FIFA 22: Kein Test kann meiner Enttäuschung Ausdruck verleihen

Mit der PC-Version für FIFA 22 geht für Fabiano eine jahrelange Liebesbeziehung endgültig in die Brüche. Was bleibt, ist pure Enttäuschung.

von Fabiano Uslenghi,
27.09.2021 18:15 Uhr

Wenn ich andere Leute verwirren will, dann rede ich gern von meiner Affinität zu FIFA. Denn wer mich kennt, rechnet meistens nicht damit. Meistens bin ich eher der Typ, der in seiner Freizeit eben textlastige Oldschool-Rollenspiele oder historische Strategiespiele spielt. Ich bin der Typ, der zu Ritterturnieren geht und Kombattanten anfeuert wie bei Ritter aus Leidenschaft. Dass ich aber früher auch gerne im Frankfurter Stadion aus voller Lunge im Herzen von Europa schmetterte, scheinen die meisten bei meinen sonstigen Interessen nicht zu erwarten.

Unser Test mit Wertung
Wenn ihr auf der Suche nach unserem objektiven Test seid, dann seid ihr hier falsch. In dieser Kolumne schreibt unser Redakteur Fabiano aus seiner ganz persönlichen Perspektive, was ihn an FIFA 22 frustriert. Es gibt aber auch einen vollumfänglichen Test, in dem wir alle Vor- und Nachteile von FIFA 22 sachlich aufarbeiten. Hier findet ihr dann auch die finale Wertung.

Zum Test von FIFA 22 geht es hier entlang.

Ich war sogar fast zehn Jahre lang Jugendtrainer inklusive Übungsleiterlizenz. Und wer so viel Spaß am Fußball hat, der zockt natürlich auch FIFA - oder wahlweise PES. Ich war aber eben immer im FIFA-Lager. Immerhin wollte ich die lizenzierte Eintracht digital dahin bringen, wo sie in der Realität nie stehen wird.

In all den Jahren habe ich FIFA immer viel verziehen. Ich scherte mich schlicht nicht um Ultimate Team und war mit meinem Karrieremodus vollkommen zufrieden. Gut fand ich die Pay2Win-Mühle natürlich nie. Ich konnte sie aber ignorieren.

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Was ich aber nicht mehr ignorieren kann, ist der Zustand von FIFA 22 auf dem PC.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mich der Fußball das letzte mal so tiefgreifend enttäuscht hat. Und das will was heißen. Immerhin feuere ich die Diva vom Main an.

Der Autor: Fabiano Uslenghi gehört seit 2019 zur internen GameStar-Redaktion und befasst sich die meiste Zeit mit Strategie- und Rollenspielen. Doch Fußball gehörte ebenfalls schon immer zu seinen liebsten Nebenbeschäftigungen, weshalb er dem Hobby nicht nur als Spieler und Jugendtrainer nachging - sondern auch digital. Die Wahl fiel dabei in Hundert Prozent aller Fälle auf FIFA. Da er sich erst als Jugendlicher für Vereinsfußball interessierte, war sein erstes FIFA die WM-Ausgabe von 2002, deren Demo er damals zu seinem Happy Meal dazubekam. Erst 2008 kaufte er sich erstmals ein richtiges FIFA und lies danach keinen Jahrgang aus. Zu seinen liebsten Spielmodi gehören die Trainerkarriere und Pro Clubs.

Der reinste Standfußball

Eine Kleinigkeit gleich vorweg, um hier auch so transparent wie möglich zu sein: Ich habe die PC-Version von FIFA 22 noch nicht gespielt. Was ich aber gespielt habe, war die inhaltsgleiche PS4-Version. Es war ja vorher schon bekannt und inzwischen habe ich auch die Bestätigung, dass diese PS4-Version mit dem PC-FIFA identisch ist.

Und was wir da geliefert bekommen, ist schlicht und ergreifend eine Farce.

Abgesehen von der Spielstandeinblendung könnte diese Szene auch direkt aus FIFA 21 stammen. Der FCB spielt übrigens weder in FIFA 21 noch 22 in der Allianz Arena. Abgesehen von der Spielstandeinblendung könnte diese Szene auch direkt aus FIFA 21 stammen. Der FCB spielt übrigens weder in FIFA 21 noch 22 in der Allianz Arena.

Und auch hier will ich nochmal betonen: Ich habe FIFA in den Jahren davor oft verteidigt. Denn klar, von Saison zu Saison betrachtet fallen Gameplay-Änderungen traditionell eher überschaubar aus. Ich gehörte aber zu den Spielern, die so viel gezockt haben, dass selbst kleinste Details zu einem anderen Spielgefühl führten.

Ich kann auch heute noch darüber staunen, wie in seiner Summe kleine Veränderungen FIFA im Kern zu einem tollen Fußballerlebnis machen. Wie ich das Tempo beim Dribbeln kontrollieren kann. Wie viele Tastenkombination zu anderen Flanken oder Vorlagen führen. Dass ich inzwischen Mitspieler problemlos in eine gewünschte Richtung schicken kann. Das sah bei FIFA 2010 noch alles ganz anders aus.

Doch schon in FIFA 21 verlor sich die Faszination für diese kleinen Verbesserungen immer mehr. In FIFA 22 ist sie vollkommen erloschen. Alles, was mich hier noch positiv stimmt, sind die neuen Torwartanimationen, die schönere Ballphysik bei Flanken und explosiven Sprints. Und da hören die Änderungen auch schon auf.

Auch bei der Präsentation bleibt in FIFA 22 auf dem PC und PS4 alles beim Alten. Auf Next Gen laufen Spieler etwa mit Kindern an der Hand ins Stadion. Auch bei der Präsentation bleibt in FIFA 22 auf dem PC und PS4 alles beim Alten. Auf Next Gen laufen Spieler etwa mit Kindern an der Hand ins Stadion.

Tribünenverweis für die Trainer

Dass ich FIFA diese Detailverbesserungen nicht mehr anrechne, liegt auch an dem Fehlverhalten abseits des Platzes. EA muss ja nicht jedes Jahr das Spiel revolutionieren. Aber es gibt so viel Nachholbedarf bei vielen Spielmodi, dass man hier gerne mehr Verbesserungen reinbuttern könnte.

Doch statt sich im Karrieremodus um ein nachvollziehbares Transfersystem, einer besseren Karriereverwaltung für den eigenen Manager oder mehr Kontrolle bei der Spielerentwicklung zu bemühen, klatscht EA eine Create a Team-Funktion oben drauf. Was soll jemand wie ich damit, der FIFA für seine authentischen Teams spielen will?

Allgemein werden die Lizenzen ein immer größeres Problem. FIFA verliert immer öfter Rechte selbst großer Vereine wie Juventus Turin und das schlägt bei mir enorm auf den Spielspaß. FIFA 22 setzt dem noch eine Krone auf, denn dieses Mal sind ganze 16 Nationalmannschaften rausgeflogen. Es ist in FIFA 22 unmöglich, eine richtige WM zu spielen.

Der Turniermodus wurde seit einer halben Ewigkeit nicht mehr angefasst und hinkt dem echten Fußball um Jahre hinterher. Der Turniermodus wurde seit einer halben Ewigkeit nicht mehr angefasst und hinkt dem echten Fußball um Jahre hinterher.

Es gibt nur 33 Nationalmannschaften und darunter mit China nur eine asiatische. Aus Afrika hat es kein Land ins Spiel geschafft. Gut, spiele ich halt EM. Doch selbst das hat einen Beigeschmack. Denn der Turniermodus der EM 2020 lässt sich in FIFA 22 gar nicht abbilden. Klar, man kann darüber streiten, dass der Modus ausbaufähig war. Aber das sollte eine Fußballsimulation ja erst einmal nicht interessieren.

Und wieso muss ich bei FIFA 22 nach wie vor mit drei Auswechselspielern haushalten? Bei der EM und in der Bundesliga wird fünfmal in drei Phasen gewechselt. Etwas, das FIFA 22 offenbar überfordert. Oder bin ich der einzige, der von seiner Fußballsimulation ein Abbild des realen Fußballs erwartet? Anstöße werden inzwischen immerhin auch in FIFA nicht mehr von zwei Leuten durchgeführt.

FIFA 22 tut dieses Jahr richtig weh

Dieses Jahr wiegt die Enttäuschung über die lahme PC-Version zudem doppelt schwer. Denn die PS5-Version ist richtig gut gelungen. Auf Next Gen macht FIFA in Sachen Gameplay und Präsentation endlich wieder einen Sprung nach vorne. Die Probleme der mauen Verbesserungen bei den Spielmodi oder dass Lizenzen beziehungsweise Nationalmannschaften fehlen, gibt es hier zwar auch, aber wenigsten tut sich etwas auf dem Platz.

Während es auf PS5 und Xbox Series X/S neue Features wie ausufernde Jubel bei wichtigen Toren gibt, spult FIFA 22 auf dem PC die selbe Show wie letztes Jahr ab. Während es auf PS5 und Xbox Series X/S neue Features wie ausufernde Jubel bei wichtigen Toren gibt, spult FIFA 22 auf dem PC die selbe Show wie letztes Jahr ab.

Und ja, wir kennen die Gründe für dieses Downgrade auf dem PC. Next Gen würde die Hardwareanforderungen zu hoch treiben. Alles klar. Und es mag ja sogar sein, dass insbesondere die SSD-Struktur von PS5 und Xbox Series X/S eine Hürde darstellt, die viele FIFA-Spieler auf dem PC noch nicht genommen haben. Doch warum sollte das für FIFA ein größeres Problem sein als bei den meisten anderen Triple-A-Spielen? Und wann plant EA denn mit einem Upgrade seiner PC-Spieler? Nächstes Jahr? Übernächstes?

Warum wir uns mit dieser Begründung nicht zufriedengeben können, hat Heiko letztes Jahr schon erklärt. Dieses Jahr kam dieselbe Begründung nochmal.

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Unsympathisch - auch abseits des Platzes

Es ist so unendlich frustrierend, dass EA in Sachen FIFA alles dafür tut, sein zweifelhaftes Image zu untermauern. FIFA zeigt sich einfach von Jahr zu Jahr unsympathischer. Dabei macht EA in vielen anderen Bereichen meiner Meinung nach große Fortschritte. Der Publisher gibt immer wieder kleineren, aber famosen Spielen wie It Takes Two oder Knockout City eine Plattform. Und wer hätte gedacht, von EA jemals wieder ein stimmiges Einzelspieler-Produkt wie Star Wars Jedi: Fallen Order zu sehen? Sie haben sogar mit Star Wars: Squadrons eine Weltraumsimulation aus der Taufe gehoben!

Und dann zeigen sie sich mit FIFA jedes Jahr von ihrer schlechtesten Seite. Übrigens nicht nur gegenüber Fans und Spielerschaft. Ein Testmuster für die PC-Version von FIFA 22 zu bekommen, war dieses Jahr ebenfalls ein ziemlich wilder Ritt.

Die Next-Gen-Versionen von FIFA 22 profitieren von Hypermotion, wodurch viel mehr Bewegung in die Spiele kommt. Im Vergleich fühlt sich FIFA 22 auf PC und Last Gen sehr statisch an. Die Next-Gen-Versionen von FIFA 22 profitieren von Hypermotion, wodurch viel mehr Bewegung in die Spiele kommt. Im Vergleich fühlt sich FIFA 22 auf PC und Last Gen sehr statisch an.

Im Vorfeld gab es nämlich keine vollwertige PC-Testversion von FIFA 22 - was selten ein gutes Zeichen darstellt. Zugleich erlaubte Electronic Arts ab dem 27. September (also ab heute, falls ihr diesen Text am 27. September lest) Tests auf Basis der EA-Play-Version, die man seit dem 21. September bereits spielen kann. Mit EA Play Pro sogar unbegrenzt.

Es ist geradezu absurd: Jeder konnte die Fußballsimulation bereits sechs Tage lang spielen, streamen und Videos aufzeichnen, aber Journalisten sollen doch bitte keine Meinung dazu haben. Bis heute eben.

Noch kein Test, nur Enttäuschung

Versteht mich nicht falsch: Auf GameStar.de wird es auch noch einen Test von FIFA 22 geben. Mit dem Versuch einer objektiven Beurteilung. Nur nicht heute. Denn was ihr hier lest, ist keine objektive Beurteilung von FIFA 22, kein faires Abwägen seiner Stärken und Schwächen.

Hier spricht mein persönlicher Frust ob des Umgangs mit PC-Spielern und vor allem damit, dass EA das Image von FIFA so egal ist. Denn eigentlich mag ich Fußball. Ich spiele gerne digitales Rasenschach. Doch momentan fühl ich mich, als würde ich meinen liebsten Sport ausnahmslos auf einem Hartplatz frönen. Man hofft jedes Jahr auf Kunstrasen, aber das passt wohl nicht ins Geschäftsmodell des Vereins.

Schon gar nicht für die zweite Mannschaft, denn dort spielen für EA offenbar PC und Trainerkarriere.

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