Im Horror-Segment auf Steam scheint sich inzwischen alles zu ähneln: Immer dieselben Klischees, immer dieselben billigen Jump Scares, immer wieder verlassene Häuser, düstere Flure und flackernde Taschenlampen. Wenn es mal wieder einen innovativen Hit wie Exit 8 oder die Backrooms-Spiele gibt, wird das Spielprinzip innerhalb kürzester Zeit dutzendfach kopiert.
Als jemand, der sich regelmäßig durch die Flut an Indie-Horrorspielen wühlt, ist meine Erwartung entsprechend niedrig. Doch dann kam Dread Flats. Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl, das ich seit meiner Zeit mit Voices of the Void vermisst habe: echtes Unbehagen, echte Anspannung.
Und ein Moment, der sich tief eingebrannt hat. Kein lauter Jumpscare, keine Blutfontäne, sondern leiser, Psychoterror, der direkt unter die Haut geht. Und das alles für gerade mal 5 Euro.
Eine Szene, die ich nicht mehr vergesse
Worum geht's? Dread Flats versetzt euch in die Rolle eines Videobloggers, der im Auftrag eines Fans ein mysteriöses Hochhaus in China untersucht. Der Grund: Eine ihm nahestehende Person ist dort verschwunden und die Polizei scheint machtlos. Also bleibt nur der Weg hinein in den Betonalbtraum, bewaffnet mit Kamera und Taschenlampe.
Was folgt, ist eine Mischung aus Erkundung, Puzzle-Elementen und Story-Schnipseln, die sich langsam zu einem beunruhigenden Gesamtbild zusammensetzen. Das Spiel spart sich die üblichen Jump-Scare-Mätzchen größtenteils. Der Horror in Dread Flats kommt schleichend. Und genau das ist sein Trumpf.
1:30
Dread Flats: Dieses neue Horrorspiel schockt mit einer unfassbar stillen Szene
Spoilerwarnung! Es folgen detaillierte Beschreibungen einer Schlüsselszene aus Dread Flats, die besonders wirkungsvoll ist. Wer das Spiel selbst unvoreingenommen erleben möchte, sollte an dieser Stelle besser nicht weiterlesen.
Der Moment, der mir noch Tage später Gänsehaut bereitet hat, beginnt relativ unspektakulär: Der Protagonist stellt eine Überwachungskamera in seinem Schlafzimmer auf, um herauszufinden, was nachts geschieht und woher die unheimlichen Geräusche im Haus kommen.
Zunächst bleibt alles ruhig. Nur das leise Rauschen der Kamera. Doch dann passiert es: Der Kleiderschrank öffnet sich knarrend. Eine hagere, alte Frau tritt hervor und wirft dabei die Kamera zu Boden. Die Sicht ist jetzt eingeschränkt, das Bild liegt schief – aber es läuft weiter.
Was dann folgt, ist pures psychologisches Grauen. Die alte Frau bleibt einfach stehen. Direkt neben dem Bett. Minutenlang starrt sie auf den schlafenden Protagonisten hinab, ohne sich zu rühren. Keine Musik, kein Effekt, nur dieses unheimliche Ausharren. Und schließlich kriecht sie langsam unter das Bett – und bleibt dort.
Der Gedanke, dass etwas jetzt direkt unter dem Spielercharakter lauert, während man selbst wieder Kontrolle übernimmt, ist so verstörend wie genial.
Das Ganze hat mich an einen Film erinnert: Lost Highway von David Lynch. Der beginnt damit, dass ein Ehepaar mysteriöse Videokassetten erhält. Darauf zu sehen sind Aufnahmen von ihrem eigenen Haus, aus der Ich-Perspektive gefilmt. Erst von außen, dann drinnen und schließlich sogar vom schlafenden Paar im Schlafzimmer. Niemand weiß, wer die Aufnahmen gemacht hat oder wie der Unbekannte ins Haus kam.
Allerdings muss ich auch sagen: Der Rest des Spiels kann dieses Niveau nicht ganz halten. Nach der grandiosen Kameraszene geht es deutlich klassischer weiter. Man versteckt sich vor der gruseligen Oma, schleicht durchs Gebäude, sucht einen Ausweg.
Alles solide gemacht, aber eben auch nichts, was man nicht schon aus zig anderen Indie-Horrorspielen kennt. Das Tempo zieht an, der psychologische Horror muss leider einem greifbaren Feindbild weichen.
Doch auch wenn die zweite Hälfte nicht ganz mithalten kann – das Spiel fängt sich zum Schluss nochmal. Das Finale wartet mit einem letzten, cleveren Schockmoment auf, der mich zumindest mit einem zufriedenen Gruselgefühl aus dem Spiel entlassen hat. Was da genau passiert, wird natürlich nicht verraten.
Und da Dread Flats in gut einer Stunde durchgespielt ist, bleibt das Gefühl, hier eine kompakte, aber sehr effektive Horror-Erfahrung erlebt zu haben. Für gerade mal fünf Euro bekommt ihr einen der intensivsten Gruselmomente der letzten Jahre.
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