Was macht Oathsworn so teuer?
Mir ist auch deshalb wichtig zu betonen, wie viel Spaß andere Menschen mit Oathsworn haben, weil man natürlich latent zum Selbstbetrug neigt, wenn man so viel Geld für etwas ausgegeben hat. Niemand gesteht sich gern ein, 500 Euro für die »Collector’s All-In« zum Fenster herausgeworfen zu haben.
Außerdem bietet Entwickler Shadowborne Games ihr Epos auf der firmeneigenen Website noch als Core Game für 320 Euro an sowie als Standee Base Game für 175 Euro. Letztere enthält ebenfalls das komplette Spiel, ersetzt die Monster-Miniaturen allerdings durch bemalte Papp-Standees, wie man es auch aus Gloomhaven kennt.
Selbstverständlich gibt es viele herausragende Brettspiele für deutlich weniger Geld. Mein absoluter Preis-Leistungs-Tipp ist hier nach wie vor Gloomhaven: Pranken des Löwen, das ihr problemlos für weniger als 50 Euro bekommt.
Zur Wahrheit gehört allerdings, dass ein Großteil der Faszination von Oathsworn darauf beruht, mit welchem Aufwand dieses Brettspiel-Epos produziert wurde.
Weil ihr in jedem Kapitel andere Monster bekämpft, braucht es nebem dem eigentlichen 10 Kilo schweren Spielekarton noch zwei weitere Boxen voller Miniaturen, die zudem deutlich größer und hochwertiger sind als in den meisten anderen vergleichbaren Spielen. Jedes dieser Monster steckt wiederum in einer einzelnen Schachtel, die ihr erst dann öffnet, wenn ihr euch dem Kampf stellt.
An der Story haben insgesamt zwölf Autoren gearbeitet. Die zahlreichen wunderschönen Karten der einzelnen Orte wurden von der gleichen Künstlerin gezeichnet, auf deren Konto auch die Stoffkarte der Collector’s Edition von Diablo 4 geht.
Der Geschichte könnt ihr entweder mit zwei dicken Ringbüchern folgen oder lasst sie euch in der optionalen Begleit-App vom schottischen Schauspieler James Cosmo vorlesen – den meisten von euch wahrscheinlich noch bekannt aus seiner Rolle als Jeor Mormont, Lord Kommandant der Nachtwache in Game of Thrones. Und wenn euch James Cosmo mal nicht mit fast schon magischer Intonation mitten ins Geschehen zieht, etwa während der Gefechte, tönt ein angemessen epischer, eigens fürs Spiel aufgenommene Soundtrack aus euren Boxen.
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Braucht es all das für ein gutes Brettspiel? Natürlich nicht. Macht es Oathsworn zu etwas ganz Besonderem? Aber sowas von! Ich verstehe beim Spielen, was daran so teuer war und lerne es im wahrsten Sinne wertzuschätzen.
Was bringen die Luxus-Extras?
Bis hierhin mag das Preis-Leistungs-Verhältnis für Oathsworn für manche von euch noch halbwegs nachvollziehbar sein. Aber warum zum Geier gibt der Klinge dann nochmal 175 Euro zusätzlich aus? Und damit kommen wir zum selbstkritischen Teil dieser Liebeserklärung. Denn rein rational gesehen braucht es eigentlich kein einziges der Luxus-Extras.
Die Terrain Big Box ersetzt 2D-Papp-Marker für Bäume, Mauern und Häuser durch absurd große Plastikelemente, weshalb die Schachtel fast so groß ist wie die eigentliche Spielebox und entsprechend viel Regalplatz verschlingt. Mal abgesehen davon, dass die fast 20 Zentimeter hohen Miniaturen die taktische Übersicht deutlich erschweren und immer mal wieder von einem unvorsichtigen Arm vom Brett gefegt werden. Aber – irrational – es sieht halt soooo cool aus!
Die Armory Box verwandelt eure Helden in Überraschungseier-Figuren. Ihr habt ein Schwert gefunden, euer Wächter trägt aber noch eine Axt? Axt abstecken, Schwert anstecken! Braucht in einem Brettspiel kein Mensch, aber – irrational – es macht den Waffenfund nochmal irgendwie bedeutsamer für mich.
Die Schachtel von Oathsworn verfügt über ein gut durchdachtes Inlay. Für die Würfel gibt es ein eigenes Fach, den Status und die Ausrüstung eurer aktiven Helden speichert ihr in beschrifteten Plastiktütchen. Aber – irrrational – es fühlt sich so viel edler an, die Würfel und Münzen aus bestickten Filzbeuteln zu holen und die Helden aus kleinen Stoffsäckchen.
Auch die standardmäßig mitgelieferten Würfel und Pappmünzen sind qualitativ hochwertig und erfüllen absolut ihren spielerischen Zweck. Aber – irrational – wie hübsch die Amberlight-Würfel glitzern und wie gewichtig sich die Metallmünzen anfühlen!
Und selbstverständlich lohnt es sich ab da schon, die Collector’s All-In zu bestellen, statt Einzelkäufe zu tätigen. Denn schließlich gibt’s dann noch einen Würfelteller dazu, von denen man bereits drei hat. Ein Artbook, das man nur einmal durchblättert. Und die wunderschön gezeichneten Karten ohne Spielinfos, die man sich eh nicht an die Wand hängt.
Irrational, irrational, irrational! Macht das nicht! Wenn es euch nur ums Spiel geht, werdet ihr genauso glücklich mit dem Standee Base Game oder – bei ausreichend Platz im Regal und Liebe zu schicken Miniaturen – dem Core Game.
Wenn ihr jedoch so tickt wie ich und es euch auch noch um etwas anderes geht …
Für wen lohnt sich die Investition?
Ich bin ein furchtbar miserabler Koch! Das mag für viele herzlich wenig mit einem sündhaft teuren Brettspiel zu tun haben, für mich aber eine ganze Menge. Denn hochwertige Brettspiele sind mein Ersatz dafür, meine Liebsten mit einem richtigen guten selbstgekochten Essen zu verwöhnen und sich am Leuchten in ihren Augen zu erfreuen.
Andere decken den Tisch und richten die Servietten perfekt aus, ich verbringe an Spieleabenden locker eine halbe Stunde damit, alles so schick und übersichtlich wie möglich aufzubauen. Das geht so weit, dass ich Würfel und Marker in farblich passende Schüsselchen sortiere.
Natürlich würden mich meine Freunde auch mögen, wenn ich sie nur mit der Standardvariante von Oathsworn »abspeisen« würde. Aber es macht den Abend eben noch etwas besonderer, wenn das feine Geschirr aufgetischt wird.
Okay, zur Wahrheit gehört genauso, dass ich mir diesen Luxus dadurch auch ein wenig schön rechnen kann. Oathsworn hat schließlich 21 Kapitel, und würde ich 21 Abende mit meinen Freunden ausgehen, würde mich das deutlich teurer kommen als 500 Euro. So.
Warum ich euch all das erzähle? Weil sich Oathsworn für euch nur deshalb lohnen wird, wenn ihr meine Gedanken und Gefühle dazu zumindest halbwegs nachvollziehen könnt. Falls nicht: Spart euch das Geld! Für 500 Euro bekommt ihr locker fünf andere hochwertige Nerd-Brettspiele.
Falls ihr aber Runde beisammen habt, die mindestens alle zwei Wochen zu einem Brettspielabend zusammenkommt, den ihr nach allen Regeln der Gastgeberkunst zelebrieren wollt, dann könnte Oathsworn tatsächlich genau das alles überstrahlende Schmuckstück sein, das eurer Sammlung noch gefehlt hat.
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