Der richtige Schwerpunkt
Über die Jahre hat Tomb Raider immer mal wieder damit kokettiert, eher ein Action-Geballer als ein Action-Adventure zu sein. Call of Duty ließ in den 2000ern schließlich sämtliche Kassen klingeln, gerade das 2013er Reboot wirkte teils sehr bleihaltig.
Legacy of Atlantis scheint hier – zumindest auf Basis der Demo – nah am eher rätsellastigen Original zu bleiben. Aus Erfahrung kann ich quittieren: Es ist durchaus ein Statement (und ein Risiko), wenn eine Presse-Demo zu 90 Prozent aus Rätseln und Erkundung besteht, aber in meinen Augen sollte ein gutes Tomb Raider auch genau das tun! Legacy of Atlantis weckt den Reiz am Erkunden, den Spaß am Finden von Geheimnissen, die überall in den Leveln versteckt sind.
Lara Croft verfügt jetzt sogar, ein bisschen wie Kollegin Samus aus Metroid, über einen Scanner, mit dem sie alle möglichen interaktiven oder wichtigen Objekte in der Spielwelt scannen kann, um zusätzliche Infos und Tipps zu bekommen. Das unterstreicht den Erkundungs-Fokus.
Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Für die Action alleine solltet ihr euch das Spiel wahrscheinlich nicht kaufen. Am Ende der Demo kämpft Lara gegen einige Raptoren und hier offenbart sich ein eher rudimentäres Kampfsystem. Weil ihr kaum gegen menschliche Widersacher antretet, verzichtet das Spiel auf die Deckungsmechaniken der Reboot-Trilogie, stattdessen erinnern die Kämpfe sehr an die Legends-, Anniversary- und Underworld-Ära.
Heißt: Lara weicht den Raptoren-Angriffen durch Akrobatikeinlagen aus, mit einer Spezialtaste verlangsamt sie kurz die Zeit und setzt dann präzise Kopfschüsse, um die bissigen Saurier schnell zu erledigen. Das macht Spaß, keine Frage, spielt sich aber eher zweckmäßig.
Die Flucht vor dem T-Rex wiederum ist »Style over substance«, wie wir‘s von den meisten Verfolgungsjagden der Reboot-Ära kennen: Ihr drückt die Laufen-Taste und springt hier und da mal, während um euch herum alles explodiert und kaputt geht. Sieht fantastisch aus, macht aber beileibe nicht den eigentlichen Reiz von Tomb Raider: Legacy of Atlantis aus.
Das sieht gut aus
Und Reiz hat Legacy of Atlantis eine ganze Menge. Sollte der Rest des Abenteuers in puncto Leveldesign, Abwechslung und Flow das Niveau der Demo halten, dann erwartet euch nicht nur eines der besten Action-Adventures seit Uncharted 4 oder eben Shadow of the Tomb Raider, sondern auch eines der schönsten.
Die größten Fragezeichen schweben für mich noch über der Story: Die Handlung des Originals passte abseits der coolen Schauplätze auf einen Bierdeckel. Das erste Remake von 2007 löste dieses Manko mit einem coolen Kniff und kombinierte die alte Story mit dem größeren Ganzen von Tomb Raider: Legend und Underworld, um eine neue und größere Geschichte zu erzählen.
Bisher zeigt Legacy of Atlantis noch keinerlei Anzeichen davon. Die ersten Trailer und auch die Anspiel-Demo adaptieren eins zu eins die Ausgangssituation von 1996; und wenn Natlas ab der ersten Sekunde offensichtlicher Verrat auch 2027 noch der größte Überraschungsmoment der Geschichte bleibt, dann freue ich mich fast auf meinen Steuerbescheid, denn der verspricht mehr Nervenkitzel.
Aber gut, fairerweise habe ich ja nur ins erste Level gelunzt, deshalb bleibt mein Fazit erstmal optimistisch: Legacy of Atlantis macht bisher in jeder Hinsicht einen fantastischen Eindruck. Und mich als Tomb-Raider-Fan deshalb so glücklich wie lange nicht.
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