Sucht nach Videospielen - So erkennt ihr, ob Freunde und Familie betroffen sind

Bei Spielesucht ist es wichtig, Symptome zu erkennen und Hilfe zu suchen. Wir haben die wichtigsten Indikatoren für euch zusammengefasst.

von Fabiano Uslenghi,
22.01.2019 20:21 Uhr

Wie erkennt man Spielesucht bei sich oder bei anderen? Wir haben die wichtigsten Indikatoren zusammengefasst. Wie erkennt man Spielesucht bei sich oder bei anderen? Wir haben die wichtigsten Indikatoren zusammengefasst.

Die Sucht nach Videospielen ist bei weitem kein einfaches Thema, aber eines, mit dem wir uns als passionierte Spieler befassen müssen. In einem sehr emotionalen und persönlichen Essay erschien heute bei GameStar Plus der Bericht eines anonymen Autoren, in dem er konkret von einem Fall berichtet, wie die WoW-Sucht seine Familie zerstörte.

Da der Text bei vielen Lesern auf ein hohes Interesse stieß und wir in einer Reportage-Reihe für Plus zu dem Thema mit Experten gesprochen haben, wollen wir für euch die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen. Wer nicht lang lesen, sondern lieber zuhören will, der kann den beiden Ärzten auch im GameStar-Podcast lauschen:

Sucht bei Freunden und Familie erkennen

Ob man selbst oder eine Person im persönlichen Umfeld von einer Videospielsucht betroffen ist, lässt sich nicht immer ganz einfach erkennen. Hinzu kommt, dass eine offizielle Definition, ob Menschen explizit süchtig nach diesem Medium sind, bis heute diverse Hürden zu überwinden hat.

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation plant, die Spielesucht unter dem Begriff der »gaming disorder« in die Internationale Klassifikation der Krankheiten aufzunehmen, ist dieser Prozess noch nicht vollständig abgeschlossen und an der geplanten Definition kann sich auch noch einiges ändern.

Trotzdem gibt es Personen, die sich mit Videospielsucht seit einigen Jahren befassen und versuchen ihre Hilfe anzubieten. Dazu gehören die beiden Berliner Fachärzte für Psychiatrie Jakob Florack und Daniel Illy. Von ihnen stammt der 2018 erschienene Ratgeber für Videospiel- und Internetabhängigkeit.

Vorsicht vor Ferndiagnosen
Bitte bedenkt, bei den unten genannten Symptomen handelt es sich um Indikatoren, die auf eine eventuelle Spielsucht hinweisen können - aber nicht zwangsläufig müssen. Sie sollten keinesfalls zur Selbst- oder Ferndiagnose dienen. Wenn ihr aufgrund der Informationen eine Spielesucht vermutet, solltet ihr Experten aufsuchen. Einige Adressen findet ihr am Ende dieser News.

Gedankliche Vereinnahmung

Anders als bei der Sucht nach Drogen oder Alkohol, belasten eventuelle Entzugserscheinungen bei Videospielen nicht den Körper,sondern den Geist. Das bedeutet, ein Indiz für eine Sucht nach Videospielen kann sich dadurch auszeichnen, dass sich die Gedankenwelt eines Betroffenen vordergründig um das Spiel dreht, mit dem er sich gerade befasst.

Was bedeutet das für Videospiel-Süchtige: Anstatt sich auf andere Dinge zu konzentrieren, die gerade wichtig im Leben sind, kreisen die Gedanken nur um virtuelle Welten. Sollte eine noch längere Abstinenz schließlich dazu führen, dass eine Person zunehmend gereizt reagiert und schlechter schläft, lässt sich dies als weiteres mögliches Indiz zur Hand nehmen.

Wenn Betroffene zudem nicht mehr in der Lage sind, mit Stress oder anderen negativen Gefühlslagen fertig zu werden, kann das ein weiterer Hinweis sein. Dieses Phänomen findet sich auch bei anderen Suchtkrankheiten und wird von Experten dysfunktionale Emotionsregulation genannt.

Stein des Anstoßes: Die WoW-Sucht hat die Familie eines GameStar-Autoren zerstört.Stein des Anstoßes: Die WoW-Sucht hat die Familie eines GameStar-Autoren zerstört.

Kontrollverlust

Wichtig zu wissen: Wer viel Zeit in einem Videospiel verbringt, ist nicht automatisch süchtig.

Aber ein zunehmender Kontrollverlust darüber, wie viel Zeit man in einem Spiel tatsächlich verbringt, kann ein Zeichen für Abhängigkeit sein. So kann es passieren, dass Spieler eine Form der Toleranz gegenüber ihres Lieblingsspiel entwickeln. Das bedeutet, dass ein Betroffener immer mehr Zeit benötigt, um aus einem Spiel die gleiche Befriedigung zu ziehen wie zuvor.

Das kann dazu führen, dass Spieler nicht mehr in der Lage sind, ihr Spielverhalten zu regulieren. Es kommt zu einem Kontrollverlust, der sich darin äußert, dass Betroffene nicht aufhören zu spielen, obwohl sie es sich vorgenommen haben. Andere Aktivitäten werden so zugunsten des Spielens hinten angestellt und die Person zeigt zunehmend weniger Bereitschaft, sich Interessen zu widmen, die das Spielen verhindern.

Petra Schmitz über den öffentlichen Umgang mit Computerspielsucht: Es geht um mehr!

Spielen trotz negativer Folgen

Eine Person, die auf diese Art berufliche oder soziale Interessen ignoriert, wird früher oder später mit Konsequenzen konfrontiert. Es kommt zum Streit mit Eltern oder Freunden und kann auch zur Folge haben, dass Noten zusehends schlechter werden oder der Arbeitsplatz verloren geht. Gerade wenn die Person sich der negativen Auswirkungen auf ihr Umfeld bewusst ist und trotzdem weiterspielt, kann das ein Zeichen für eine Abhängigkeit sein.

Wenn ein Betroffener in dieser Phase angekommen ist, kann die Sucht nach Videospielen Beziehungen, Familien oder sogar Leben zerstören. Deshalb ist es wichtig, immer ein offenes Auge auf Freunde, Verwandte und das eigene Spielverhalten zu haben, und nötigenfalls professionelle Hilfe zu suchen oder mit Freunden darüber zu sprechen.

Es muss nicht immer ein MMO sein: Spielesucht kann alle Genres betreffen - und natürlich auch Plattformen wie Smartphones.Es muss nicht immer ein MMO sein: Spielesucht kann alle Genres betreffen - und natürlich auch Plattformen wie Smartphones.

Mehr Informationen über Spielesucht findet ihr in unseren zwei ausführlichen Plus-Reportagen:

Teil 1: Machen Spiele süchtig?

Teil 2: Machen Lootboxen süchtig?

Wenn ihr betroffen seid oder von Freunden oder Verwandten wisst, können euch diese Stellen weiterhelfen:

Jakob Florack und Daniel Illy
Sprechstunde für Videospiel- und Internetabhängigkeit
Vivantes Klinikum im Friedrichshain
Landsberger Allee 49
10249 Berlin
Tel.: 030 130 238 011
E-Mail: Ambulanz-Kinderpsychiatrie.KFH@Vivantes.de

Lost in Space
Wartenburgstraße 8
10963 Berlin-Kreuzberg
Tel.: 030 666 339 59
E-Mail: LostInSpace@Caritas-Berlin.de

Ambulanz für Spielsucht
Untere Zahlbacher Straße 8
55131 Mainz
Tel.: 06131 176 064
E-Mail: Hotline.Verhaltenssucht@Unimedizin-Mainz.de


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