Anno 1800: Das Brettspiel spielt sich genau wie die Vorlage - das ist gut und schlecht

Wir haben uns gemeinschaftlich das Brettspiel von Anno 1800 zur Brust genommen und festgestellt: Das ist ja genau wie das PC-Spiel! Das hat aber nicht nur Vorteile.

von Fabiano Uslenghi,
02.04.2022 16:25 Uhr

Vielleicht habt ihr es nicht mitbekommen, aber tatsächlich gibt es schon seit geraumer Zeit ein Brettspiel zu Anno 1800. Am 21. Oktober 2020 erschien bei dem Brettspielverlag Kosmos eine komplett lizenzierte Analog-Version zu einem der besten Aufbauspiele aller Zeiten.

Bislang haben auch wir dieses Spiel kaum beachtet, nun wurde es aber langsam mal Zeit. Gemeinsam mit einigen guten Freunden haben Strategie-Guru Maurice Weber und ich uns dazu entschlossen, ausnahmsweise den PC mal ruhen zu lassen und statt Polygon-Inseln eine aus Hartpappe zu besiedeln.

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Nun klingen Pappinseln jetzt erst einmal nicht besonders hochwertig, aber hey, das ist nun Mal ein Brettspiel und da wären Inselkarten aus Gras und Erde eher hinderlich. Zumal dieses Spiel offensichtlich viel mehr mit Anno 1800 gemeinsam hat, als nur den Namen.

Das klingt nach einem sehr großen Vorteil, denn Anno 1800 ist ein grandioses PC-Spiel. Doch nicht jede Stärke dieses Meisterwerks lässt sich ohne weiteres auf eine analoge Version übersetzen. Außerdem kostet dieses Spiel ganze 50 Euro.

Falls ihr also schon immer wissen wolltet, ob sich der Preis lohnt und ob das Spiel die Faszination für Anno überhaupt einfängt, dann haben wir mit etwas Verspätung endlich die Antwort für euch.

Der Autor: Fabiano gehört in der GameStar-Redaktion zu den absoluten Experten für die Anno-Serie und kehrt seit Jahren immer wieder zu Anno 1800 zurück. Zumal er dieses Spiel auch beruflich seit über drei Jahren begleitet. Aber er spielt eben auch leidenschaftlich gerne Brettspiele. Dass Fabiano das Anno 1800 - Brettspiel nicht schon längst ausprobiert hat, mag auch an der Pandemie gelegen haben. Inzwischen hat er sich diesen Wunsch aber endlich erfüllt.

Packung auf und sofort zu Hause

Es war schon bezaubernd zu sehen, wie beim Öffnen aus dem großen Karton mit dem bekannten Anno-Schiffchen dutzendfach kleine Plättchen oder Karten purzelten, die allesamt die exakt gleichen Illustrationen wie das mir so wohl bekannte Aufbauspiel enthielten.

Das Anno-Brettspiel gibt mir sofort das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Dabei überraschte mich vor allem, wie viele Icon-Designs aus Anno 1800 tatsächlich zweitverwertet wurden. Insbesondere die Ressourcen finden sich hier im Übermaß. Glas, Bier, Brot, Würste oder Holz gibt es etwa. Aber natürlich auch fortgeschrittene Luxusgüter wie Schokolade, Champagner oder ein Grammophon. Selbst die Neue Welt steuert Kaffebohnen, Baumwolle oder Kautschuk bei.

Jede dieser insgesamt 35 Waren ist liebevoll gestaltet, mit einem sehr hohen Wiedererkennungswert, so dass selbst Anno-Neulinge sofort verstehen, was sie eigentlich vor sich haben. Da profitiert das Brettspiel einfach von der sehr guten Arbeit, die bereits für das PC-Spiel geleistet wurde. Im Übrigen gibt es auch noch deutlich mehr Abbildungen, abseits von Waren. Gebäude beispielsweise, bekannte NPCs oder jede Menge Spezialisten-Karten.

Alles ist in der Fertigung hochwertig, leider aber nicht gut verpackt. Das Spiel besteht aus sehr vielen Klein- und Kleinsteilen, die außerdem gut sortiert werden müssen. Sonst dauert der Aufbau beim nächsten Mal viel zu lange. Nur gibt es in der Box kein mitgeliefertes Ordnungssystem mit passenden Fächern. Lediglich ein paar Plastiktütchen, die nicht zahlreich und groß genug sind, um alles einigermaßen unverrutschbar einzusortieren. Sehr schade.

Zum Glück genau wie das PC-Spiel

Im ersten Moment, wenn Anno 1800 - Das Brettspiel einen mit seiner Flut aus Plättchen, Brettchen und Kärtchen erschlägt, entsteht folgender Eindruck: Offenbar wollten sie hier sämtliche Icons nutzen, die es irgendwo im Spiel gibt. Das stimmt aber nicht.

Das PC-Spiel hat nochmal gut und gerne doppelt so viele Icons. Dem Brettspiel gelingt aber auch mit weniger, was ihm gelingen soll. Es fühlt sich genau so an wie Anno 1800. Und das nicht nur, weil die Bilder eben an das Spiel erinnern. Der Gamedesigner Martin Wallace hat es geschafft, so gut wie jeden wichtigen Aspekt des Aufbauspiels irgendwo in seinem Brettspiel eine Funktion zu geben.

Für Anno 1800 braucht ihr viel Platz auf dem Tisch. Vor allem, wenn ihr mit vollen vier Spielerinnen und Spielern spielt. Für Anno 1800 braucht ihr viel Platz auf dem Tisch. Vor allem, wenn ihr mit vollen vier Spielerinnen und Spielern spielt.

Bedürfnisse erfüllen

Alle Spielenden bekommen direkt zu Beginn eine Startinsel zugewiesen, auf der zumindest einige grundlegende Industrien errichtet sind und neben Bauern verfügt jeder auch schon über Arbeiter und ein paar Handwerker. Das Ziel des Spiels soll sein, als erster alle Bedürfnisse zu erfüllen und die meisten Einflusspunkte anzuhäufen.

Jeder neue Bürger bringt eine neue Handkarte, die mich vor eine neue Bedürfnisherausforderung stellt und beim Erfüllen einen kleinen Bonus gewährt. Es gibt Karten für Bauern und Arbeiter, die wollen dann meistens zwei einfache Ressourcen, also zum Beispiel Brot und Bier. Und Karten für Handwerker, Ingenieure und Investoren, die sehnen sich nach vielen und teuren Waren wie Pelzmänteln. Auch die Bewohner der neuen Welt haben eigene Karten, und fordern eine Mischung aus beidem. Und schon ist man in derselben Spirale wie in Anno 1800.

Die Insel ausbauen

Um an all diese Waren zu kommen, braucht es eine starke Industrie. Tatsächlich müsst ihr in dem Brettspiel ähnlich effizient puzzeln wie auf den Inseln in Anno 1800. Die Hauptinsel hat nämlich nur begrenzt Platz für neue Industrien. Deshalb können wir unser Reich vergrößern, in dem wir weitere Inseln erkunden.

Doch gerade im späteren Verlauf, kann es passieren, dass man sich von alten Gebäuden verabschieden muss, um Platz zu schaffen. Zumal Werften nur an der Küste und Schiffe nur auf dem Meer stehen können. Einzig der Abstand zwischen den Industrien spielt keine Rolle. Übrigens kann es beim Spiel mit mehreren Leuten (bis zu vier) passieren, dass ihr eine Industrie nicht mehr bekommt. Die Plättchen sind nämlich limitiert. Dann seid ihr vom Handel mit diesen Personen abhängig.

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Waren produzieren

Steht die Industrie, können wir mit ihrer Hilfe die nötigen Ressourcen erschaffen. Wichtig ist dabei vor allem, das wir genug Bevölkerung haben. Und die richtige Bevölkerung. Denn wie bei Anno 1800 können alle Betriebe nur von bestimmten Personengruppen besetzt werden. Ein Bauer arbeitet auf dem Kartoffelacker, ein Handwerker macht Kanonen, während eine Ingenieurin Glühbirnen herstellt. Investoren arbeiten gar nicht. Warum auch, sie sind schon reich.

Spannend: Anders als bei Anno, können manche Betriebe runter- oder hochgestuft werden. So könnt ihr eure Bevölkerung etwas effizienter auf die Betriebe verteilen.

Handel und Entdeckung

Das Handeln kommt im Brettspiel ebenfalls nicht zu kurz. Sehr angenehm ist hierbei, dass nicht wirklich am Tisch mit den anderen Spielern geschachert werden muss (höchstens bei der Frage, mit wem ihr handelt), denn ein Handel kann nicht abgelehnt werden. Es profitieren auch immer beide Seiten. Anfangs baut man meistens noch recht unabhängig für sich. Später wird das Handeln immer wichtiger, wenn es in die Neue Welt geht und Industrien anfangen knapp zu werden.

Die Neue Welt muss wie die Inseln in der Alten Welt mit Entdeckungsschiffen erkundet werden. Auch dafür gibt es eine Mechanik, bei der wir die richtigen Schiffe brauchen.

Die Neue Welt wird nicht bebaut, sondern stellt mit jeder neuen Erkundung eine Reihe an Waren zur Verfügung, die ich mir erhandeln darf. Die Neue Welt wird nicht bebaut, sondern stellt mit jeder neuen Erkundung eine Reihe an Waren zur Verfügung, die ich mir erhandeln darf.

Anno 1800 - Das Brettspiel im Solomodus

Sollte mal niemand Zeit für euch haben oder eine globale Pandemie für wochenlange Isolation sorgen, dann gibt es keinen Grund, das Brettspiel verstauben zu lassen. Ihr könnt Anno 1800 auch alleine spielen und erlebt dann die selbe Kampagne wie im PC-Spiel. Euer Feind ist dann die Zeit, denn ihr müsst in einer festen Anzahl an Zügen verschiedene Ziele erfüllen. Das macht durchaus Spaß, aber bei Weitem nicht so viel wie mit anderen Menschen. Und tatsächlich gibt es auch keinen tiefergehenden Grund, in einem solchen Fall Anno nicht einfach am PC zu zocken.

Der Solomodus liegt dem Grundspiel übrigens nicht bei. Ihr könnt das PDF mit den Regeln auf der Webseite aber kostenlos runterladen.

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Die selben Stärke und fehlende Schwächen

Seht es mir nach, wenn ich in diesem Text nicht jede Mechanik des Brettspiels im Detail aufdrösele. Dafür sind sie zu zahlreich. Wichtig ist vor allem zu vermitteln, dass sich das Spiel tatsächlich wie ein analoges Anno 1800 anfühlt. Es ist wundervoll, wie gut hier einige Mechaniken ineinandergreifen. Vor allem erlaubt dieses Brettspiel ganz unterschiedliche Taktiken.

Ich habe es noch nicht genug gespielt, um zu sagen, welche davon übermächtig sein könnte. Aber mir gefällt auf jeden Fall, dass verschiede Strategien möglich sind. Wer will, kann sich voll auf seine Seemacht konzentrieren und so ein Handelsimperium aufbauen. Oder ihr versucht, so schnell wie möglich alle Bedürfnisse zu erfüllen. Oder ihr konzentriert euch auf die zufälligen Spielziele, die besonders viele Einflusspunkte bescheren. Wer weiß, was noch alles! Das ist richtig gutes Gamedesign.

Das Brettspiel umschifft dabei sogar einige Schwächen des Aufbauspiels. Kämpfe gibt es hier nämlich nicht. Kanonen braucht ihr nur, um Erkundungsschiffe zu bauen. Mitspieler können sich aber nicht gegenseitig sabotieren oder bestehende Inseln einfach zerbomben. Anno 1800 - Das Brettspiel ist ein friedliches Spiel, mit einem gesunden Konkurrenzdenken ohne Frustration. Schön.

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Leider genau wie das PC-Spiel

Anno 1800 - Das Brettspiel gefällt mir also richtig gut. Gerade weil es so präzise die Faszination der Vorlage einfangen konnte. Aber tatsächlich hat es einen Nachteil, der den selben Ursprung hat wie seine größte Stärke: Dieses Spiel hält sich in Sachen Komplexität nicht zurück. Ihr habt ja inzwischen sicher gemerkt, wie viel es hier zu tun gibt. Handeln, Bauen, Bedürfnisse, Erkunden, Wachstum. Das alles muss erst einmal durchblickt werden. Wie auf dem PC, nur ohne dessen organischer Einarbeitung.

Deshalb werden selbst Anno-Profis direkt von Beginn an ziemlich überfordert. Es gibt ja Menschen wie mich, die hassen es vor dem Spielen ewig eine Anleitung zu pauken oder sich den Inhalt erklären zu lassen.

Bei Anno 1800 - Das Brettspiel werdet ihr nicht darum herumkommen. Einfach losspielen und es dabei lernen, klappt hier nur sehr eingeschränkt. Denn jeder Zug besteht aus neun unterschiedlichen Aktionen, von denen ich mir eine Aussuchen muss.

Die Anleitung ist gut verständlich und beantwortet viele Fragen. Muss aber auch recht häufig zur Rate gezogen werden. Die Anleitung ist gut verständlich und beantwortet viele Fragen. Muss aber auch recht häufig zur Rate gezogen werden.

Da Effizienz aber nun mal Anno-typisch der Schlüssel ist, sollte man sich gut überlegen, welche Aktion das ist. Jetzt stehen mir von Anfang an all diese Aktionen offen und ich muss mich für eine entscheiden. Das geht natürlich nur dann zuverlässig, wenn ich jede Aktion und ihre Vorteile kenne. Folglich müssen alle Teilnehmenden die Aktionen in ihren Grundzügen verstehen und damit quasi die ganze Anleitung durchlesen.

Stellt euch also auf eine sehr lange erste Runde ein, in der ihr höchstwahrscheinlich viele Fehler machen werdet. Das ist etwas unbefriedigend und kann trotz sehr schneller Züge gut und gerne bis zu vier Stunden dauern.

Danach solltet ihr und eure Freunde den Dreh aber raus haben und erkennen, wie viel in diesem Brettspiel steckt. Ein zweite Runde ist dann fast schon Pflicht!

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