Epic vs. Apple: Warum die blockierte Unreal Engine euch schadet

Meinung: #FreeFortnite mag manche noch schmunzeln lassen. Dass die Unreal Engine von Apple blockiert werden soll, ist aber gerade für uns Spieler ein fataler Schritt, findet Elena.

von Elena Schulz,
18.08.2020 17:34 Uhr

Der Kampf Epic vs. Apple erreicht eine neue Dimension. Der Kampf Epic vs. Apple erreicht eine neue Dimension.

Epic legt sich mit den ganz Großen an. Nach Valve und Steam sind jetzt Google und Apple dran. Weil das Unternehmen bei seinem Multiplattform-Hit Fortnite geschickt versuchte, die Shop-Gebühren zu umgehen, flog der Battle-Royale-Shooter im hohen Bogen aus Apples App und Googles Play Store.

Dahinter steckt kein Größenwahn, sondern kalkuliertes Risiko: Epic will mithilfe einer Klage das Geschäftsmodell von Apple und Google umgehen, das Abgaben in Höhe von 30 Prozent vorsieht. Über die Erfolgschancen dieser ganzen Sache haben wir sogar einen Anwalt befragt. Der zeigt sich optimistisch:

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Und das ist nicht nur für ein paar Mobile Gamer und Fortnite-Fans relevant. Denn Apple geht noch einen Schritt weiter und entzieht Epic auch die Entwickler-Tools. Das schadet nicht nur unzähligen Studios, sondern auch uns Spielern - selbst auf dem PC.


Die Autorin:
Elena (@Ellie_Libelle) hat Game Art studiert und nutzt selbst regelmäßig die Unreal Engine 4. Auch wenn sie ohne Probleme in einer Welt ohne Fortnite leben könnte, bereitet ihr der Schritt von Apple deshalb Sorgen. Hier verliert für sie im schlimmsten Fall nicht Epic, sondern zahlreiche kleine Indie-Studios haben das Nachsehen. Und damit letztlich auch der Spieler, dem so viele spannende Werke und Ideen entgehen.

Viele Spiele bekommen ein großes Problem

Die kostenlose Unreal Engine verspricht mit ihren mächtigen Werkzeugen viele Vorteile für Entwickler. Deshalb wird sie gerne und häufig genutzt, nicht nur von Epic. Das gilt zum Beispiel für den Indie-Hit Hello Neighbor oder die Mobile-Umsetzungen zu Mortal Kombat und Life is Strange. Die können nun im schlimmsten Fall nur als veraltete Versionen weiter existieren oder müssen gar aus dem Store entfernt werden.

Denn damit die Spiele weiterhin fehlerfrei laufen, braucht Epic Zugang zu Tools von Apple. Ohne die können weder neue Unreal-Spiele für iOS und Mac entwickelt, noch alte mit Updates unterstützt werden. Epic zählt aktuell zu den erfolgreichsten Entwicklern im App Store, wie es in einem Statement von Apple gegenüber der Washington Post heißt - auch dank der Unreal Engine.

Mit Unity und anderen Engines existieren zwar Alternativen, die Spiele in der Unreal Engine stechen aber auch auf Mobile gerne aufgrund ihrer schicken Grafik heraus. Darüber ist die Entwicklungsumgebung auch PC- und Konsolenspiele sehr beliebt, was Portierungen auf Mobilgeräte unkompliziert gestaltet. Das wäre dann nicht mehr ohne Weiteres möglich.

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Kompliziertere Entwicklung - auf Kosten des PCs

Die Mobile-Fassung ist gerade für kleine Entwicklerstudios sehr wichtig. Denn auf den omnipräsenten Smartphones erreichen sie ein gigantisches Publikum - bisweilen deutlich mehr als auf den Konsolen oder am PC. Viele Teams steigen mit Mobile-Spielen ein.

Die Unreal Engine birgt hier viele Vorteile. PC- und Konsolenspiele setzen aber immer öfter auf Epics Entwicklungsumgebung, da sie kostenlos ist, eine umfangreiche Dokumentation, direkten Support und viele nützliche Werkzeuge für die Entwickler mitbringt - sowie einfach importierbare Erweiterungen wie Quixel Megascans für Photogrammetrie-Texturen. Und man kann ohne Probleme für sämtliche Plattformen entwickeln.

Ohne Unreal müssten die Studios gezwungermaßen auf eine andere Engine umsteigen - gerade kleinere Indie-Entwickler, die auf die Einnahmen angewiesen sind und sich keine aufwändige Portierung leisten können. Unity ist zum Beispiel eine sehr beliebte Mobile-Engine, die auch auf PC und Konsole funktioniert. Allerdings kostet so ein Engine-Wechsel immer Zeit und Geld, die bei Indie-Studios in der Regel sowieso knapp bemessen sind. Viele Kompromisse wie Feature-Streichungen wären eine mögliche Folge.

Apple hat außerdem großes Interesse daran, stattdessen Xcode zu fördern, die hauseigene Entwicklungsumgebung. Die befindet sich allerdings längst nicht auf dem technischen Stand von Unreal oder Unity und wird auf Windows nicht offiziell unterstützt. Studios müssen sich also nicht nur mit neuen Tools vertraut machen oder neue Ausrüstung anschaffen, sondern im Zweifel gar komplett auf eine Version für PC, PS4, Xbox One oder selbst Android verzichten - denn mit Xcode lässt sich nur für iOS und Mac entwickeln.

Im schlimmsten Fall erscheinen also deutlich weniger Mobile-Portierungen, was gerade für kleine Entwickler fatale Auswirkungen hätte und interessante Mobile Games wie die Königs-Simulation Reigns schaffen es nicht mehr auf den PC.

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Wenn Zwei sich streiten, leidet der Dritte

Klar, als Spielerin arbeite ich nicht mit einer Engine. Trotzdem kann sie mir nicht egal sein. Denn wenn sich die Entwicklung mit der Unreal Engine 4 nicht mehr lohnt, wird die Entwicklungsumgebung zurückgedrängt und verliert an Bedeutung.

Viel mehr Studios nutzen plötzlich die gleichen Werkzeuge - vielleicht sogar vorzugsweise die hauseigenen von Apple. Dadurch kontrolliert das Unternehmen letztlich noch viel stärker, welche Spiele wir zu sehen bekommen - weit über den App Store hinaus. Gerade bei kleineren Spielen nimmt die Vielfalt ab, nur noch was mit der neuen Engine kompatibel ist, setzt sich durch.

Das bezieht sich erst einmal nur auf den App Store, wird aber noch weitreichendere Folgen haben. Denn kleine Entwickler brauchen die Mobile-Umsetzungen oft dringender als PC- oder Konsolenversionen und könnten sich deshalb bewusst gegen die Unreal Engine entscheiden. Das hätte deutlich mehr Spiele im gleichen »Look« einer Unity-Engine zur Folge - also mehr Einheitsbrei in den digitalen Stores. Oder eben reine Mobile Games mit Xcode im Hintergrund, die dann vielleicht sogar nur noch exklusiv bei Apple aufschlagen.

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Ist Epic also das Opfer?

In Epic den Underdog zu sehen, der es mit den fiesen Monopolen von Apple und Google aufnehmen will, greift aber zu kurz. Immerhin steckt hinter dem Befreiungsakt von den lästigen Store-Abgaben vor allem ein finanzielles Interesse. Epic hat Apples Reaktion wahrscheinlich bewusst in Kauf genommen, um dann die Klage einreichen zu können.

Das Gleiche gilt für die blockierte Unreal Engine. Die liefert Epic jetzt nämlich entscheidenden neuen Zündstoff gegen Apple: Das Unternehmen reichte eine einstweilige Verfügung gegen den Schritt ein, mit der Begründung, dass Apple »das gesamte Unternehmen des Entwicklers in unabhängigen Bereichen angreife« und »dadurch der Schaden an Epics laufenden Geschäften, sowie am Ruf und dem Vertrauen der Kunden dem Unternehmen gegenüber, nicht einschätzbar und irreparabel sei.«

Vor diesem Gesichtspunkt wirkt die Aktion kalkuliert. Epic will seinen Anspruch vor Gericht stärken und Apple weiter unter Druck setzen. Trotzdem könnte sich ein positiver Ausgang für Epic auch für andere Studios und die Spieler auszahlen: Werden in Zukunft die Store-Gebühren herabgesetzt - selbst wenn das nur in Einzelfällen geschieht - zahlen Entwickler und Kunden deutlich weniger.

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