Auch nach 20 Jahren noch ein Meisterwerk?

Rezension: „Gothic“ – Version 1.08k – Plattform: Steam

von ModuGames am: 09.01.2022

Hier finden Sie meine bisherigen Rezensionen zu den Spielen der Gothic-Reihe:

Zu meinen größten Versäumnissen als Rollenspiel-Fan gehört, Gothic 1 und 2 noch nie gespielt zu haben. Bis jetzt! Ich habe die RPG-Klassiker von Piranha Bytes nun endlich zum Laufen bekommen und mich kopfüber ins Minental gestürzt. Was dabei herausgekommen ist, erfahren Sie in dieser Rezension.

Eine unerwartet gute Geschichte

Das Königreich der Menschen führt Krieg gegen die Orks, und für diesen Krieg braucht König Rhobar magisches Erz. Dieses bezieht er aus der sogenannten „Minenkolonie“. Hier werden alle Arten von Verbrechern hingebracht, um nach Erz zu buddeln. Die Kolonie wird von einer magischen Barriere umgeben, welche jegliche Ausbruchsversuche verhindert. Eines Tages starten die Gefangenen jedoch eine Revolution, töten die Soldaten des Königs in der Barriere und teilen sich in drei Gruppierungen auf: Das Alte Lager, das Neue Lager und das Sektenlager. Der König ist nun gezwungen, mit den Lagern zu verhandeln, um weiter an sein Erz zu kommen.

Y'Berion ist der Anführer der Sekte. Diese Fraktion betet den „Schläfer“ an, der sie aus der Barriere befreien soll.

Und in dieses Chaos wird nun unser namenloser Held hineingeworfen – wortwörtlich. Bevor wir von den königlichen Soldaten ins Tal geschubst werden, wird uns noch aufgetragen, eine Nachricht an die Magier im Alten Lager zu überbringen. Mit dieser Aufgabe machen wir uns auf den Weg. Dabei bleibt es aber natürlich nicht lange. Es entspinnt sich eine Handlung, in der wir uns mit einem fiesen Dämonen anlegen und zum Retter der Kolonie werden. Das kennt man schon aus anderen Fantasy-RPGs. Ich war jedoch überrascht, wie gut die Handlung eigentlich ist. Von der Gothic-Trilogie kannte ich bisher nur den dritten Teil, welcher fast keine Hauptgeschichte besaß. In Gothic 1 ist die Handlung sogar in sechs Kapitel eingeteilt. Hier wird storymäßig einfach viel mehr Substanz geliefert. Das beginnt schon bei den Figuren, welche sich viel mehr wie echte Menschen mit eigenen Zielen verhalten. Auch der eine oder andere coole Plottwist hat sich eingeschlichen. Das habe ich damals bei Gothic 3 sehr vermisst.

Der K(r)ampf mit der Steuerung

Bevor wir jedoch schlussendlich zum Weltenretter werden, fangen wir klein an. Und zwar sehr klein. Zu Beginn des Spiels ist unser Held extrem schwach und kann sich selten in Kämpfen behaupten. Das liegt auch an der Steuerung von Gothic. Dazu müssen Sie wissen, dass das Spiel fast komplett über die Tastatur gesteuert wird. Die Maus wird nur dazu verwendet, die Kamera zu schwenken, worauf man aber verzichten kann. Um Aktionen wie Angriffe oder das Öffnen von Truhen ausführen zu können, muss man zwei Tasten gleichzeitig betätigen, nämlich die spezielle Aktions-Taste und auch jene Taste für die Bewegung nach vorne (in der Regel also die W). „In der Regel“ sage ich deshalb, weil man die Steuerung in Gothic frei konfigurieren kann und dies auch dringend tun sollte. Ich habe die Bewegung auf WASD gelegt und die Aktions-Taste auf Strg, andere Spieler fänden unter Umständen die Cursortasten praktischer. Die Steuerung zu verändern, hat sich allerdings als gar nicht so einfach herausgestellt. Das Spiel hat in den Menüs ein gewisses Eigenleben entwickelt. Bis ich eine Steuerung hatte, die einigermaßen funktioniert hat, war schon so mancher Tag in der Kolonie vergangen.

Orks sind starke Gegner, die mit uns anfangs noch den Boden aufwischen. Wer gegen die Biester bestehen will, sollte ihre Angriffsmuster verinnerlichen. 

Die Tastatursteuerung hat gewisse Vorzüge. Man kann das Spiel im Prinzip mit einer Hand steuern und hat die andere Hand frei, um zum Beispiel zu essen (sehr hilfreich bei längeren Spielesessions). Da hört's dann aber auch schon auf. Selbst wenn man viel Zeit damit verbracht hat, die Steuerung zu lernen, ist sie immer noch bestenfalls einigermaßen akzeptabel. Und ich habe durchaus einige Zeit mit dem Lernen der Steuerung verbracht. Tatsächlich habe ich sogar „Trockenübungen“ mit meinem Helden gemacht, um die Schlagmuster zu erlernen. Es gibt in Gothic nämlich drei Angriffsrichtungen: nach vorne (Strg + W) oder seitlich (Strg + A oder D). Mit S blockt man. Prinzipiell ist das Kampfsystem sogar echt cool, da man einen bestimmten Rhythmus entwickeln muss, um möglichst effizient zu sein. Gegen einzelne Gegner funktioniert das auch echt gut. Kämpft man gegen Gruppen, zeigen sich jedoch erneut die Limitationen der Steuerung. Wir können immer nur eine Aktion gleichzeitig ausführen, zum Beispiel den Block. Wir können uns aber nicht gleichzeitig bewegen. Wenn wir also gegen mehrere Gegner kämpfen und wir notgedrungen blocken müssen, werden wir von den restlichen Feinden umzingelt und umgenietet, weil wir unsere Position nicht verändern können. Frustrierend.

Nur nicht verzweifeln!

Die Einstiegshürde ist wirklich gewaltig. Nach ein, zwei Stunden ohne Erfolge hatte ich wirklich mit dem Gedanken gespielt, Gothic einfach abzubrechen und als „massiv überbewertet“ abzustempeln. Wie froh ich bin, dass ich noch etwas durchgehalten habe! Wenn man nämlich einmal an dem Punkt ist, wo man sich an die Steuerung gewöhnt hat und die Mechaniken versteht, wird Gothic noch richtig gut. Einer der größten Pluspunkte des Spiels ist seine enorm motivierende Progression. Da wir als Schwächling anfangen, ist es umso großartiger, wenn wir unsere hart erkämpften Fähigkeitenpunkte gegen Attributsaufstiege und neue Fähigkeiten eintauschen. Ich habe meine Figur zum Beispiel voll auf den Nahkampf ausgerichtet. Was für ein tolles Gefühl das war, als ich endlich Rache nehmen konnte an den Gegnern, die zu Beginn des Spiels noch Kleinholz aus mir gemacht haben! Übrigens: Dass besagte Gegner anfangs noch Kleinholz aus mir gemacht haben, ist nur bedingt meinen spielerischen Fähigkeiten geschuldet. Es ist nämlich so, dass man einen gewissen Angriffswert besitzen muss, um bestimmten Gegnern überhaupt Schaden zufügen zu können. Normalerweise halte ich nichts von solchen Mechaniken. In Gothic fand ich dieses Feature letzendlich aber ganz in Ordnung, da es nun einmal auch ein fantastisches Gefühl des Fortschritts erzeugt.

Wer mit einem schlecht ausgerüsteten Helden gegen Sumpfhaie antritt, richtet keinen Schaden an. Wir sollten mit einem besseren Schwert und mehr Stärke-Punkten zurückkommen. 

Eine andere Mechanik, die die Progression so großartig macht, sind die verschiedenen Lager, denen wir uns anschließen dürfen. In meinem Fall bin ich dem Alten Lager beigetreten. Hier wurde ich erst zum „Schatten“, dann zum Gardisten usw. Jede dieser Beförderungen war nicht nur hart erarbeitet, sondern ich wurde auch reich dafür belohnt: Neue Rüstungen gibt es in Gothic nur sehr selten, doch hier bekommt man bei jedem neuen Rang bessere Ausrüstung. Hallelujah! Das bedeutet jedoch nicht, dass Gothic später einfach wird. Zwar hauen wir die Anfangsgegner irgendwann mit einem Schlag aus den Latschen, doch es gibt immer auch neue Gegner, die uns ebenbürtig sind. Gothic hat nur einen Schwierigkeitsgrad – und der ist zu jedem Zeitpunkt anspruchsvoll. Man wird besser. Oder man kapituliert.

Eine (meistens) tolle Spielwelt

Eine weitere Stärke von Gothic ist seine Spielwelt, jedenfalls in vielerlei Hinsicht. Die Minenkolonie ist nach heutigen Open-World-Maßstäben ziemlich klein, allerdings ist dies beileibe nichts Schlechtes. Die Welt ist sehr gut mit Gegnern, Verstecken und Loot gefüllt. Dazu kommt noch, dass wir uns erst gegen Ende des Spiels teleportieren können (und selbst dann nur zu wenigen Orten). Das bedeutet, dass wir sehr viel zu Fuß durch die Welt rennen. Wir kennen die Minenkolonie irgendwann in- und auswendig und trotz der etwas fragwürdigen Persönlichkeiten innerhalb der Barriere liegt uns diese Welt am Herzen. An dieser Stelle muss ich jedoch auch etwas Kritik anbringen: Verglichen mit Myrtana aus Gothic 3 ist die Minenkolonie einfach deutlich weniger hübsch, wenn es um die Vegetation, die farbliche Gestaltung etc. geht. Das mag in Anbetracht des Settings realistisch sein, ist aber nicht übermäßig schön anzusehen. Auch der Soundtrack ist nicht so gut wie beim dritten Teil.

Präsentation, Bugs und nette Kleinigkeiten

Bleiben wir jedoch einmal bei der Grafik: Dass ein über 20 Jahre altes Spiel kantige Modelle, pixelige Texturen und hakelige Animationen hat, ist selbstverständlich. Allerdings sind die Menüs selbst nach den Maßstäben des Jahres 2001 enorm hässlich und schlecht konzipiert. Dazu kommen noch Grafikfehler in der Spielwelt, manchmal verschwindet etwa der Boden. Apropos Bugs: Auch die Gegner-KI hat manchmal Totalaussetzer, zum Beispiel wollten mich die Minecrawler in der Mine partout nicht angreifen. Ebenfalls unschön: Wenn uns ein NPC erspäht und uns ansprechen will, wird die Kameraperspektive gewechselt und uns jegliche Kontrolle über die Steuerung entzogen. Wenn besagter NPC auf dem Weg aber irgendwo stecken bleibt, weil die Wegfindung der KI furchtbar ist, können wir nichts mehr tun, außer den PC auszuschalten. Diese Fehler machen Gothic nicht unspielbar, nerven in der Summe aber schon. Zwei Punkte Abzug.

Hinten links kann man das Alte Lager erkennen. Die Welt von Gothic ist zwar spielerisch gut, wirklich schön ist sie aber nicht.

Was Gothic grafisch fehlt, macht es an anderer Stelle mit Detailreichtum wieder wett. Mir hat zum Beispiel sehr gut gefallen, dass wir beim Verbessern unserer Fähigkeiten auch neue Animationen bekommen. Leveln wir den einhändigen Nahkampf auf, benutzt unser Held auch neue Attacken, die zudem noch schneller ablaufen. Ebenfalls sehr cool ist, dass Gothic alle bisher getroffenen Händler und Lehrer im Questlog vermerkt. Apropos Händler: In Gothic ist nicht Gold die Währung, sondern magisches Erz. Wobei das nur bedingt stimmt. Irgendwann schleppen wir so viel wertvollen Loot an, dass kein Händler mehr genug Erz hat, um uns auszubezahlen. Dann müssen wir anfangen, Items gegeneinander zu tauschen, was ziemlich primitiv anmutet und daher gut zum Setting passt.

Fazit

Es ist hässlich. Es ist unzugänglich. Es steuert sich so elegant wie ein gestrandeter Öltanker. Und doch hatte ich enorm viel Spaß mit Gothic! Wer die sehr erhebliche Einstiegshürde überwinden kann, wird mit einem sehr empfehlenswerten Rollenspiel belohnt. Die Progression ist ungemein motivierend, spielerische Freiheit wird zur Genüge geboten und ebenfalls wichtig: Gothic wirkt lange nicht so überladen mit unnötigen Mechaniken wie viele moderne Genrevertreter. Auch die Geschichte ist gut, jedenfalls im Vergleich zu Gothic 3. Ich werde mich jedenfalls sofort in Gothic 2 stürzen, denn ich möchte unbedingt wissen, wie viel Piranha Bytes beim Nachfolger noch verbessern konnten.


Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



Kommentare(1)

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