Was Micha dazu gebracht hat, drei Tage Siege Survival zu spielen

Das Aufbauspiel wirkt wie ein mittelalterliches This War of Mine, ist aber nicht so ausgefeilt. Michael Graf hängt trotzdem seit drei Abenden daran fest.

In Siege Survival - Gloria Victis erlebt ihr eine mittelalterliche Belagerung aus der Sicht von Zivilisten. In Siege Survival - Gloria Victis erlebt ihr eine mittelalterliche Belagerung aus der Sicht von Zivilisten.

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Genre: Survival-Strategie | Entwickler: Black Eye Games, Fish Tank Studio | Release: Q2 2021

Mein schwerster Moment in Siege Survival: Gloria Victis ist gekommen, als ich Elisabeth töten muss, um aus ihren Überresten einen Werkzeugkasten zu bauen.

Doch es hilft ja nichts: Ohne Werkzeugkasten keine verbesserte Werkbank, ohne verbesserte Werkbank keine Schaufel, und ohne Schaufel kein Zugang zum Hafen, wo die dringend benötigten Holzvorräte fürs Lagerfeuer lagern. Was soll ich denn sonst machen, Elisabeth, was?!


Elisabeth, das sollte ich erklären, ist kein Mensch, sondern eines meiner beiden Schweine, das auch gar nicht Elisabeth heißt, weil ich Schweinen keine Namen geben kann. Womit wir direkt bei einem Makel von Siege Survival wären: Warum eigentlich nicht? Rimworld hat uns gelehrt, dass alles viel persönlicher und unterhaltsamer wird, wenn ich Mensch und Tier selbst taufe! Heiko, der traurige Rüstschmied. Petra, die gewiefte Händlerin. Maurice, der komische Typ in der Kutte (also eigentlich wie in echt).

Siehe hier.

Geht aber nicht. Meine Schweine heißen nur in meinem Kopf Elisabeth und Isabelle. Ein bisschen traurig bin ich trotzdem, als ich eines davon schlachten lasse, um aus seinem Kadaver Fasern zu gewinnen, die anschließend gemeinsam mit Brettern zu Werkzeugkästen vernagelt werden.

Wie auch immer das genau funktionieren soll, da weht ein Hauch von MacGyver durch die Burg.

Apropos: Siege Survival ist eine Art mittelalterliches This War of Mine, wobei dieser Vergleich sehr hoch gegriffen ist, dazu kommen wir später. In einer vom Feind belagerten und teils besetzten Stadt manage ich einen Trupp aus Überlebenden, sammle Ressourcen, Nahrung, Waffen. Und zwar nicht nur für mich selbst, sondern auch für die überlebenden Soldaten der Garnison, die sich den Belagerern todesmutig entgegenstemmen.

Okay, ihre verzweifelten Abwehrschlachten toben nur in nüchternen Menüs und im Intro-Filmchen, aber dann haben Elisabeth und Isabelle in meinem Kopfkino eben noch mehr Gesellschaft.

Und nun ist Siege Survival eigentlich weder wahnsinnig komplex noch technisch sonderlich hochwertig, Natalie etwa würde bei den »Plopp, Plopp«-Schrittgeräuschen regelrecht wahnsinnig werden:

Video starten 15:22 »Mein erster Blick fällt auf den Spiegel« - Die wichtigsten kleinen Details, Folge 1

Dennoch scheint Siege Survival irgendeinen Reiz zu entfalten, sonst hätte ich mir die letzten drei Abende nicht mit einer Vorschauversion um die Ohren geschlagen, deren Umfang über die kostenlose Steam-Demo hinausgeht - beispielsweise sind mehr Stadtviertel zugänglich.

Also schauen wir doch mal, womit und wie lange Siege Survival in meiner Gunst überlebt.

Der Autor
Wenn Michael Graf als Kind Burgruinen besuchte - von denen es in seiner badischen Heimat verdächtig viele zu geben schien -, fragte er sich immer, wie diese Burgen überhaupt zu Ruinen geworden waren, und ob die ehemaligen Bewohner in diesen Ruinen weitergelebt haben. Tja, Siege Survival gibt ihm nun eine mögliche Antwort darauf, wenn auch keine sonderlich kindgerechte. Eigentlich baut Micha seine Burgen aber noch viel lieber auf - wahrscheinlich der Grund, warum er bis heute das erste Stronghold verehrt.

Aufbau im Elend

Das Lager im Burghof ist der Dreh- und Angelpunkt der Kampagne. Am Morgen wollen die Bewohner erst mal verpflegt und medizinisch versorgt werden, dann wird gearbeitet. Das Lager im Burghof ist der Dreh- und Angelpunkt der Kampagne. Am Morgen wollen die Bewohner erst mal verpflegt und medizinisch versorgt werden, dann wird gearbeitet.

Siege Survival scheint wie gemacht für die GameStar-Community: Mittelalter, Strategie und Survival sind Themen, die bei euch immer auf großes Grundinteresse stoßen. Nicht umsonst lassen unsere Mittelalter-Advokaten Maurice und Fabiano keine Gelegenheit aus, euch den Ruhm von Spielen wie Crusader Kings 3, Age of Empires 4, Chivalry 2 oder Medieval Dynasty näherzubringen.

Fernab vom Ritter- und Königsglanz suhlt sich Siege Survival jedoch im Elend, eine Belagerung aus der Sicht von Zivilisten gab's in Spielen noch nicht oft zu erleben (in A Plague Tale: Innocence schleiche ich immerhin über mittelalterliche Schlachtfelder).

Grundsätzlich also schon mal ein interessantes Setting, dazu kommen einige Besonderheiten. Siege Survival unterteilt sich nämlich in zwei Phasen:


  • Tagsüber verwalte ich im Innenhof der Burg mein Lager, dessen Einwohner Werkzeuge und -bänke zimmern, Essen kochen, Tiere füttern und so weiter. Kranke und Verletzte versorge ich mit Medizin und Bandagen (falls vorhanden), Hungrige und Durstige bekommen Nahrung (falls vorhanden), Müde ruhen sich in Betten aus (falls vorhanden, sonst wird auf dem Boden gepennt).

  • Nachts schleicht ein Mitglied meiner Gruppe in die verheerte Stadt hinaus, um Vorräte zu sammeln - dann wird Siege Survival zum Stealth-Spiel: Ich buddle nämlich nicht nur Wertsachen, Holz, Essen & Co. aus Trümmerhaufen, sondern muss auch feindlichen Patrouillen ausweichen, deren Sichtkegel wie in Commandos über den Boden tasten. Wenn ich entdeckt werde, gibt's volles Pfund aufs Maul - ich kann zwar auch kämpfen (durch Dauerklicken auf den Gegner), aber das ist anfangs ziemlich aussichtslos. Und selbst wenn ich entkomme, patrouillieren in der nächsten Nacht mehr Wachen, was die Schleicherei erschwert.

Beide Modi laufen in erbarmungsloser Echtzeit, gespeichert wird nur automatisch am Tagesende, nicht frei nach Lust und Laune. Das heißt: Ich muss mit Rückschlägen weiterleben, statt direkt auf »Quickload« zu hämmern. Auch eine Pausefunktion gibt's nicht, tagsüber darf ich die Uhr aber immerhin verlangsamen, falls mehrere Überlebende gleichzeitig gefüttert oder herumkommandiert werden wollen.

Beim Schleichen verstecke ich mich im Gebüsch vor einer Patrouille. Beim Schleichen verstecke ich mich im Gebüsch vor einer Patrouille.

Meine Bewohner haben natürlich Bedürfnisse: Hunger, Durst, Müdigkeit sowie Gesundheit, versinnbildlicht mit einem Ampelsystem. Sackt ein Wert ins Gelbe, sinkt das Arbeits-, nicht aber das Lauftempo. Moderat Verhungerte können immer noch zum Hühnerstall laufen, um Eier zu holen, kein Grund zur Panik. Erst im roten Bereich schleichen meine Schützlinge wie Schnecken und wollen dringend verpflegt, medizinisch versorgt oder zu Bett geschickt werden.

Bei Sonnenuntergang entscheide ich: Wer darf schlafen, wer sammelt Beute, wer späht den Feind aus? Bei Sonnenuntergang entscheide ich: Wer darf schlafen, wer sammelt Beute, wer späht den Feind aus?

Es wird komplexer

Zusammen mit der nächtlichen Schleichphase ergeben sich daraus interessante Wechselwirkungen. Denn logischwerweise möchte ich nur ausgeruhte und fitte Charaktere rausschicken, die dafür am nächsten Tag erschöpft, verletzt (bei Kontakt mit Soldaten) und vielleicht sogar krank zurückkommen, weil sie sich zu lange in der Nähe von Leichen aufgehalten haben. Blöd, denn ich brauche sie auch als Arbeitskräfte im Lager!

Jedes Stadtviertel bietet andere Beute, am Hafen gibt es mehr Holz, dafür aber weniger Waffen. Jedes Stadtviertel bietet andere Beute, am Hafen gibt es mehr Holz, dafür aber weniger Waffen.

Außerdem brauche ich in der Schleichphase spezielles Werkzeug: Fackeln verbrennen Leichen (vermeidet Krankheiten), Schaufeln machen den Weg in neue Stadtviertel frei, falls die aktuellen nichts Brauchbares mehr abwerfen. Jedes Werkzeug lässt sich aber nur einmal einsetzen, dann zerbricht es.

Jede neue Schaufel, jede Fackel verschlingt Holz, das ich eigentlich auch fürs Feuer bräuchte, um Essen kochen zu können. Oder für Werkbank-Upgrade, beispielsweise lassen sich Schaufeln überhaupt erst an einer verbesserten Werkbank herstellen, für die ich auch Werkzeugkästen brauche, die noch mehr Holz benötigen - und eben Fasern! Die gewinne ich zwar auch durchs Trocknen von Gräsern, aber das dauert ein paar Tage.

Es tut mir leid, Elisabeth!

Mit Schaufeln schippe ich neue Stadtviertel frei. Mit Schaufeln schippe ich neue Stadtviertel frei.

Je weiter das Spiel voranscheitet, desto knapper werden die Rohstoffe und desto größer die Risiken, die ich beim Beutesammeln auf mich nehmen muss. Ja, beim Rennen mache ich mehr Lärm und Wachen auf mich aufmerksam, aber ich brauche das Holz vom anderen Ende des Hafens!

Außerdem verstreut Siege Survival kleine Story-Events in der Stadt, erzählt in schlichten Textfenstern. Beispielsweise kann ich einen traurigen Witwer in Ruhe um seine Ehefrau weinen lassen oder ihm seine letzten Habseligkeiten rauben (Er braucht den Kram doch nicht mehr, richtig?).

Ein trauernder Witwer braucht seine Habseligkeiten doch nicht mehr, oder? Ein trauernder Witwer braucht seine Habseligkeiten doch nicht mehr, oder?

Manchmal erfordern die Events ebenfalls Werkzeug: Verbrauche ich eine wertvolle Schaufel, um den verschütteten Eingang eines Wachturm zu öffnen? Zerkleinere ich einen umgestürzten Balken mit einer Axt oder zerre ich ihn mit roher Muskelkraft aus dem Weg, riskiere dabei aber, dass sich mein Sammler verletzt und Bandagen braucht, die ich vielleicht gar nicht habe?

Zugleich steigt der Arbeitsaufwand im Burglager, weil einerseits meine Gruppe langsam von zwei auf vier Mitglieder anwächst (bei Events kann ich auch Nachwuchs rekrutieren) und ich dadurch mehr Nahrung, Wasser, Medizin & Co. brauche. Andererseits stellt die Garnison immer neue Forderungen.

Und damit wären wir bei der letzten Besonderheit: der verdammten Garnison.

Garnison der Verdammten

Die letzten Verteidiger der Stadt kämpfen tapfer gegen die Belagerer, und ich »darf« sie versorgen. Mit frisch gekochtem Essen, mit Trinkwasser sowie mit Pfeilbündeln, die ich an der Werkbank herstelle. Aus feindlichen Katapultgeschossen, die im Innenhof einschlagen (hoffentlich nicht auf jemandem), pule ich Steinbrocken, mit denen die Verteidiger kaputte Mauern verstärken. Außerdem laden die Soldaten ihre kaputten Waffen und Rüstungen bei mir ab, damit ich sie repariere.

Ich meine, klar, wir wären alle tot, wenn es euch nicht gäbe - aber was denn noch alles?

Die Bastion verlangt Nahrung, Bandagen, Waffen - und ich muss all das besorgen! Die Bastion verlangt Nahrung, Bandagen, Waffen - und ich muss all das besorgen!

Das führt immer wieder zu Verteilungskämpfen: Arg viel Essen kann ich nicht kochen, weil die Kocherei viel Feuerholz kostet und meine Beutesammler zu wenig Fleisch für wirklich ertragreiche Mahlzeiten aus der Stadt mitbringen. Ich könnte natürlich auch noch Isabelle schlachten, aber die liegt mir erstens am Herzen, zweitens produziert sie Dünger für mein Gemüsebeet, das ich dringend brauche, damit meine Schützlinge wenigstens auf Gemüse herumkaufen können, wenn schon das gekochte Essen an die Garnison gehen muss, weil es die Herrschaften regelrecht einatmen!

Und wieviele Ressourcen kann eigentlich eine Regentonne kosten?!

Auch die Reparatur von Äxten und Rüstungen kostet Holz und Fasern, die dann an anderer Stelle fehlen. Und alle paar Tage rollt ein feindlicher Angriff über die Garnison hinweg, bei dem nicht nur wieder Waffen und Rüstungen kaputtgehen, sondern auch Soldaten verletzt werden, die dann Bandagen brauchen. Und ratet mal, wer sie ihnen schicken muss.

Die Wechelwirkungen werden daher immer kniffliger: Ja, okay, die Garnison verhungert, aber meine Leute auch! Und wenn Letzteren die Mägen knurren, arbeiten sie langsamer, und dann kriege ich die Waffen nie repariert! Wobei ich das Holz für neue Äxte auch fürs Kochen bräuchte, oder für eine Schaufel...

Die Einblendung oben zeigt: Gerade tobt eine Schlacht! Die Angreifer haben Tierkadaver über die Mauern geschleudert, die ich verbrennen muss, damit sie keine Krankheiten verbreiten. Aber dafür brauche ich Fackeln, die aus Holz und Fasern hergestellt werden wollen... Die Einblendung oben zeigt: Gerade tobt eine Schlacht! Die Angreifer haben Tierkadaver über die Mauern geschleudert, die ich verbrennen muss, damit sie keine Krankheiten verbreiten. Aber dafür brauche ich Fackeln, die aus Holz und Fasern hergestellt werden wollen...

Und nun stellt euch meine innere Ruhe vor, als sich auch noch die halbe Truppe erkältet, nur weil sie den ganzen Tag im strömenden Regen schuften mussten! Danach brauchen sie Medizin - die ich nicht habe - und Ruhe - die ich ihnen nicht geben kann, weil Garnison.

Oh, und hatte ich erwähnt, dass ich nachts auch noch einen Überlebenden als Späher ausschicken muss, wenn ich den genauen Zeitpunkt und die Stärke des nächsten feindlichen Angriffs wissen möchte? Dieser Späher kommt dann müde zurück, arbeitet langsamer- und das Elend spitzt sich weiter zu.

Und ich spiele weiter, weil ich doch nur möchte, dass alles gut wird. Auch wenn ich dafür Elisabeth opfern muss...

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