Age of Empires 4: Die neue Kampagne ist riskant, aber trotzdem eine gute Idee

Meinung: Die Kampagne von Age of Empires 4 macht einiges anders als früher. Das wird nicht jedermann gefallen, Fabiano hält den Dokustil aber für richtig.

von Fabiano Uslenghi,
17.06.2021 08:05 Uhr

Hurra! Age of Empires 4 hat auf Microsofts E3-Konferenz endlich ein konkretes Release-Datum bekommen. Das mit Spannung erwartete RTS soll am 28. Oktober 2021 erscheinen. Dann wird sich offenbaren, ob der geistige Nachfolger das Zeug zu einem der besten Strategie-Spiele überhaupt hat oder Entwickler Relic am Anspruch scheitert.

Und die Gefahr besteht. Denn seitdem Microsoft alle Hüllen fallen lies, beinhalteten die Debatten rund um AoE 4 nicht nur Lob. Es gab viel zu kritisieren und der häufigste Streitpunkt aus der Community ist die Grafik.

Aber an dieser Stelle sag ich einfach mal Stopp! Denn ich will mit diesem Artikel keine neue Debatte um die Grafik entzünden. Mir geht es um einen anderen Aspekt, der für Diskussionen sorgen kann. Diskussionen, die auch jetzt schon geführt werden. Aber eher im kleinen Rahmen.

Mir geht es um die Art und Weise, wie Relic die Einzelspieler-Kampagne gestaltet. Auch hier gab es im E3-Trailer neue Einblicke. Wenn ihr euch etwa gewundert habt, wieso der Trailer mit realen, fast schon Dokumentarischen Bildern aufmachte, dann weil das seine Cutscenes sind. Dieses Aufnahmen historischer Orte gehören zur Einzelspieler-Kampagne.

Eine Entscheidung, die große Risiken birgt. Aber meiner Meinung nach wichtig und richtig ist.

Der besagte Trailer von der E3-Präsentation 1:34 Der besagte Trailer von der E3-Präsentation

Der Autor

Fabiano ist seit zwei Jahren Redakteur bei GameStar und befasst sich mit allen möglichen PC-Spiele. Hauptsächlich liegt sein Fokus aber auf Rollenspielen, Strategie und Spielen, mit einem historischen Hintergrund. Denn vor seiner Zeit als Spiele-Journalist studierte er in Frankfurt Geschichte. Und so schließt sich der Kreis, denn Grund dafür waren wiederum historische Videospiele wie Age of Empires, Total War oder Stronghold, mit denen er sich schon in jungen Jahren befasste.

Die Gefahr der neuen Kampagnen-Struktur

Was hat Relic genau vor? In Age 4 werden weder fiktive Geschichten rund um historische Ereignisse wie in Age 3 erzählt, noch die Leben großer, historischer Persönlichkeiten wie in Age 2 skizziert. Stattdessen werden in den vier großen Kampagnen ganze Konflikte in den Fokus gerückt. Bislang kennen wir zwei.

  • Die Normannen Kampagne: Ausgehend von William dem Eroberer erleben wir seinen Aufschwung zum König von England und danach, wie das Land davon geprägt wird, wie seine Erbfolge verläuft und welche internen Streitigkeit daraus entstehen.
  • Der Hundertjährige Krieg: Eine langfristige Folge von Williams Eroberungen waren sehr viel später die etwa hundert Jahre lang immer wieder aufkeimende Kriege zwischen England und Frankreich, in die auch Johanna von Orleans verwickelt wird.

Wo Age 2 bei seiner Kampagne ganz nah an die historischen Persönlichkeiten ran rückte, geht Age of Empires 4 auf Distanz. Bereitet den Konflikten eine größere Bühne. Es werden, wie es scheint, keine rein emotionalen Geschichten, stattdessen hat das Team mit großer Mühe daran gearbeitet, diese Konflikte historisch aufzuarbeiten. Ein Ergebnis davon sind die realen Dokusequenzen, in denen wir einen Blick auf die Örtlichkeiten werfen, wie sie heute aussehen. Goldene Geister stehen für den Schatten der Vergangenheit, den Age 4 über die Szenarien legt.

Realszenen sind in Videospielen selten geworden. Age of Empires 4 bringt sie als Teil der Einzelspieler-Kampagne zurück. Realszenen sind in Videospielen selten geworden. Age of Empires 4 bringt sie als Teil der Einzelspieler-Kampagne zurück.

Ein frischer Ansatz, aber er birgt Gefahren. Wie Kollege Maurice durchaus berechtigt in seiner großen Preview anmerkte, könnte darunter die Immersion leiden. Wir werden in die Rolle eines neutralen Zuschauers gedrängt. Age of Empires 4 präsentiert uns nicht länger die Perspektive eines Tagebuchschreibers an der Seite von Jeanne d'Arc oder Saladin. Wir sind noch weiter weg, wir werden nicht von Augenzeugen belehrt.

Dieser immersive Bruch wird sogar noch weiter verstärkt. Denn wenn Konflikte nacherzählt werden statt der Leben einzelner Personen, wird es schwer eine Bindung aufzubauen. Es hat schon Gründe, warum historische Filme stets eine Person ins Zentrum ihrer Handlung rücken. Relic riskiert hier, dass Spieler ihren Bezugspunkt verlieren.

Age of Empires übernimmt Verantwortung

Aus meiner persönlichen Warte halte ich diesen Ansatz aber für eine fabelhafte Idee. Ich bin der Meinung, dass Age 4 ohnehin Gefahr läuft, sich zu sehr wie ein Age of Empires 2.5 anzufühlen. Jedes Alleinstellungsmerkmal ist mir da ausgesprochen willkommen. Klar, all die oben genannten Probleme könnten eintreten. Ich glaub aber nicht, dass die Kampagne dann zwanghaft weniger Spaß macht. Es gibt ja auch sehr gut gemachte und ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Dokumentationen.

Auch Videospiele können Verantwortung dafür übernehmen, wie Geschichte bei der Spielerschaft ankommt. Welche historischen Fakten aufbereitet werden und welchen Stand der Wissenschaft die gezeigten Inhalte vermitteln. Relic übernimmt hier mehr historische Verantwortung, als man es von Spielen gemeinhin gewohnt ist. Und hier drauf zu hauen, weil darunter die eigene Immersion leidet, halte ich für das falsche Signal.

Es wird in der Kampagne auch Kamerafahrten in Spielgrafik geben. Hier sehen wir die Schlacht von Hastings. Es wird in der Kampagne auch Kamerafahrten in Spielgrafik geben. Hier sehen wir die Schlacht von Hastings.

Ein Teil der Tradition

Und wenn wir uns ansehen, wofür Age of Empires steht, dann hat Relic mit seiner Kampagne einen Teil des AoE-Codes richtig entschlüsselt. Diese Reihe war schon immer darum bemüht, Spielern die Menschheitsgeschichte nahezubringen. Wo ich bei einem Stronghold ein Verständnis für das mittelalterliche Leben im Detail gewann, bei einem Crusader Kings 3 für Herrschaftsstrukturen und bei Total War für die Kriegsführung, vermittelte Age of Empires schon immer auch Ereignisgeschichte.

Ich bin sicherlich nicht der einzige, der im Schulunterricht mit Infos über die Kreuzzüge angeben konnte, die zu hundert Prozent aus Age of Empires stammten. Und nicht nur, weil ich die Kampagne gespielt habe. Sondern weil ich mir danach auch die zahlreichen Chronikeinträge zu Gemüte führte.

Egal ob jetzt über die Renaissance, das Feudalwesen, Rittertum und auch nur, wer eigentlich die Goten waren. Age of Empires war eine Lehrinstanz. Teilweise auch eine problematische, denn nicht jede Kampagne sorgte für ein ausgeglichenes Geschichtsbild.

Auch wenn die Kampagne Geschichte erzählerisch abdeckte, gab es in Age of Empires 2 noch eine Chronik voller harter Fakten. Auch wenn die Kampagne Geschichte erzählerisch abdeckte, gab es in Age of Empires 2 noch eine Chronik voller harter Fakten.

Spiele können mehr

Heute sind wir in vielen Bereichen weiter. Gehen anders mit unserem Geschichtsverständnis um. Ein modernes Age of Empires muss das Widerspiegeln und versucht das offensichtlich auch. Und ja, womöglich geht das auf Kosten der Immersion und sogar der Unterhaltung. Ich finde aber, dass wir uns auf solche Experimente einlassen müssen, wenn wir in Spielen mehr sehen wollen als nur Eskapismus.

Natürlich will ich damit nicht sagen, jedes historische Spiele müsse ab sofort Geschichte so nüchtern betrachten. Auch ich will immer noch Spiele haben, die mich in ihre Welt komplett eintauchen lassen oder die zugunsten der Spielbarkeit und des Unterhaltungswerts auf Authentizität wenig Rücksicht nehmen. Für all das gibt es einen Platz. Aber es sollte eben auch Raum für die andere Seite geben - solange die Qualität stimmt.

Age-of-Empires-Veteran Maurice sieht das etwas anders, weshalb ich mich mit ihm auch bereits im Podcast sehr genau darüber unterhalten habe:

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Doch was ist eure Meinung? Graut es euch davor, nicht mehr in die Kampagne einzutauchen wie früher, oder seht ihr darin kein größeres Problem? Mich würden eure Argumente interessieren, also ab in die Kommentare damit!

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