Cyberpunk 2077 endlich gespielt: Es erschlägt uns völlig und das ist spannend

Preview: Wir haben den Auftakt von Cyberpunk 2077 ausgiebig gespielt und analysieren für euch, was uns an Besonderheiten, Stärken und Schwächen aufgefallen ist.

von Elena Schulz,
25.06.2020 18:52 Uhr

Genre: Rollenspiel | Entwickler: CD Projekt Red | Plattform: PC, PS4, Xbox One, Stadia | Release: 19. November 2020

Ich habe Cyberpunk 2077 gespielt, solange und ausgiebig wie fast niemand vor mir. Die vier Stunden lange Demo durften ich rauf und runterspielen, Hauptmissionen, Nebenquests, Open-World-Aktivitäten und auch die drei unterschiedlichen Laufbahnen für Protagonist(in) V im Prolog ausprobieren.

Danach wollten natürlich auch die Kollegen wissen, wie Cyberpunk denn nun war. Mir fehlten aber erstmal die Worte. Denn Cyberpunk ist vor allem eines: viel! Ich fühlte mich erschlagen von der gewaltigen Open World, obwohl ich mit dem aus Story-Gründen abgesperrten Watson-Bezirk nur einen kleinen Teil gesehen habe. Ich war überfordert mit unzähligen Talenten, Fähigkeiten und nicht zuletzt auch all den Möglichkeiten, Quests anzugehen.

Aber wisst ihr was? Das ist gut so! Denn Cyberpunk 2077 haut mir vor allem Vielfalt um die Ohren. Und genau die macht mir Lust auf's Experimentieren und Erkunden. Ich will das Spiel austricksen, einen Weg finden, der dann doch nicht geht oder eine völlig verrückte Schrotflinten-Schleich-Hacker-V mit Corp-Vergangenheit und blauen Haaren bauen.

Je größer allerdings die Freiheit an einer Stelle, desto bewusster werden ihre Grenzen an einer anderen: Bei all den Möglichkeiten müssen wir deshalb auch über die vielen Kompromisse reden, die CD Projekt bei Cyberpunk notgedrungen eingeht.

In dieser Preview stellen wir für euch zusammen, welche Besonderheiten uns bei der Anspiel-Session aufgefallen sind und analysieren die Stärken, aber auch Schwächen von Cyberpunk 2077. Kollege Michael Graf hat das Rollenspiel ebenfalls gespielt und beschreibt in seiner extralangen Plus-Titeltstory wirklich jedes noch so kleine Detail der Demo.

Wollt ihr selbst einen Blick auf die bunten Neonreklamen und düsteren Nachtclubs von Night City erhaschen, liefert euch Micha seine Eindrücke aber auch als Video:

Cyberpunk 2077 endlich gespielt: Preview-Video mit massig Gameplay 23:56 Cyberpunk 2077 endlich gespielt: Preview-Video mit massig Gameplay

Was macht Cyberpunk 2077 besonders?

Ich fühle mich ziemlich cool und überlegen, als ich die Soldatin mit Cyberpsychose einfach über den Haufen ballere, obwohl sie sich dank ihrer Cyberware sogar unsichtbar machen kann – keine Herausforderung für mich! Bis Leveldesigner Miles Tost mich freundlich darauf hinweist, dass ich in meiner Rambo-Manier die Hälfte der Nebenmission verpasst habe. Wer nicht gleich mit dem Schießeisen im Anschlag den Raum stürmt, entdeckt nämlich Hinweise auf die tragische Geschichte im Hintergrund.

Die Soldatin arbeitete für den Megakonzern Militech und schrieb dem eine panische Nachricht, die man auf einem PDA findet, wenn man die Umgebung scannt. Irgendwas stimmt nicht mit ihren Augmentierungen. Übertreibt man es mit künstlichen Körperteilen, kann das einen gefährlichen Wahnsinnszustand auslösen. Militech weiß Bescheid und will einen Rettungstrupp schicken (O-Ton: »Wir lassen unsere Mitarbeiter nicht allein.«). In Wahrheit kommt ein Tötungskommando. Denn Militech will den Fall vertuschen, Verkaufszahlen gehen über Menschenleben.

Mit dem skrupellosen Militech-Unternehmen kommt ihr übrigen auch in der 48 Minuten langen Gameplay-Demo rund um die Spinnenbot-Mission (etwa ab Minute 27) in Berührung:

Cyberpunk 2077 - 48 Minuten Gameplay im kompletten Demo-Walkthrough 48:22 Cyberpunk 2077 - 48 Minuten Gameplay im kompletten Demo-Walkthrough

Jede Open-World-Aufgabe soll so eine kleine Geschichte erzählen. CD Projekt Red hat sich die Kritik an generischen Nebenaktivitäten wie das Endlostauchen nach den Schmugglerfässern in Witcher 3 zu Herzen genommen und setzt nun alles in einen größeren Kontext. Zumindest im ersten Areal funktioniert das gut - allerdings eben nur, wenn man wie oben beschrieben genau hinsieht.

Auch bei den Fähigkeiten hört CD Projekt auf die Fans: Eigenschaften wie Intelligenz, Stärke oder Coolness lassen sich steigern und spalten sich noch einmal in stolze zwölf individuelle Perk-Bäume auf, über die ich mich noch weiter spezialisieren kann. Wenn ich dadurch plötzlich alle Kameras in der Umgebung abschalten kann oder über einen Buff stärker werde, wenn meine Gesundheit niedrig ist, wirkt sich das direkt aufs Spielgeschehen aus.

Außerdem muss ich mich nicht auf eine Klasse wie Hacker festlegen, sondern darf eben auch einen Rambo-Hacker-Technikexperten spielen. Die typischen »X-Prozent mehr von irgendwas«-Kandidaten sind aber ebenfalls vertreten.

Einen ersten Eindruck von der Open World liefern euch auch die neuen Screenshots:

Cyberpunk 2077 - Screenshots ansehen

Die wichtigsten Features von Cyberpunk auf einen Blick:

  • Story: Söldner(in) V wird in die kriminelle Unterwelt von Night City hineingeworfen, muss sich mit brutalen Gangs und schleimigen Corpos anlegen, einen mysteriösen Chip bei einem Heist erbeuten und wird dann noch weiter in Verschwörungen und Machtspiele hineingezogen. Die tatsächliche Storyqualität lässt sich noch nicht abschätzen, Spannung baut die Ausgangslage aber allemal auf - und lässt tief in menschliche Abgründe blicken.
  • Drei Prologe: Mit Nomade, Straßenkind und Corpo erlebe ich drei mögliche Auftakt-Pfade, die sich später auch auf die Hauptgeschichte (zum Beispiel beim Umgang mit den Megacorps) auswirken.
  • Spielerische Freiheit: Über Schleichen, Hacking oder aggressiven Vorgehen stehen mir drei Spielstile offen, über die ich Missionen wie das Infiltrieren von Gang-Quartieren angehen kann.
  • Tiefes Charaktersystem: Talentbäume, Perks, Levelaufstiege, Street Cred und passive Boni lassen mich meinen Charakter ständig weiter verbessern und individualisieren. Obendrauf eröffnen sie mir neue Wege, sei es beim Hacken, während der Kämpfe oder direkt in Dialogen.
  • Ausüstung & Loot: Waffen und Kleidungsstücke finde, kaufe oder erbeute ich in unterschiedlichen Seltenheitsstufen. Besondere Teile verfügen über mehr Slots für Modifikationen wie Schalldämpfer bei Pistolen. Und dann gibt es natürlich auch noch die Cyberware, die ihrerseits ein neues Fähigkeiten-Fass aufmacht, wenn V sie beim Ripperdoc gegen Geld installiert. Mit wuchtigen Gorilla-Armen schlägt es sich zum Beispiel gleich härter zu.
  • Glaubwürdige Open World: Die Spielwelt von Night City soll sich nicht nur nach Fragezeichen abklappern anfühlen. Gigs (ehemals Street Stories), Zufallsbegegnungen, Nebenmissionen und auch Hauptquests offenbaren für aufmerksame Spieler viele Details, Hinweise und meist auch alternative Lösungswege.

Fixer wie Regina versorgen mich unterwegs per SMS mit neuen Aufträgen. Fixer wie Regina versorgen mich unterwegs per SMS mit neuen Aufträgen.

Für wen ist Cyberpunk interessant?

Cyberpunk 2077 ist ein Rollenspiel, durch und durch. Die meiste Freude habt ihr deshalb, wenn ihr gerne Sachen ausprobiert, euch einen eigenen Spielstil zurechtlegt oder jeden Quest-Schauplatz gründlich erkundet. Tut ihr das nicht, werdet ihr oft nur irgendwo hinlaufen, alle Widersacher erledigen und anschließend weiterziehen, ohne die komplexen Zusammenhänge dahinter zu verstehen. Und dann ist Cyberpunk 2077 »nur noch« ein normales, wenn auch sehr atmosphärisches Actionspiel.

Erst wer Cyberpunk 2077 wirklich als Summe all seiner Teile erleben möchte, holt wirklich das Maximum heraus. Bevorzugt wird ein bestimmter Spielstil dadurch aber nicht: Wer will, kann alle erschießen und sich dann trotzdem umschauen - oder findet so gar spannende neue Infos an Gegnerleichen. Und wer generell Spaß mit Open-World-Spielen wie Assassin's Creed oder GTA hat, sollte aber allein durch die zahlreichen unterschiedlichen Aktivitäten auf seine Kosten kommen.

Was gefällt uns bisher? Was gefällt uns nicht?

Stärken von Cyberpunk

  • Der Humor: Cyberpunk 2077 will nicht nur düster sein. Oft genug strahlt die Sonne Kaliforniens auf mich herab. Und wenn ich beispielsweise einen Mann mit defektem Penisimplantat unter Schmerzenschreien zu einem Ripperdoc fahre, während vor uns auch noch eine ganze Schulklasse über die Ampel will, komme ich vor dem Bildschirm aus dem Grinsen nicht mehr heraus.
  • Atmosphäre & Grafik: Wenn mir neben brennenden Fässern lehnende Junkies abschätzige Blicke zuwerfen, Polizisten mich energisch von Mordschauplätzen wegpöbeln oder die grellen Neonreklamen von Japantown auf mich herableuchten, fängt das für mich die Essenz von Cyberpunk ein und lässt die Faszination der schrillen Welt mitsamt ihrer dunklen Seiten wirken. Dank stimmiger Lichteffekte wie indirekter Beleuchtung oder Spiegelungen sieht Night City dabei noch schick aus.
  • Liebe zum Detail: Animations-Details wie ein zuckendes Knie bei Kumpel Jackie in einem nervösen Moment oder ein meist perfekt abgestimmter Tonfall in den natürlich klingenden Dialogen, machen V, Jackie und die anderen Figuren in Cyberpunk menschlich und interessant - übrigens auf Deutsch und Englisch. Vs Stimme zittert zum Beispiel vor Wut, als sie das Opfer von Organhändlern aus dem oben eingebundenen Gameplay findet.
  • Der neue Detektivmodus: Mit dem Braindance hat CD Projekt Red eine kluge Alternative zum Hexersinn gefunden: Statt den ständig einzusetzen, erlebe ich an bestimmten Stellen die Erinnerungen von Personen nach und darf sie vor- und zurückspulen oder per Pausefunktion auf optische, akustische oder gar thermale Details untersuchen, die mir wertvolle Informationen preisgeben – beispielsweise das mutmaßliche Versteck des oben erwähnten Chips, der Kühlung braucht.

Über Braindances lassen sich Erinnerungen anderer nachspielen - nützlich für Ermittlungen! Über Braindances lassen sich Erinnerungen anderer nachspielen - nützlich für Ermittlungen!

Schwächen von Cyberpunk

  • Klassische Open World: Cyberpunk 2077 wird keine Open-World-Revolution. Ihr erkundet eine offene Stadt, die sich durch unterschiedliche Areale, kleine und große Geschichten und eben auch Schnellreisepunkte, Markierungen und so weiter auszeichnet. Wer sich eine krasse Abkehr von der Ubisoft-Formel erhofft, wird vermutlich enttäuscht werden.
  • Bug- & Balancing-Probleme: Die spielbare Version litt noch unter diversen Bugs und Technikproblemen, wie etwas ineinander glitchende Autos. Bei zu schwachen Bossen und anderen teils zu starken Gegnern zeigten sich Balance-Probleme, unser Auto steuerte sich auch noch etwas zu ruckartig, um ein paar Beispiele zu nennen. Ja, CD Projekt hat nach der Verschiebung noch einiger Monate Zeit, um all das zu korrigieren – dies scheint aber auch nötig.
  • Gestrichene Features: Die Entwickler mussten einige Kompromisse eingehen. Der Techie-Spielstil fällt beispielsweise weg, weil er dem Hacker-Weg zu nah war und der angedachte Robofreund zu aufwändig zu animieren. Stattdessen finden wir einige (aber nicht alle!) seiner Besonderheiten nun bei den Technik-Attributen. Außerdem ist die Spielwelt deutlich weniger interaktiv, als es in den Trailern noch den Anschein machte. Umgebungs-Takedowns funktioneren etwas nur noch an fest vorgegebenen Punkten, die Badewannen-Ertränkung aus der ersten Demo (etwa Minute 02:44 oben im Video) wird es so nicht mehr geben.

Was bei Cyberpunk 2077 noch schiefgehen kann - Die größten Herausforderungen der Entwickler PLUS 15:37 Was bei Cyberpunk 2077 noch schiefgehen kann - Die größten Herausforderungen der Entwickler

Potenzial | Ausgezeichnet

Elena Schulz
@Ellie_Libelle

Cyberpunk 2077 ist nicht perfekt und wird wahrscheinlich auch nicht unseren Blick auf Open-World-Spiele für immer verändern. Was das ambitionierte Rollenspiel von CD Projekt Red schafft, ist trotzdem beeindruckend: Allein die bereits gezeigte Quest um den Flathead-Roboter lässt sich auf sechs unterschiedliche Arten angehen.

Hinzu kommen noch kleinere Nuancen und weitreichendere Folgen. Und das ist nur eine Mission! Auch wenn die anderen Aufträge in der Demo längst nicht so komplex ausfallen, erlebe ich sie alle als eine Liebeserklärung an die spielerische Freiheit und das Rollenspiel an sich. Wenn die Entwickler das so im ganzen Spiel hinbekommen, müssen sie das Rad nicht neu erfinden.

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