Eine lebendige Welt
Schon bei Monster Hunter World hab ich mich in die (noch recht überschaubaren) Gebiete verliebt. Denn statt großer weiter Open-World-Ebenen empfingen mich hier verschlungene Schleichwege, Rankenbuchten oder Felstäler, die die mir ein verwinkeltes, vertikales Netz potenzieller Wege, Lagerplätze und Lebensräume boten.
Wilds treibt das auf die Spitze. Die Biome unterscheiden sich nicht mehr nur optisch, indem sie mir ein glaubhaftes Wüstenareal, einen dichten Wald oder eine modrig ausgehöhlte unterirdische Landschaft vorsetzen. Durch das Wetter verändern sich die Gebiete nun auch stetig, was andere Monster und Umweltbedingungen zur Folge hat.
In der Wüste schlagen plötzlich Blitze ein und Sandstürme peitschen über die Dünen. Im Ölquellbecken bricht Lava durch die Felsspalten und die kalte, tote Welt wird zu einem brodelnden Vulkanschlot. Dadurch ändert sich auch, welche Monster auftauchen und wie sie sich verhalten. Pflanzenfresserherden kauern sich auf den Boden, um nicht vom Blitz getroffen zu werden und ein Rey Dau nutzt den Zorn des Himmels, um seine eigenen Donnerkräfte zu multiplizieren und mich an Ort und Stelle zu grillen.
Aber selbst im ganz Kleinen spüre ich die Liebe zum Detail: Halte ich inne, sehe ich überall Fische, Vögel, Käfer und andere kleine Tiere im Einklang mit der Umwelt leben. Krabben und Molche vergraben sich im Schlamm, leuchtende Echsen leben in dunklen Höhlen und bunte Papageien nisten hoch oben in den Baumkronen. Kaum etwas davon ist spielerisch relevant, aber alles gibt mir das Gefühl, ein natürliches und authentisches Biom zu durchstreifen, in dem jeder und alles eine Rolle hat.
Auch die eine oder andere überraschende Begegnung erwartet mich, zum Beispiel mit den drolligen Wudwuds im Wald. Insgesamt ist die Spielwelt aber deutlich mehr auf Gameplay als auf Story ausgelegt. Ich finde überall Crafting-Materalien, die ich per Greifhaken sogar bequem aus der Ferne einsacken kann und darf unterwegs ein Lager errichten oder mir eine Mahlzeit grillen. Im Kontext der Serientraditionen ergibt der reine Fokus aufs Spielerische durchaus Sinn, manchmal lässt mich der Gedanke aber trotzdem nicht los, wie viel man auch erzählerisch und atmosphärisch noch aus dieser Welt rausholen könnte.
Wie steht es um die Technik?
Technisch läuft Monster Hunter Wilds auf dem PC nicht immer geschmeidig, selbst, wenn ihr die Systemanforderungen ohne Probleme erfüllt. Unsere Technik-Redaktion hat einen ausführlichen Check durchgeführt und berichtet von vereinzelten Abstürzen und starkem Hardware-Hunger – selbst bei 1080p schafft das Action-Rollenspiel so manchmal nur 30 bis 45fps statt 60 oder mehr. Auch ich habe beim Testen diese Erfahrungen gemacht. Hin und wieder kam es sogar zu etwas störenden Rucklern (Tester-Notebook: RTX 3070, Ryzen-7-5800H-Prozessor). Auch ein merkwürdiger Grafik-Glitch in Form von schwarzen Dreiecken tauchte bei vereinzelten Kämpfen auf.
Zudem sehen die Texturen aktuell stark verwaschen aus, was die Probleme kaum nachvollziehbar macht. Zum Release soll allerdings ein Patch mit hochauflösenden Umgebungsdetails folgen, den wir bisher noch nicht testen konnten. Gut möglich also, dass Monster Hunter Wilds optisch dann noch eine Schippe drauflegt, aber auch bei den Hardware-Anforderungen. Momentan sieht die Welt sehr atmosphärisch aus und beeindruckt durch intelligente und optisch ansprechende Designs bei Monstern, Umwelt und Rüstungen. Allerdings liegt auch über allem ein etwas verwaschener Film oder Schleier, der den positiven Eindruck trübt.
Von einer Abwertung sehen wir trotzdem ab. Zum einen konnten wir den Texturen-Patch zum Launch noch nicht begutachten und zum anderen wirken sich die technischen Probleme insgesamt nicht gravierend auf die Spielerfahrung aus. Hinzu kommen viele lobenswerte Einstellungen, die es einfach machen, MH Wilds selbst als Laie für das eigene System zu optimieren.
Die Maus- und Tastatursteuerung funktioniert soweit solide und lässt sich im Kampf und beim Erkunden gut handhaben. Allerdings wird es in hektischen Situationen schon mal fummelig, sodass wir eher den Controller empfehlen.
Alles Weitere lest ihr in unserem ausführlichen Technik-Check.
Monster Hunter verändert sich - und bleibt sich trotzdem treu
Monster Hunter Wilds ist damit immer noch kein typisches Open-World-Spiel à la Assassins Creed oder Horizon Forbidden West. Es bemüht sich sichtlich darum, mit Story und Hilfen auch Spieler abzuholen, die selbst durch World noch nicht mit der Reihe warm geworden sind. Und tatsächlich machen die Entwickler hier einen sehr guten Job. Wilds trifft fast immer die Balance und nimmt Neueinsteiger an die Hand, ohne dass Veteranen permanent unterfordert sind.
Die Kernfrage bleibt aber die gleiche wie schon bei World: Habt ihr Spaß an der Jagd und den Kämpfen gegen die unterschiedliche Monster? Könnt ihr das grundsätzlich mit Ja beantworten, wird Wilds euch in fast jeder Hinsicht eine bessere Version von World bieten, sei es nun optisch, erzählerisch oder spielerisch. Hat euch das Spielprinzip schon im Vorgänger angeödet, werdet ihr aber auch durch ein bisschen mehr Story oder weitere Hilfen nicht motivierter.
Trotzdem ist Monster Hunter Wilds für mich nach dem Durchspielen mehr als nur ein Liebhaber-Spiel für Genre-Enthusiasten. Denn so durchdacht, kreativ und vielseitig spielt sich aktuell kaum ein anderes Action-Rollenspiel. Dabei schafft es sogar den Spagat, einerseits seine Serientraditionen zu ehren, sich aber andererseits auch wieder neu und frisch anzufühlen. Und so ist Monster Hunter Wilds genau der Nachfolger geworden, auf den ich nach 700 Stunden mit Monster Hunter World gehofft hatte.
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