Age of Empires 4: Wieso Mittelmäßigkeit nicht reichen wird

Meinung: Age of Empires 4 wird immer wieder für seine Grafik kritisiert. Dabei findet gar nicht jeder die Optik wirklich schlecht. Sie verheißt nur nicht das, was viele sich wünschen.

von Fabiano Uslenghi,
04.08.2021 11:19 Uhr

Es ist eine ungewöhnliche Situation. Gefühlt wissen wir schon richtig viel über Age of Empires 4. Das Spiel soll ja auch schon im Oktober 2021 erscheinen. So lange dauert es bis dahin gar nicht mehr! Aber ein vollumfassendes Gefühl für das eigentlich Spiel hat noch niemand.

Relic veröffentlicht inzwischen in recht kurzen Abständen immer wieder neue Videos zu Age 4, in denen es auch regelmäßig Gameplay-Szenen zu sehen gibt. Auf der offiziellen Webseite werden zudem einige inhaltliche Details ergänzt oder erweitert. Worum es in den Kampagnen geht, wie sich die Völker spielen und all solche Sachen. Und trotzdem fehlt der Gesamteindruck. Auch die Closed Beta am 5. August wird daran nichts ändern, weil alle Teilnehmenden ein Embargo unterzeichnen und nicht drüber reden dürfen.

Das hält Fans wie mich und euch natürlich nicht davon ab, schon vorher zwischen den Zeilen zu lesen und ausführlich über jedes Detail zu diskutieren. Und dabei kommt ein Thema immer wieder auf. Die Grafik. Womöglich gerade auch deshalb, weil ein tiefergehender Eindruck fehlt.

Erst der letzte Trailer rund um die Seeschlachten sorgte abermals für sehr scharfe Kritik an der Grafik. Doch hinter diesem scharfen Ton könnte auch mehr stecken. Denn dass Age of Empires 4 kein potthässliches Strategiespiel ist, das wissen höchstwahrscheinlich auch die Kritisierenden.

Der Autor
GameStar-Redakteur Fabiano zählt Strategie in vielen Formen zu seinen liebtesten PC-Genres. Mit Age of Empires verbindet er vor allem den zweiten Teil, bei dem er insbesondere in der Kampagne seine Zeit verbrachte. Auch, weil er das Gefühl hatte, so nicht für den Geschichtsunterricht lernen zu müssen. Age of Empires 4 verfolgt er seit der ersten Ankündigung haargenau und begleitet das Thema regelmäßig mit Artikeln. Trotzdem stellt auch er sich noch viele Fragen und ist sehr gespannt darauf zu sehen, was für ein Spiel da am Ende tatsächlich rauskommt.

Eine laute Minderheit?

Die Masse an kritischen Kommentaren sorgt womöglich für ein schiefes Bild. Auch wenn sich diese Kritiken quasi überall finden. Sowohl hier bei uns als auch auf YouTube oder Reddit. Man muss nicht lange suchen, bevor das Thema der unterwältigenden Grafik wieder angesprochen wird.

Age of Empires 4 - Endlich wieder ein großes RTS und alle nörgeln über die Grafik? 12:05 Age of Empires 4 - Endlich wieder ein großes RTS und alle nörgeln über die Grafik?

Doch diese Kritik scheint sich nicht erdrückend darauf auszuwirken, wie viele Fans der RTS-Hoffnung noch vertrauen schenken und sich gerade darauf freuen. Beispielsweise wird die Grafik in den Kommentare oft kritisiert. Aber gemessen an den YouTube-Däumchen halten sich die Videos noch recht gut. In dem Video mit den Seeschlachten stehen 1.500 Daumen nach oben aktuell 240 Daumen nach unten gegenüber. Sicher kein makelloser wert. Aber auch kein Todesurteil.

Wir haben interessehalber bei uns auf der Startseite deshalb nochmal direkt nach eurer Meinung zum Casus knacksus gefragt. 2.163 Leute haben hier darüber entschieden, wie gut ihnen die Grafik gefällt. Und das Ergebnis war überraschend. Nur 8 Prozent haben die Grafik als sehr schlecht bezeichnet, 13 als schlecht. Damit wären 21 Prozent insgesamt eher negativ eingestellt. Aber auch nur 13 Prozent fanden sie sehr gut. Die Mehrheit liegt bei den Werten in der Mitte. Geht sogar stärker ins Positive. Jeweils 33 Prozent halten die Grafik für mittelmäßig oder gut.

Gemessen an den Kommentaren wären womöglich andere Werte nachvollziehbarer gewesen. Der Kern hier ist aber doch, dass Age 4 nicht »sehr gut« aussieht. Es sieht auch nicht schlecht aus. Es sieht in der Wahrnehmung der Leute okay bis gut aus. Nur darf man im Falle von Age 4 nicht vergessen, was da alles dranhängt.

Neue Grafik Neue Grafik
Alte Grafik Alte Grafik

Anfangs wurden die sehr auffälligen, übergroßen Pfeile von Age 4 kritisiert. Inzwischen sind sie deutlich weniger aufdringlich. Im rechten Bild muss man schon genau hinsehen.

Ambitionen, die wir gerne glauben

Maurice hat am Ende seiner Preview zu Age of Empires 4 beschrieben, was für eine Mammutaufgabe Age 4 bevorsteht. Ein Misserfolg könnte das ganze Genre der Echtzeit-Strategie in die »kommerzielle Belanglosigkeit stürzen«. Hui. Das nenn ich mal Druck. Aber diesen Druck erschafft (ausnahmsweise) nicht Maurice. Diesen Druck macht sich Relic auch selbst.

Die Entwickler betonen selbst immer wieder, wie wichtig der Erfolg von Age 4 für das Genre ist. Das nur dieses Franchise schaffen kann, was viele für unmöglich halten. Und auch, was ihre Ambitionen sind. Das »größte und teuerste Echtzeitstrategiespiel seit Starcraft 2« soll Age of Empires 4 werden.

Und an diesem Punkt driften Grafik, Ambition und Herausforderung aneinander vorbei. Age of Empires 4 ist der geistige Nachfolger zu Age 2. Dem vielleicht besten Strategiespiel aller Zeiten. Das bis heute lebendig ist. Das quasi keine Fehler macht. Nicht mal die Neuauflagen und Remakes konnten Age 2 etwas anhaben. Und daran wird Age of Empires 4 gemessen.

Sieht so ein Strategie-Blockbuster aus? Die Optik sagt vielleicht nichts über die spielerische Qualität, aber macht etwas mit unserer Erwartungshaltung. Sieht so ein Strategie-Blockbuster aus? Die Optik sagt vielleicht nichts über die spielerische Qualität, aber macht etwas mit unserer Erwartungshaltung.

Das macht etwas mit unserer Erwartungshaltung. Jeder Publisher und jeder Entwickler greift gerne auf Superlative zurück. Aber wenn du dann auch noch Erbe eines Meisterwerk bist, dann wirken diese Versprechen anders. Dann sind Spieler leichter gewillt, dieser Ambition zu glauben. Zumal mit Microsoft auch kein kleiner Publisher dahinter steht.

Mehr als Mittelmaß

Wenn das die Ausgangslage ist, dann hat auch mittelmäßige oder sogar gute Grafik eine andere Wirkung. Ein vernünftiger Spieler weiß inzwischen, das bombastische Grafik nichts darüber aussagt, ob ein Spiel gut wird. Grafikblender sind nichts Neues. Aber umgekehrt fällt es schwerer zu glauben, dass das »größte und teuerste RTS seit Starcraft 2« optisch zu keinem absoluten Höhenflug ansetzt.

Das wird auch dadurch nicht besser, dass Relic diese Aussagen fast schon selbst relativiert. Denn mittlerweile wurde Company of Heroes 3 angekündigt. Das erscheint erst nach Age 4 und wird statt von Microsoft von Sega finanziert. Hier haben wir ein weiteres RTS vom selben Studio, das aber für weniger Grafik-Diskussionen sorgte.

Da beginnt man als Fan schon zu zweifeln. Kann Age of Empires 4 das werden, wozu es von Fans und Entwicklern erkoren wurde, wenn die Optik das nicht widerspiegelt? Zumal keiner der gezeigten Trailer zusammenhängendes Gameplay war. Das waren kurze Szenen. In einem Werbevideo. Ein Umfeld, in dem man sich sonst von der besten Seite zeigt.

Age of Empires 4 - Screenshots ansehen

Und genau hier ist Age 4 aktuell einfach zu nicht mehr als gutem Mittelmaß fähig. Oder besser gesagt: kann nicht mehr als das von sich zeigen. Doch Fans erwarten eben kein gutes Mittelmaß von Age 4. Die Hoffnung war, dass es das nächste große Strategiespiel wird. Und das transportiert die Optik allein schlichtweg noch nicht.

Und was bedeutet das?

Müssen wie Age 4 jetzt also abschreiben? Soweit würde ich nicht gehen. Es ist nur wichtig, bei all der Diskussionen um die Grafik von Age 4 nicht zu vergessen, was die Erwartungshaltung ist. Und die wird aktuell noch nicht erfüllt. Weil es aktuell auch kein Gegengewicht gibt.

Alles, was wir vom Gameplay wissen, stammt aus Blogeinträgen und den Versprechungen der Entwickler. Das kann interessant klingen. Ob es sich auch so spielt, ist eine andere Frage. Grafik lässt sich da viel einfacher einordnen.

Vielleicht ist die Grafik ein Indiz dafür, dass Age of Empires 4 nicht das Stategiemeisterwerk wird, das das Herz der klassischen Echtzeitstrategie wieder zum Schlagen bringt. Aber vielleicht kann das niemand. Sehen wir die Sache stattdessen lieber positiv: Microsoft versucht gar nicht, uns mit Grafik zu blenden. Setzt lieber auf eine starke Spielerbindung durch Gameplay, das flüssig auf einer Vielzahl an Geräten läuft. Womöglich gelingt ihnen das letztendlich so gut, dass irgendwann niemand mehr nach der Grafik fragt.

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