staatschefs. 2026 dürfte das entscheidende Jahr sein, indem vor allem The Line endlich zu mehr heranwachsen muss als schicke Renderings und eine dicke Rinne aus Stahlbeton in der Wüste.

Einschätzung der Redaktion

Gerald Weßel : Es wäre so einfach, jetzt rückblickend anzugeben, dass das ja vorprogrammiert gewesen sei. Dass es von Anfang feststand, hier Sand-Luftschlösser, ja gar Fata Morganas gejagt zu haben. Doch das kann ich nicht - denn selbst heute fällt es mir schwer, Projekte der arabischen Staaten einfach abzutun.

Weder dürfen wir alles als Traumgespinste abstrafen, noch darf jedes Projekt als ambitioniert, aber locker umsetzbar gelten. Die Lage ist komplizierter als es scheint. Was unumstritten bleibt: Sie entstehen in einem zutiefst ungerechten System, das seine Bürgerinnen und Bürger ausbeutet, um einer globalen Öl- oder Tech-Elite zu dienen.

Aber rein auf die Bauvorhaben geschaut, haben die Staaten in der Region beachtliche Projekte umgesetzt – egal, ob wir die Vorhaben jetzt für sinnig halten oder sie als überbordendem Luxus abtun. Saudi-Arabien trieb im vergangenen Jahrzehnt wie kein Zweiter diesen Gigantismus auf die Spitze. Und das ist für mich eine Qualität für sich.

Die Motivation einmal außen vor: In extremen Maßstäben zu denken, sich utopisch scheinende Ziele zu setzen oder neue bauliche Superlative anzustreben, verdient meiner Meinung nach Akzeptanz und Respekt. Ohne den Willen, sich eben nicht nur mit dem als machbar Akzeptierten abzugeben, wären Innovationen und insbesondere technologische Sprünge undenkbar. Sich bei einem solchen Versuch zu übernehmen und deshalb scheiternd zurückzustecken, ist keine Schande.

Nur die Mittel, um die technologischen Grenzen auszuweiten, lehne ich hingegen sozial, ökonomisch sowie ökologisch durchweg ab.

Obendrein verfestigt sich seit einigen Jahren sinnbildlich ein klares Muster, von dem kaum Vorhaben verschont bleiben: Je länger die erste Vorstellung eines Mega-Projektes zurückliegt, desto weiter klafft der Graben zwischen Plan und Realität auseinander. Oder einfach: viel Luft und nichts dahinter.

Jetzt bleibt vor allem abzuwarten, ob The Line als Flaggschiff nicht alsbald vergessen versandet. Ob die anvisierte Schrumpfform überhaupt noch den Namen der eigentlichen Utopie verdient oder nur noch als verkümmertes Skelett gelten sollte, steht allerdings ohnehin im Raum.

Manche der kleineren – wohlgemerkt allein für sich schon abstrus luxuriösen – Begleitideen scheinen ja eher die Kurve zu kriegen. Aber die einst konzipierte, erträumte und an Investoren verkaufte Vision für ein neues Saudi-Arabien dürfte tot sein.

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