Kollege Maurice hat es letztens in einem Stream sehr schön auf den Punkt gebracht: Im Nachhinein lässt sich immer klug daherreden, dass ein Spiel »natürlich scheitern musste«, aber ist Realität doch sehr viel komplizierter. Spiele wie Marvel Rivals oder Arc Raiders feiern sensationelle Erfolge, obwohl sie auf dem Papier wie »noch ein Overwatch-Klon« und »noch ein neuer Extraction Shooter« aussehen. Multimillionen-Dollar-Giganten wie Sonys Concord fahren indes kolossal an die Wand. Und dazwischen: Highguard.
Highguard entstand 2021 als Passionsprojekt ehemaliger Respawn-Leute. Es versprach seinen Mitarbeitenden deutlich bessere finanzielle Konditionen als bei Apex Legends, es wollte bewusst nicht den damaligen Battle-Royale-Trend imitieren, bemühte sich stattdessen um Innovation im Multiplayer-Genre. Statt monatelanger Marketing-Hyperei sollte es quasi unmittelbar nach seiner Enthüllung erscheinen und die Leute da draußen mit Qualität statt mit Versprechen überzeugen.
Alles Tugenden, die viele von uns wahrscheinlich befürworten.
Doch es kam anders. In einem neuen Enthüllungs-Report spricht Branchen-Experte Jason Schreier für Bloomberg mit 10 ehemaligen Mitarbeitenden von Entwickler Wildlight Entertainment. Wie konnte Highguard derart scheitern, dass zwei Wochen nach Release der Großteil der Belegschaft gefeuert werden musste? Im Report finden sich dafür zwei gewichtige Gründe.
Nummer 1: Shadow Drop statt Community Building
Die Führung hinter Highguard wollte den legendären Stunt von Apex Legends wiederholen. Der Battle-Royale-Shooter erschien damals quasi aus dem Nichts. Auf die Ankündigung folgte der unmittelbare Release – eine sensationelle Erfolgsgeschichte.
Doch so eine Strategie hat ihren Preis. In den Monaten vor Release konnten die Devs nur mit sehr kleinen Playtest-Gruppen an Highguard schleifen. Gegenüber Jason Schreier quittieren die befragten Mitarbeitenden: Schon hier zeigten sich Sollbruchstellen. Highguard ist ein sehr komplexer Shooter – während der Playtests waren Devs zugegen, um Fragen zu beantworten. In der Realität fehlen die natürlich.
19:48
Hinter dem Hass: Das ECHTE Problem von Highguard
Außerdem funktionierte Highguard in den Playtests mit aktiviertem Voice Chat deutlich besser als ohne. Jede Macke, die du bei einem Spiel bereits in kleinen Fokusgruppen feststellst, kann sich bei einer Spielerschaft von über Hunderttausend Menschen um ein Vielfaches multiplizieren.
Um sich darauf vorzubereiten, setzen viele Shooter schon vor Release auf eine passionierte Community. In Closed Alpha und Beta Tests wird Feedback gesammelt, der eigentliche Release lässt sich viel leichter »trockentesten«.
Highguard hatte all das nicht, weil es ja mehr oder minder als Shadow Drop erscheinen sollte. Eine kurze Ankündigung während der Game Awards im Dezember und unmittelbar danach: Abfahrt. Als es dann erschien, loggten sich zwar alleine via Steam fast 100.000 Leute gleichzeitig ein, aber wegen all der Reibungspunkte sprang der Großteil davon rasch wieder ab – Reibungspunkte, die man in einer Beta-Phase gut hätte abfeilen können.
Nummer 2: Tencent hat das Geld
Viele Mitarbeitende von Wildlight waren sich sicher: Dann fixen wir das eben nach Release. Genügend Service-Spiele verlassen sich – oft zu unserem Leidwesen – auf ausgiebige Post-Launch-Pläne, um ihre Spiele zu verbessern. Doch bei Highguard sollte es nie wirklich dazu kommen.
Erst in den letzten Wochen drang an die Öffentlichkeit: Der größte Investor hinter Highguard ist Tencent. Das chinesische Geld hat das Projekt maßgeblich gesponsert, bis heute weigern sich sowohl Tencent als auch die Führungsetage von Wildlight, das offiziell zu bestätigen.
Laut Schreiers Quellen entzog der Konzern dem Spiel unmittelbar nach Release das Geld. Wildlight musste einen Großteil der Belegschaft feuern, bloß eine Skelett-Crew verbleibt, um weiter am Spiel zu arbeiten.
Ob so wenige Leute Highguard eine langfristige Zukunft sichern können, steht aktuell noch in den Sternen. Derzeit verbleiben von den einst 100.000 gleichzeitigen Steam-Spielerinnen und -Spielern nur noch rund 200. In der Regel erholt sich ein Spiel von so einem Schlag nicht mehr, aber wir halten euch natürlich auf dem Laufenden.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.