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Videospielabhängigkeit - Teil 2: Machen Lootboxen süchtig?

Tragen Glücksspiel-Elemente wie Lootboxen zum Suchtpotenzial eines Spiels bei? Das beleuchten wir im zweiten Teil unseres Reports.

von Michael Graf, Dennis Kogel,
24.10.2017 08:00 Uhr

Steigern Lootboxen und andere Zufallssysteme das Abhängigkeitspotenzial eines Spiels?Steigern Lootboxen und andere Zufallssysteme das Abhängigkeitspotenzial eines Spiels?

»Zu uns kommen die, die damals nicht dieses Angebot hatten«, sagt Gordon Schmid in einem kleinen, hellen Erdgeschossbüro in Berlins Mitte, nicht weit entfernt vom Checkpoint Charlie. Schmid leitet die Beratungsstelle »Lost in Space« für Videospielabhängigkeit und Glücksspielsucht. Während Jakob Florack und Daniel Illy sich in ihrer Sprechstunde, die wir im ersten Teil dieses Reports vorgestellt haben, um Jugendliche kümmern, behandelt er Erwachsene die unter einer Spieleabhängigkeit leiden.

Seit 2012 leitet Gordon Schmid die Caritas-Einrichtung gemeinsam mit einem anderen Mitarbeiter und Praktikanten. Sie teilen sich eine Dreiviertelstelle und helfen etwa 220 Menschen im Jahr. Angefangen haben sie, noch bevor die Internet Gaming Disorder ins DSM aufgenommen wurde. Direkt mit den Betroffenen, Schmid nennt sie »Klienten«, dürfen wir Journalisten nicht sprechen.

Wir fragen, wer zu ihm kommt: »Hauptsächlich junge Männer, das sind rund 90 bis 95 Prozent, die restlichen 5 bis 10 Prozent sind Frauen. Auch bei den Eltern - wir beraten auch Angehörige - ist das Verhältnis so. Hauptsächlich kommen Eltern von Jungs zu uns. Das Durchschnittsalter der Klienten, die zu uns kommen, liegt bei 29 Jahren.« Die meisten spielen Online-Rollenspiele.

Gordon Schmid leitet »Lost in Space«, die Beratungsstelle für Computerspiel- und Internetsüchtige in Berlin. Kiara Schneider ist Praktikantin und arbeitet vor allem mit Glücksspielsüchtigen.Gordon Schmid leitet »Lost in Space«, die Beratungsstelle für Computerspiel- und Internetsüchtige in Berlin. Kiara Schneider ist Praktikantin und arbeitet vor allem mit Glücksspielsüchtigen.

Vor allem fällt auf, dass von der Süddeutschen Zeitung beschworene Klischees wie Gangsta-Rap, Jogginghosen und Grasrauchen bei Gordon Schmids Patienten nicht unbedingt zutreffen: »Es ist schon auffallend, dass wir viele Studenten haben. Studenten, die aufgrund des Studiums keinen festen Alltag haben. Es hat einfach keine großen Konsequenzen, ob ich zur Vorlesung gehe oder nicht.«

Oft sind es Studenten, die mit dem Umzug in eine neue Stadt nicht klarkommen, keinen Anschluss finden und dann lieber spielen. Viele scheitern auch an traumatischen Erlebnissen: Trennungen, Jobverlusten oder der Realisierung, ein falsches Studium gewählt zu haben. Spiele sind dann Kompensation, sie geben Erfolgserlebnisse, wo sonst keine vorkommen:

»Das alleine ist ja gar nichts Schlimmes. Schwierig wird es erst dann, wenn ich im Laufe der Zeit lerne: Um abzuschalten, um mit der Mobbing-Situation in der Schule klarzukommen, habe ich nur noch das Computerspiel«, so Schmid. »So vergesse ich den nächsten Schritt, die Mobbingsituation zu besprechen, eine Lösung herbeizuführen mit allen gemeinsam. Und das ist eben das Gefährliche bei Suchtmitteln. Wenn sie die einzige Möglichkeit darstellen, mit dem Problem umzugehen, dann wird es gefährlich.«

Machen Spiele süchtig?
Im ersten Teil unseres Reports haben wir den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Videospiel-Abhängigkeit untersucht - inklusive Kriterien, anhand derer man selbst herausfinden kann, ob man süchtig ist.

Wenn die Flucht in Spiele wie Skyrim zur einzigen Möglichkeit wird, mit realen Problemen umzugehen, kann bereits eine Abhängigkeit bestehen.Wenn die Flucht in Spiele wie Skyrim zur einzigen Möglichkeit wird, mit realen Problemen umzugehen, kann bereits eine Abhängigkeit bestehen.

Keine Vorurteile

Ähnlich wie Florack und Illys Patienten haben auch Schmids Klienten neben der Computerspielabhängigkeit oft andere, tieferliegende Probleme, sind depressiv oder kommen aus einem zerrütteten Familienverhältnis. »Das heißt aber nicht, dass jeder Depressive gleich computerspielsüchtig wird«, warnt Schmid vor allzu plumpen Verallgemeinerungen.

»Es sind die Personengruppen, die schon als Jugendliche oder auch in der Schule eher zurückgezogener waren. Es kommt seltener vor, dass wir hier einen jungen Mann sitzen haben, der sagt: Als ich 15 war, da war ich Stürmer im Fußballverein oder Klassensprecher. Die Mehrzahl sind Menschen, die weniger soziale Kontakte hatten.« Aber auch da warnt Schmid vor dem Vorurteil, dass vor allem schüchterne, vielleicht eher sozial inkompetente Menschen videospielabhängig würden: »Die sind sozial kompetent, aber im realen Leben haben sie es schon jahrelang nicht geübt. Sie haben eine Unsicherheit entwickelt.«

Neben der Abhängigkeit von Spielen (hier FIFA 18 Ultimate Team) leiden Betroffene oft an tieferliegenden Problemen wir eine Depression.Neben der Abhängigkeit von Spielen (hier FIFA 18 Ultimate Team) leiden Betroffene oft an tieferliegenden Problemen wir eine Depression.

Bei Lost in Space gibt es deshalb drei Therapiegruppen: In der Motivationsgruppe erfahren Klienten, was es bedeutet, süchtig zu sein. In der Abstinenzgruppe sollen sie dann von ihrem Suchtspiel wegkommen. »Abstinenz heißt nicht, dass man nie wieder am Rechner sitzen und kein Smartphone benutzen darf«, führt Schmid aus, »aber abstinent zu werden vom konkreten Problembereich, den ich habe.«

Und dann gibt es noch die Freizeitgruppe, wo die Klienten lernen, wie man wieder Zeit mit anderen Menschen verbringt. Laut Schmid ist das entscheidend: »Wenn die Freizeitgruppe gut läuft, laufen auch die anderen Gruppen gut.« Die meisten Klienten bleiben zwischen drei Monaten und einem halben Jahr, bis sie ihre Abhängigkeit überwunden haben.

League of Legends nennen die Jugendlichen in Daniel Illys und jakob Floracks Sprechstunde oft als Suchtspiel.League of Legends nennen die Jugendlichen in Daniel Illys und jakob Floracks Sprechstunde oft als Suchtspiel.

Wer ist schuld?

Minecraft und League of Legends, das sind die Spiele, die immer wieder von den Jugendlichen in Jakob Florack und Daniel Illys Sprechstunde genannt werden. World of Warcraft hingegen ist das Spiel, das von Gordon Schmids Klienten am häufigsten gespielt wird. Bleibt die Frage: Welche Rolle übernehmen die Spiele selbst bei der Entwicklung einer Abhängigkeit? Gibt es bestimmte Spiel- oder Belohnungsmechanismen, die Suchtverhalten auslösen oder zumindest erleichtern?

»Es geht nicht um die Schuld von Entwicklern oder Publishern, aber doch gibt es in Spielen bestimmte Faktoren, die bestimmen, warum Menschen davon abhängig werden«, sagt Gordon Schmid von Lost in Space. »Ich gehöre selbst noch zur Generation C64. Da hatte ich auch ein Spiel, das ich gerne gespielt hab. Aber bei diesem Spiel gab es einen klaren Beginn und ein klares Ende. Das ist heute anders. Viele Spiele sind endlos, und das kann eine Suchtentwicklung fördern.«

Der Reiz des Stumpfsinns - Was uns am Grind fasziniert

Diablo 3 überschüttet uns mit Item-Beute.Diablo 3 überschüttet uns mit Item-Beute.

Einerseits leuchtet das ein. Wenn wir World of Warcraft spielen oder Destiny 2 oder Diablo 3, dann brauchen wir lange Zeit kein anderes Spiel. Es gibt immer etwas zu tun: Items erbeuten, sich an einem Boss messen, besser werden im kompetitiven Multiplayer. Aber andererseits war Sucht auch schon in der Generation C64 ein Thema. Bereits in den 80ern bezeichnete sich der britische Autor Martin Amis als Spielesüchtiger - und schrieb ein Buch, in dem er zwischen den Beschreibungen von zombiehaften Spielhallenjugendlichen vor allem Tipps für Space Invaders gab.

Zahlen dazu, wie viele Menschen vor 40 Jahren unter Videospielabhängigkeit litten, gibt es nicht, es wäre aber überraschend, wenn das Problem erst durch Onlinespiele entstanden wäre. Die Onlinespiele haben es nur sichtbarer gemacht, weil dank des Internets viel mehr Menschen Zugang zu Spielen bekamen als zu C64-Zeiten, als Spieler noch eine kleine Subkultur bildeten.

Auch Destiny 2 erzeugt einen hervorragenden Belohnungsfluss.Auch Destiny 2 erzeugt einen hervorragenden Belohnungsfluss.

Jakob Florack fällt außerdem auf, dass nicht nur die Spiele selbst zur Abhängigkeit gehören: »Gerade bei Minecraft ist es in der Regel so, dass man nicht von einer reinen Videospielsucht sprechen kann. Denn die Betroffenen beschäftigen sich nicht nur mit dem Spiel selbst, Kanäle wie Twitch und YouTube spielen ebenfalls eine Rolle.

Da spielen sie dann zwar nur einen Teil des Tages, sitzen den restlichen Tag aber ebenfalls am Computer, um anderen Menschen beim Minecraft-Spielen zuzusehen.« Vielleicht spielen also auch Let's Plays und Streams eine Rolle bei der Abhängigkeit, verstärken das Versinken in Spielen. Wie gute TV-Serien erleichtern sie das Ausblenden der realen Welt, nur dass es eben um Spiele geht, nicht um wandelnde Tote oder Methkocher im Wohnmobil.

Jakob Florack ist Oberarzt in Berlin und leitet gemeinsam mit Daniel Illy die Sprechstunde für Videospiel- und Internetabhängigkeit.Jakob Florack ist Oberarzt in Berlin und leitet gemeinsam mit Daniel Illy die Sprechstunde für Videospiel- und Internetabhängigkeit.

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