Quadratisch, praktisch, römisch
Ganz egal, wo ein neues Militärlager entstehen sollte, es hatte sich diesem Grundaufbau unterzuordnen. Der Gedanke dahinter? Jeder Legionär fand sich unabhängig von seinem Einsatzort sofort zurecht und war im Ernstfall direkt bereit, das Lager zu verteidigen. Obendrein erleichterte die standardisierte Bauweise die schnelle Sicherung neu eingenommener Gebiete, weil sich die immer gleichen Handgriffe und Bautechniken prima planen und wie ein XXL-Baukasten vorbereiten ließen.
Dieses Copy&Paste-Prinzip erwies sich beim Militär als derart praktisch, dass es die Römer während ihrer Ausdehnung in weite Teile des Mittelmeerraumes kurzerhand auf zivile Siedlungen, den Coloniae, übertrugen. Die querverlaufenden Hauptverkehrsadern und das rechtwinklige Straßennetz gab es immer noch. Ganz wie in Anno 117 bildeten den Kern der Siedlung aber nicht mehr militärische Gebäude, sondern ein Forum, das gleichzeitig Marktplatz und gesellschaftliches Zentrum war.
In direkter Nachbarschaft dazu befanden sich oft weitere öffentliche Bauten wie Basiliken, die Curia (ein Versammlungsort für politische Debatten), Thermen und Tempel.
Ein praktischer Nebeneffekt der Castra-Struktur: Durch die eng bebauten, geraden Straßenzüge entstanden natürliche Windschneisen und lange Schattenwürfe mit angenehm kühlender Wirkung. Viele römische Städte wurden deshalb ganz bewusst schräg zur Hauptwindrichtung ausgerichtet, damit der Wind ungehindert durch die Gassen strömen und unangenehme Gerüche aus Latrinen und Abfällen aus der Stadt pusten konnte.
Das erste Franchise der Welt
Besonders unter den Kaisern Augustus und Trajan wurde das System zum Mantra. Jede neue Colonia sollte sich wie ein kleines Rom anfühlen und Bewohner und Reisende gleichermaßen an die identitätsstiftende Hauptstadt und führende Hand in der Ferne erinnern.
Im Grunde betrieben die Römer damit ein antikes Franchise-System. So wie heute Filialen großer Ketten Abziehbildchen voneinander mit dem immer gleichen Aufbau, Angebot und Servicekonzept sind, vermittelten auch römische Städte durch ihre wiederkehrenden Muster ein Gefühl von Vertrautheit und gemeinsamer Identität.
In Augusta Raurica bei Basel oder Segóbriga in Spanien wurde das typische Raster beispielsweise aufgrund des alpinen Terrains etwas aufgebrochen, um den natürlichen Höhenlinien Rechnung zu tragen. In Hafenstädten wie Trier oder Köln wurden die Hauptachsen nicht schnurgerade angelegt, sondern orientierten sich am Verlauf des Wassers. So konnten Verladeplätze und Brücken besser in den Stadtplan integriert werden.
Gleichzeitig hatten Statthalter aber genügend Freiheiten bei der Auslegung des Regelwerks, um ihre Kolonien bestmöglich an lokale Gegebenheiten anzupassen. Im BWL-Studium hieße das auf Neulatein »Think global but act local«. So oder so entstand dadurch ein Stadtbild, das in seiner Grundordnung stets unverkennbar römisch, aber in seinen Details einzigartig und besonders war.
Ganz ähnlich machten es auch die Planer in Londinium, dem heutigen London. Die Stadt wurde zwar nach römischem Vorbild gegründet, musste aber Rücksicht auf die Themse nehmen. Das Forum, die Basilika und die Hauptstraßen folgten römischen Mustern, doch Hafenanlagen, Speicher und Märkte entstanden entlang des Flusses.
Vom Insula-Mietblock zur Marmor Domus
Aber zurück zu unserer Mustersiedlung. Um den Stadtkern mit Forum und den öffentlichen Gebäuden herum, ihr erinnert euch, war Platz für die Wohnviertel. So konnten sich die Städte nach außen hin unbedrängt ausdehnen, ohne dass opulente Großbauten im Weg waren.
Wohlhabende Familien lebten in »Domus«, großzügigen Stadthäusern mit eigenem Atrium, Wasserbecken und Garten. Ihre Fassaden waren meist mit Ziegeln oder Kalkstein verkleidet, Fußböden mit Mosaiken verziert, Wände mit Fresken bemalt und ihre Dächer mit roten Ziegeln gedeckt.
Gut betuchte Hausherren ließen sogar edlen Marmor verbauen. Üblicherweise waren die Grundstücke auch von Mauern umschlossen und bewacht. Immerhin wohnten da Reiche. Die wollten damals wie heute nicht, dass Hinz und Kunz, beziehungsweise Aliquis et alius neugierig hinein spitzeln.
Die breite Masse aber wohnte in sogenannten »Insulae«. Mehrstöckigen Mietshäusern, die dicht an dicht in den Wohnvierteln standen und zu denen wir euch im Hintergrundartikel über das Alltagsleben im alten Rom hier im Heft noch viel mehr zu erzählen haben. Sie boten einfachen, engen Wohnraum, der oft nur mit schnödem Holz ausgekleidet war. Ohne direkten Wasseranschluss, dafür aber mit hoher Brandgefahr. Vor allem entlang der großen Hauptstraßen befanden sich im Erdgeschoss häufig sogenannte »Tabernae«.

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