Aion 2 hat am 5. Oktober mit knapp 400.000 Spielern gleichzeitig einen Start hingelegt, von dem viele andere MMORPGs nur träumen können. Und das, obwohl die Steam-Bewertungen derzeit nur auf »ausgeglichen« stehen.
Das kostenlose MMORPG von NC verspricht vieles, was Fans von World of Warcraft seit Jahren kennen und lieben: klassische Tank-Heiler-DD-Gruppen, acht unterschiedliche Klassen, Gruppendungeons, anspruchsvolle Bosskämpfe und große PvP-Schlachten. Dazu gibt es eine riesige Fantasywelt, spektakuläre Luftkämpfe und eine deutlich modernere Grafik als beim Blizzard-Dauerbrenner.
Das Timing könnte jedenfalls kaum besser sein: Am 5. November erscheint mit WoW Forever ein neues Kapitel für alle, die sich nach den Anfangstagen von Azeroth sehnen. Bis dahin könnte Aion 2 für reichlich Beschäftigung sorgen.
Doch lohnt es sich überhaupt, in ein neues MMORPG einzusteigen, wenn in wenigen Wochen bereits das nächste große Abenteuer wartet? Und wie gut kann ein koreanisches Free2Play-MMO mit WoW mithalten?
Wir haben vier MMO-Experten und -Expertinnen um ihre Einschätzung gebeten.
Dennis: Als MMO-Lückenfüller ist Aion 2 fast ideal
Dennis Zirkler: Wer die Zeit bis WoW Forever überbrücken möchte, könnte mit Aion 2 ziemlich glücklich werden. Denn anders als bei vielen anderen MMORPGs müsst ihr nicht erst wochenlang leveln, bevor ihr euch den interessanten Inhalten widmen könnt. Nach etwa 10 bis 15 Stunden habt ihr bereits die Maximalstufe 45 erreicht und könnt euch ins Endgame stürzen.
Gerade das macht Aion 2 für mich zu einem attraktiven Lückenfüller. Wer einfach Lust hat, ein paar Dungeons zu absolvieren, sich im PvP zu prügeln oder eine neue Klasse auszuprobieren, bekommt hier einiges geboten. Und dank Free2Play kostet der Ausflug nach Atreia zunächst keinen Cent.
Technisch spielt Aion 2 ohnehin in einer anderen Liga als World of Warcraft. Die Grafik auf Basis der Unreal Engine 5 ist dem inzwischen über 20 Jahre alten Blizzard-MMO meilenweit voraus. Allerdings muss man auch den typisch koreanischen Grafikstil mögen. Gerade hierzulande dürfte der nicht jedermanns Geschmack treffen, auch bei vielen GameStar-Lesern nicht.
Und so hübsch Aion 2 auch sein mag: Der ikonische Artstyle von WoW hat einen ganz eigenen Charme, den moderne Technik allein nicht ersetzen kann.
Ähnliches gilt für die Spielwelt. Beim Worldbuilding und der Geschichte kann Aion 2 niemals mit dem Warcraft-Universum mithalten, das über Jahrzehnte gewachsen ist und unzählige denkwürdige Charaktere und Geschichten hervorgebracht hat. Wer vor allem wegen Azeroth und seiner Lore WoW spielt, wird hier nicht glücklich.
Bleibt noch der größte Streitpunkt: Pay2Win. Ich persönlich würde bei Aion 2 eher von Pay2Progress sprechen. Denn das Spiel verkauft euch nicht einfach die beste Ausrüstung im Cash-Shop. Stattdessen könnt ihr mit Echtgeld euren Fortschritt beschleunigen, etwa indem ihr euch über den Währungstausch zusätzliche Materialien verschafft. Alles davon lässt sich auch ganz regulär erspielen, nur eben mit entsprechendem Zeitaufwand.
Dass zahlende Spieler dadurch Vorteile haben, will ich gar nicht schönreden. Gerade wer beim Endgame ganz vorn mitspielen möchte, dürfte den Unterschied irgendwann deutlich spüren. Auch die Einschränkungen des Handelssystems für Spieler ohne kostenpflichtige Mitgliedschaft finde ich fragwürdig.
Aber muss mich das wirklich interessieren, wenn ich ohnehin nur einen Monat spielen möchte? Ich finde nicht unbedingt. Wer gemütlich levelt, die ersten Endgame-Dungeons ausprobiert und sich gelegentlich ins PvP wagt, muss nicht gleich seine Kreditkarte zücken. Bei ambitionierten Endgame-Gruppen oder im offenen PvP können die Fortschrittsunterschiede zwar durchaus relevant werden, aber nicht jeder möchte schließlich mit der absoluten Elite mithalten.
Und genau deshalb würde ich WoW-Spielern empfehlen, Aion 2 zumindest eine Chance zu geben. Es ist kostenlos, sieht hervorragend aus und bietet genügend klassische MMO-Tugenden, um sich ein paar Wochen gut zu beschäftigen. Ob ich Aion 2 dauerhaft anstelle von WoW spielen würde? Eher nicht. Aber bis WoW Forever erscheint, gibt es deutlich schlechtere Beschäftigungen.
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Fliegen, kämpfen, Bosse legen: Der Launch-Trailer zu Aion 2 zeigt, worauf ihr euch im MMORPG freuen könnt
Karsten: Wer auf WoW Forever wartet, sollte lieber einen Abstecher in Classic machen
Karsten Scholz: Aion 2 hat viele Qualitäten und macht für das, was es sein will, viel richtig. Das neue MMORPG von NCSoft ist nämlich ein Asia-Grinder durch und durch. Mit kurzer Level-Phase, zig Progressionssystemen und einem Endgame, das voll auf repetitive Dungeon-Runs setzt. Mal solo, mal mit einer Gruppe, aber immer klein portioniert. Und leider auch mit einem Bezahlmodell, das den kostenlosen Zugang mit Pay2Win-Elementen garniert und essenzielle Funktionen wie den Handel an das eigentlich optionale Abo knüpft.
Aion 2 ist also so etwas wie der totale Gegenentwurf zu WoW Forever. Als ob jemand gesagt hätte: »Schau dir das klassische World of Warcraft an und mach mit deinem MMORPG das genaue Gegenteil.« Damit spricht die Fortsetzung von Aion zwar perfekt alle Fans von Asia-Grindern an, sie ist aber ganz sicher kein MMORPG für jeden Genre-Enthusiasten. Wer vor allem die entschleunigte Erfahrung eines WoW Classic mag, dürfte sich in Atreia wie im falschen Film fühlen.
Mein Tipp für alle, die sich die Zeit bis WoW Forever verkürzen, aber nicht in der laufenden Beta spoilern möchten: Probiert das normale WoW Classic im Hardcore-Modus aus! Mit nur einem Leben erlebt ihr das altbekannte Azeroth noch einmal bewusster und gleichzeitig ganz anders! Außerdem fallen euch so zum Start von Forever die vielen neuen Inhalte und Unterschiede sehr viel eher ins Auge.
Nicole: Aion 2 ist hübsch, aber World of Warcraft hat für mich einfach mehr Seele
Nicole Wakulczyk: Als totaler WoW-Noob wollte ich World of Warcraft eigentlich nie spielen, allein weil mir die Grafik nie zugesagt hat. Erst die Ankündigung von WoW: Forever hat mich dazu gebracht, mir das moderne WoW anzuschauen. In den vergangenen Wochen habe ich über 150 Stunden darin verbracht.
Als ich dann in das neue, fancy MMORPG Aion 2 reingeschaut habe, wusste ich WoW nur noch mehr zu schätzen. Aion 2 sieht super aus, was mir als Grafik-Fan eigentlich gefallen müsste. Die Welt ist hübsch und überall wuseln süße Tierchen herum. Das Kämpfen mit meiner flinken Waldläuferin macht richtig Spaß. Aber während ich Aion 2 spielte, ging mir vor allem ein Gedanke durch den Kopf: Später kann ich endlich zu WoW zurückkehren.
Aion 2 macht vieles richtig. Aber WoW macht das Meiste einfach »richtiger«. Bei vielen Spiel-Elementen dachte ich schnell: Das klappt in WoW besser, geschmeidiger oder sieht schlicht schöner aus. Die Flug-Mechanik in Aion 2 hat mich schnell genervt. Durchgehend fliegen kann man nicht, und bis das vielleicht ansatzweise geht, ist ein Großteil meiner Motivation schon futsch. Auch das Abbauen und Crafting wirken in Aion 2 ziemlich faul und lieblos: Man wartet, bis sich Pop-up-Leisten füllen, statt sichtbar die Axt zu schwingen. Berufe gibt es offenbar nicht, und auch das Looten fühlt sich wenig belohnend an.
In WoW bleibe ich in fast jedem Gebiet hängen und beobachte liebevolle Details: einen hüpfenden Kochtopf, schwingende Laternen oder schräge NPCs. Diese Liebe zum Detail fehlt mir in Aion 2. Die Welt ist hübsch, wirkt auf mich aber lieb- und leblos – als hätte man eine Checkliste abgearbeitet, dem Spiel aber keine Seele verpasst. Von Aion 2 ist mir keine einzige Quest im Gedächtnis geblieben.
Für mich als WoW-Neuling ist Aion 2 keine (dauerhafte) Alternative. Es gibt mir viel mehr, in WoW zu sein, die Gebiete zu erkunden und der Musik zu lauschen, als durch die oberflächlich schöne Welt von Aion 2 zu laufen. Das zeigt mir umso mehr, dass ich einfach nicht die Zielgruppe dafür bin.
Lea: Aion 2 ist ein schicker Zeitvertreib für MMO-Hungrige
Lea Herfurtner: Nach knapp 5 Stunden im Free2Play-Grinder von NC steht fest: Langfristig bleibe ich nicht in Artreia. Ja, die Welt sieht, wie die meisten UE-5-Welten, verdammt gut aus, wenn man den Look mag. Und ja, eine Stunde meiner Spielzeit habe ich erstmal im Charaktereditor verbracht, weil es einfach Spaß gemacht hat, all die Anpassungsmöglichkeiten auszuprobieren. Kleiner Kritikpunkt: Die Animationen und Standard-Designs bedienen durchaus das »Gooner«-Vorurteil, aber darüber lässt sich hinwegsehen.
Unterhaltsam sind vor allem die Kämpfe. Die Attacken fühlen sich wuchtig an und sehen verdammt gut aus, aber der Spaß ist leider immer viel zu schnell vorbei und auch größere Bosse sind bisher nie eine Herausforderung gewesen. Allgemein geht hier alles sehr schnell und das sage ich als jemand aus der Gen Z, dessen Aufmerksamkeitsspanne das doch gewohnt sein sollte. Man springt von Kampf zu Kampf, Quest zu Quest und Level zu Level. Das macht dem Genre der Themenpark-MMOs zwar alle Ehre, die vielen kurzen Adrenalinschübe verlieren aber schnell an Reiz, sobald man merkt, dass die Gefahr fehlt.
Zudem merkt man Aion 2 die Smartphone-DNA an: Alles ist »Snackable Content«. Dank Makro-System lässt sich vieles automatisieren, was Zeit spart, das Erlebnis aber auch oft belanglos macht. Wirklich einprägsame Momente haben mir bisher komplett gefehlt, das blinkende Interface nervt und der soziale Aspekt kommt meiner Meinung nach auch zu kurz, da man fast alles allein meistern kann.
Was dafür umso mehr Spaß macht, ist das Fliegen! Die Luftkämpfe machen unfassbar viel Laune und sind den kostenlosen Blick definitiv wert. Ganz ohne Monetarisierung geht es aber in einem F2P-Spiel natürlich nicht: Ohne Abo bleibt man vom Auktionshaus ausgeschlossen und im Endgame muss man entweder extrem grinden, oder eben das Portemonnaie zücken. Als hübscher Lückenfüller bis zum Release von WoW Forever taugt Aion 2 für MMO-Hungrige aber trotzdem allemal.
Vier MMO-Fans, vier unterschiedliche Meinungen. Ob Aion 2 für euch eine echte Alternative zu World of Warcraft oder zumindest ein kurzer Zeitvertreib bis zum Release von WoW Forever sein kann, hängt stark davon ab, was ihr von einem MMORPG erwartet.
Jetzt interessiert uns eure Meinung: Habt ihr Aion 2 bereits ausprobiert? Könnt ihr euch vorstellen, länger in Atreia zu bleiben, oder zieht es euch spätestens im November wieder nach Azeroth? Schreibt es uns in die Kommentare!
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