Sobald der Endboss umkippt und der Abspann läuft, kommt für die meisten von uns der Moment, an dem ein Spiel von der Festplatte verbannt wird und zurück ins Regal wandert. Logisch – auf dem Pile of Shame oder in eben jenem Regal warten schon gefühlte 25 weitere Titel darauf, gespielt zu werden.
Manche Spiele fangen allerdings nach dem Abspann erst so richtig an. Wenn ihr sie vorschnell deinstalliert, entgehen euch womöglich wichtige Teile der Story, mächtige Fähigkeiten, besondere Skins oder kleine Geheimnisse, die die Entwickler im New Game Plus versteckt haben.
Wir stellen euch sieben Spiele vor, bei denen sich ein zweiter (und sogar dritter) Durchgang so richtig lohnt.
1. Silent Hill f
15:44
Silent Hill f krempelt die Serie gehörig um - stolpert dabei aber über die eigenen Füße
Natalie Schermann: Silent Hill f ist ein kniffliger Fall. Eigentlich macht es mich extrem wütend, dass der erste Durchgang ein solch unbefriedigendes Ende nimmt. Da machen es sich die Entwickler wirklich einfach und schieben alle Ereignisse auf eine Auflösung, die ich bereits nach einer halben Spielstunde vorhersagen konnte.
Und dann kommen der zweite, der dritte und der vierte Durchgang, die mich wieder komplett um den Finger wickeln. Denn plötzlich verändern sich Gespräche, der gesamte Kontext wird ein anderer. Familienstreitigkeiten wirken nicht mehr so oberflächlich und banal, sondern eröffnen komplexe Ebenen, werfen Fragen nach der Identität und Hinakos Rolle in ihrer Familie und der Gesellschaft auf.
Silent Hill f solltet ihr nicht nur ein zweites Mal spielen, sondern müsst es eigentlich, um die Story auch nur ansatzweise zu verstehen. Ich liebe es, wie viel der zweite Durchgang preisgibt und wie sich die fehlenden Puzzleteile selbst in das große Ganze einfügen. Ich wünschte nur, der erste Durchgang würde mir schon ein kreativeres Ende abliefern – mit dem ich auch zufrieden sein könnte, wenn ich mich nicht noch einmal durch den Nebel im japanischen Dorf Ebisugaoka kämpfen möchte.
2. NieR
12:33
Action-Geheimtipp ist jetzt besser als das Original - Nier Replicant im Test
Jonas Gössling: Ich weiß gar nicht, ob New Game+ überhaupt der richtige Begriff für dieses Spiel ist. Aber Fakt ist: Wer nach den Credits von NieR mit dem Spiel aufhört, verpasst eine der besten Erfahrungen der letzten 20 Jahre. Entwickler Yoko Taro hat aus der Not nämlich eine Tugend gemacht und das Actionrollenspiel so zu etwas absolut Einmaligem gemacht. Er hatte nämlich nicht genug Budget für das Spiel seiner Träume – deswegen muss man NieR gleich mehrmals durchspielen, um alle Enden zu sehen.
Das lohnt sich aber: Dank eines immer noch phänomenalen Twists erlebe ich bei jedem weiteren Durchgang die Story aus einem neuen Blickwinkel und muss mir jedes Mal ein Tränchen verkneifen. NieR ist wirklich nichts für emotional schwache Spieler.
Übrigens: Wer die Wahl hat, sollte am besten die Neuauflage NieR: Replicant spielen. Denn die lockert die Durchgänge mit mehr zusätzlichen Szenen und Hintergründen auf – damit man eben nicht mehrmals dasselbe macht, nur für eine neue Cutscene am Ende. Auch wenn diese Zwischensequenzen allein das New Game+ mehr als wert sind. Mit dem Nachfolger NieR: Automata und seinen vielen Enden verhält es sich übrigens ganz ähnlich.
3. Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske
9:10
Dishonored 2 - Test-Video zum Schleichspiel des Jahres
Jesko Buchs: Arkane Studios stellt euch in Dishonored 2 gleich zu Spielbeginn vor eine qualvolle Wahl: Spielt ihr als Kaiserin Emily Kaldwin oder als altbekannter Meister-Attentäter Corvo Attano? Egal wie ihr euch entscheidet, ihr verpasst zwangsläufig das Fähigkeiten-Set des jeweils anderen Charakters. Wo Emily entfernte Objekte per Telekinese manipuliert, kann Corvo teleportieren oder wie schon im Vorgänger die Kontrolle über Ratten übernehmen.
Genau hier setzt das New Game Plus an: Denn nicht nur könnt ihr dann die Geschichte aus Sicht des jeweils anderen Charakters erleben; ihr dürft auch alle gesammelten Runen in den neuen Durchgang mitnehmen und die Fähigkeiten beider Figuren nach Belieben mischen. Das erlaubt Kombinationen, die im ersten Durchlauf unmöglich waren: So könnt ihr Gegner mit Emilys »Domino« verknüpfen und dann Corvos Rattenschwarm auf sie hetzen.
Im New Game Plus wird Dishonored 2 dadurch deutlich mehr zu einer großen Sandbox, in der ihr mit den Systemen des Spiels experimentieren und Chaos stiften könnt.
4. Red Faction: Armageddon
4:36
Red Faction: Armageddon - Test-Video zur PC-Version
Peter Bathge: Wenn’s um Physik-Sandbox-Spiele mit großflächiger Zerstörung geht, sprechen die meisten wehmütig über Red Faction: Guerilla. Und ja, das Actionspiel war schon ganz nett, aber der (von vielen gehasste) Nachfolger Armageddon hat mir immer mehr gefallen. Dort gibt’s nämlich ein Magnetgewehr, mit dem ich auf dem Mars ähnlich viel Unfug anstellen kann wie mit der Portal Gun in Half-Life 2. Das Teil lässt sich ebenso wie alle Waffen und Fähigkeiten im Spielverlauf aufwerten.
Nach dem Kampagnenende sind diese Punkte aber nicht verloren; im Plus-Modus darf ich die Upgrades behalten und darüber hinaus noch weitere Gewehre freischalten. Die skurrilste dieser Extrawaffen ist ohne Frage Mr. Toots. Dabei handelt es sich um ein Einhorn, das explosive Regenbogenstrahlen aus seinem Hinterteil verschießt und dabei ein entsprechend angestrengtes Gesicht macht.
Mit dem und dem restlichen, aufgepimpten Waffenarsenal senst ihr durch die Alien-Gegner und richtet noch weitaus mehr Zerstörung an als im ersten Durchgang.
5. Armored Core 6: Fires of Rubicon
19:27
Armored Core 6 - Test-Video zum neuen Action-Feuerwerk von From Software
Dimitry Halley: Dass Armored Core 6 zu den ganz, ganz wenigen Spielen da draußen gehört, die ich dreimal hintereinander durchgespielt habe, liegt vor allem an dessen hervorragendem New Game +. Denn: Erst nach dem ersten Abspann entfaltet dieses fantastische Soulslike das große Ganze seiner Story. Mit jedem neuen Durchlauf schaltet ihr weitere Missionen frei oder wählt in bestehenden Aufträgen alternative Enden – ein bisschen wie bei den Nier-Spielen.
Damit zusammen hängt natürlich auch, dass ihr erst im New Game + die Feinheiten des Kampfsystems sowie besonders mächtige Waffen in eure Strategie integriert. Das Spiel verrät euch natürlich nichts davon, aber umso mehr schrecke ich auf, wenn in altbekannten Einsätzen plötzlich neue Gefahren lauern. Erst im dritten Playthrough erwartet euch dann das wahre Ende von Armored Core 6. Und ich saß danach mit diesem schrecklichen Ziehen im Magen vor dem Bildschirm, denn nach den 100 Prozent hätte ich eigentlich noch Lust auf eine vierte Runde gehabt.
6. Resident Evil 4 & Remake
20:01
Resident Evil 4 - Test-Video zum Remake
Tristan Gudenrath: Es gibt kein Spiel, das ich so häufig durchgespielt habe wie Resident Evil 4 und Resident Evil 4 Remake zusammen. Mindestens zwei Drittel der Runs dürften im New Game+ gewesen sein. Ob das wirklich die besseren waren, sei mal dahingestellt. Es waren aber auf jeden Fall die spaßigeren.
Denn bei Resi 4 gilt: Das erste Mal ist für die Erfahrung, alles danach ist für den Fun. Während die horrorlastigeren Ableger wie 1, 2 und 7 stark auf die Atmosphäre setzen, geht es bei Teil 4 ums Gameplay.
Ich kann aus zig Waffen auswählen, um den feindlichen, fanatischen Kultanhängern den Hals zu lüften. Und wenn ich den Eindruck erhalte, dass meinem Schießeisen die Power fehlt, kann ich sie durch Upgrades einfach aufpolieren und weiter spezialisieren. Für einen linearen Third-Person-Shooter ermöglicht das überraschend kreative Vorgehensweisen, die jeden weiteren Durchlauf interessant gestalten.
Gleichzeitig steckt das Spiel voller Geheimnisse, wodurch ich auch beim X-ten Mal wieder etwas Neues entdeckt habe. So weiß ich erst seit letztem Jahr, dass es im Startbereich des Originals ein verstecktes Heilkraut gibt, an dem ich zuvor um die 20 Mal vorbeigelaufen sein muss. Ach ja, und für den grandiosen DLC Separate Ways gilt das alles natürlich auch.
7. Chrono Trigger
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Wir können hier schlecht über New Game Plus sprechen, ohne Chrono Trigger zu erwähnen. Denn der SNES-Klassiker von 1995 gilt heute als einer der Erfinder dieses Spielmodus. Das JRPG bietet euch im zweiten Durchlauf nämlich nicht nur höhere Schadenswerte und bessere Ausrüstung, sondern nutzt das New Game Plus als richtiges Erzählwerkzeug. Schließlich geht es in Chrono Trigger um Zeitreisen.
Reisen wir nach dem Abspann zurück, können wir Endboss Lavos nun zu fast jedem beliebigen Zeitpunkt der Geschichte herausfordern – sogar direkt zu Beginn des Spiels.
Der Clou daran: Je nachdem, an welcher Stelle der Handlung ihr das Weltraum-Monster besiegt, schaltet ihr eines von über zwölf unterschiedlichen Enden frei, die mal mehr, mal weniger sinnvoll daherkommen. Mal trefft ihr in einem geheimen Raum auf die Avatare der Entwickler, mal wird die Welt in der Zukunft von Reptilien regiert. Wer die Story wirklich verstehen und alle Facetten des Spiels erleben will, muss hier definitiv mehrmals ran.
Sonderpreis: Starfield
Einen Platz auf der Liste der besten Bethesda-RPGs hat sich Starfield in den Augen vieler Spieler zwar nicht verdient, dafür allerdings eine besondere Erwähnung auf dieser Liste. Denn das Weltraum-Rollenspiel integriert durch sein Setting das New Game Plus geschickt in die Story.
Als »Sternengeborener« springt ihr nämlich am Spielende in parallele Universen, in denen sich Details der Handlung oft drastisch ändern. Mal trefft ihr auf mehrere Versionen eurer selbst, mal besteht die ganze Constellation-Truppe nur aus Kindern oder wurde von Attentätern des Hauses Va'ruun ausgelöscht. Diese Variationen machen den Neustart zu einem der wenigen echten Highlights des Weltraum-RPGs.
Das waren unsere sieben Favoriten für die Extra-Runde. Aber wie sieht es bei euch aus? Gibt es Spiele, die ihr immer und immer wieder durchspielt, weil sie im zweiten Anlauf erst richtig aufblühen? Schreibt es uns in die Kommentare!
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