“Unser System hat versagt” - Ubisoft CEO entschuldigt sich nach Sexismus-Skandal

Nach dem großen Sexismus-Skandal bei Ubisoft, meldete sich nun der CEO in einer Videobotschaft zu Wort und versprach Verbesserungen.

von GameStar Redaktion,
11.09.2020 14:30 Uhr

Ubisoft hat Maßnahmen beschlossen, die helfen soll, das Unternehmen inklusiver zu gestalten. Ubisoft hat Maßnahmen beschlossen, die helfen soll, das Unternehmen inklusiver zu gestalten.

Update vom 11. September 2020: Unmittelbar vor der eigentlichen Ausstrahlung der Ubisoft Forward-Präsentation im September 2020, äußerte sich der Firmen-CEO Yves Guillemot, in einer Videobotschaft zu den Vorfällen:

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""Diesen Sommer haben wir erfahren, das bestimmte Mitarbeiter die Werte unseres Unternehmens nicht gewahrt haben und unsere Systeme die Opfer vor ihrem Verhalten nicht schützen konnten. Es tut mir für alle Betroffenen in ganzem Maße leid.""

Er versicherte, dass man entsprechende Maßnahmen ergriffen hat, um die Verantwortlichen zu entfernen oder zu sanktionieren. Jetzt würde man sich darauf konzentrieren, das System und die Abläufe innerhalb des Unternehmens zu verbessern. Ein wichtiger Punkt sei es, die Vielfältigkeit und Inklusivität in allen Bereichen des Unternehmens aktiver zu fördern.

Mit einer Summe von 1 Millionen Dollar wolle man das Ubisoft Graduate Programm über einen Zeitraum von fünf Jahren unterstützen. Das Fortbildungsprogramm richtet sich vor allem an unterrepräsentierte Gruppen, die eine Karriere in der Gaming-Branche anstreben. Weitere Infos dazu finden sich in einem offiziellen Bericht auf der Ubisoft-Webseite.

""Wir stehen am Beginn einer langen Reise. Eine Wirkliche Veränderung braucht Zeit. Aber ich bin entschlossen, alles in meiner Macht stehende zu tun, dass sich alle bei Ubisoft willkommen, respektiert und sicher fühlen." betonte er. "Ubisoft steht für Gleichheit und gegenseitigem Respekt.""

Jason Schreier reagierte mit einem eigenen Twitter-Post auf das Video von Yve Guillemot. Er machte darauf darauf aufmerksam, dass die internen Probleme schon seit Jahren bestünden und nicht erst seit diesem Sommer bekannt seien:

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Nach der Stellungnahme zu den Sexismus-Problemen, kam Guillemot auf einen weiteren Skandal zu sprechen, der in jüngster Vergangenheit für Aufsehen gesorgt hat. Im mobile-game "Tom Clancys Elite Squad" sorgte eine Zwischensequenz vor nicht allzu langer Zeit für Furore.

Was ist passiert? Zu Beginn des Spiels wurde die anarchistische Organisation UMBRA vorgestellt. Die Organisation soll zivile Unruhen ausnutzen, um Chaos zu verbreiten. Das Logo der Organisation besteht aus einer schwarzen Faust, die unter den Worten "Stürzt das System" prangert. Das Problem dabei war, dass das Symbol sehr stark an das Black-Lives-Matter-Logo erinnerte. Ubisoft entschuldigte sich daraufhin am 29. August in einem offiziellen Twitter Post.

Yves Guillemot fügte im Video hinzu, dass ein solches Versehen nicht passieren dürfe. Um Ähnliches in Zukunft zu verhindern, würde man nun entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen. Ferner betonte er, dass Ubisoft jeden verurteile, der ihre Spiele als Plattform zur Verbreitung von Hass nutze. Die Black-Lives-Matter-Bewegung würde man darüber hinaus in ganzem Maße unterstützen. Dies machte er deutlich, indem er eine Spende an die NAACP ankündigte, einer der ältesten und einflussreichsten schwarzen Bürgerrechtsorganisationen.

Update vom 24. Juli 2020: Nachdem Ubisoft kürzlich selbst erste Konsequenzen als Reaktion auf die Missbrauchsvorwürfe gezogen hat (wir berichteten), schaltet sich nun die französische Gewerkschaft Solidaires Informatique ein. Die Gewerkschaft veröffentlichte auf ihrer Webseite einen Aufruf an alle Opfer und weitere Organisationen, die dabei helfen wollen, ein Verfahren gegen den Publisher einzuleiten.

Der Beitrag wirft dem Publisher vor, eine Firmenpolitik zu betreiben, die »Profit über Gesundheit und Sicherheit ihrer Angestellten stelle« und fordert, dass sich »die Ubisoft-Gruppe für ihre Taten vor Gericht verantworten muss«.

Die Gewerkschaft verspricht absolute Vertraulichkeit sowie rechtliche Unterstützung. Die Verteidigung wird dem Vernehmen nach Maude Beckers übernehmen, eine auf Arbeitsrecht und Diskriminierung spezialisierte Anwältin.

Update vom 23. Juli 2020: Ubisoft kündigt im Zuge der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs Konsequenzen an. So hat man sich dazu entschieden, sich vom PR Director Stone Chin zu trennen. Das gab der langjährige Unternehmenssprecher von Ubisoft in einer ausführlichen Stellungnahme bekannt - in der er die Vorwürfe eines sexuellen Übergriffs aus dem Jahr 2012 bestreitet.

Stattdessen soll sein »passiv-aggressives« und »respektloses Verhalten« gegenüber anderen Mitarbeitern ausschlaggebend für die Kündigung gewesen sein. Chin bedauert in seinem Schreiben, dass sein persönlicher Managment-Stil bei Mitgliedern seines Teams »emotionale Wunden hinterlassen« habe. Der Vorwurf des sexuellen Vorwurfs sei dagegen intern untersucht worden, allerdings ohne konkretes Ergebnis geblieben.

Zusätzlich greift Ubisoft zu weiteren Maßnahme, wie CEO Yves Guillemot (via PCGamesN) offiziell bekannt gegeben hat: So sollen Führungskräfte, die sich aktiv für ein »positives und inklusives Arbeitsklima« einsetzen, mit einem finanziellen Bonus belohnt werden. Vergleichbare Prämien gibt es bereits in anderen Firmen.

Außerdem werden Mitarbeiter anonym befragt, während konzernweit Meetings eingerichtet werden, wo es um den Austausch mit und das Hören von Angestellten geht. Ein vollständiger Umbau des Editorial Services - die zentrale Stelle für die Abstimmung über Inhalt und Funktionen der hauseigenen Videospiele - ist ebenfalls geplant.

Ebenso möchte man Abläufe in den Personalabteilungen neu organisieren, damit sichergestellt wird, dass die Beschwerden und Anlieger der Mitarbeiter ernst genommen werden. Unter anderem dafür wird ein neuer Managementposten geschaffen, der sich ausschließlich auf Inklusion und Diversität innerhalb des Unternehmens konzentriert. Weitere Maßnahmen sollen gemeinsam mit externen Beratern beschlossen werden - wie die aussehen, muss sich aber erst zeigen.

Ursprüngliche Meldung: Assassin's Creed: Odyssey, Origins und Syndicate sollten ursprünglich anders aussehen und mehr auf weibliche Hauptcharaktere setzen. Das und mehr enthüllt ein Insider-Bericht des ehemaligen Kotaku-Journalisten Jason Schreier.

Die Heldinnen von Assassin's Creed hatten eigentlich viel größere Rollen. Die Heldinnen von Assassin's Creed hatten eigentlich viel größere Rollen.

Der hat für seinen neuen Arbeitgeber Bloomberg mit aktuellen und ehemaligen Ubisoft-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern über Sexismus-Vorwürfe und den darauffolgenden Abgang mehrerer Führungskräfte gesprochen. Und dieser Report zeichnet ein erschreckendes Bild von Ubisoft.

Für Assassin's Creed war demnach Folgendes geplant:

  • Syndicate: Sollte den Geschwistern Jacob und Evie denselben Raum geben und euch beide ungefähr gleich viel spielen lassen. Letzten Endes spielt ihr Jacob jedoch häufiger als Evie: Er bekommt 24 Story-Missionen, seine Schwester hingegen 12, in sieben weiteren Einsätzen ist der Charakter frei wählbar. Auch auf dem Cover und im Cinematic Trailer dominiert Jacob. Erst im Jack-the-Ripper-DLC darf Evie die Hauptrolle übernehmen.
  • Origins: Bayek sollte bereits früh in der Geschichte sterben oder zumindest stark verwundet werden. Den Rest des Spiels hättet ihr dann mit seiner Ehefrau Aya bestritten. In der fertigen Version wurde Ayas Anteil auf einige Schiffskämpfe reduziert.
  • Odyssey: Eigentlich hättet ihr kein Geschlecht auswählen können, sondern das Spiel komplett als Kassandra bestreiten sollen. Ihr Bruder Alexios sollte gar nicht spielbar sein.
  • Unity: Schon 2014 begründete Ubisoft die Abwesenheit weiblicher Charaktere im Multiplayer-Modus damit, dass es zu aufwändig sei, Frauen zu animieren. Eine Antwort, die schon damals nach Ausflucht klang.

Hinter diesen Änderungen steckt Schreiers Bericht zufolge Serge Hascoët, der als Kreativchef über alle Ubisoft-Serien wachte und Designentscheidungen auch gegen den Willen der Entwicklerteams traf. Begründet habe er die Änderungen an Assassin's Creed mit wirtschaftlichen Bedenken, dass sich Spiele mit weiblichen Hauptcharakteren nicht verkaufen - ungeachtet der Erfolge von Spielen wie Tomb Raider und Horizon Zero Dawn.

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Meetings im Stripclub

Die von Schreier zitierten Ubisoft-Insider sehen sexistische Motive hinter Hascoëts Entscheidungen und belegen das mit dem sonstigen Verhalten des Kreativchefs. Beispielsweise habe er geschäftliche Treffen in Stripclubs abgehalten und bevorzugt (männliche) Mitarbeiter in kreative Führungspositionen befördert, die daran teilnahmen. Frauen, die den Treffen fernblieben, berichten, ihre Karriere habe darunter gelitten.

Nach einem Bericht der französischen Zeitung Libération soll Hascoëts Untergebene überdies unter Druck gesetzt haben, exzessiv Alkohol zu trinken. Außerdem habe er im Büro Haschkekse verteilt, ohne darauf hinzuweisen, dass sie Marihuana enthielten.

Aya hätte in Assassin's Creed: Origins ursprünglich die Hauptrolle schieben sollen. Aya hätte in Assassin's Creed: Origins ursprünglich die Hauptrolle schieben sollen.

Gegenüber Mitarbeiterinnen soll sich Hascoëts regelmäßig anzüglich und geschmacklos verhalten haben. Als etwa eine hochrangige Entwicklerin bei einer Präsentation den Raum verließ, habe er ein Musikvideo abgespielt, dessen Songtext sexuelle Handlungen mit einer Frau desselben Vornamens behandelt.

Zwar hätten sich Betroffene mehrfach bei Ubisofts Personalabteilung beschwert, diese Beschwerden seien jedoch unter den Teppich gekehrt worden, weil Hascoët als Freund des Ubisoft-Geschäftsführers Yves Guillemot einen besonderen Schutz genossen habe.

Sexismus mit System

Und Hascoëts Verhalten sei kein Einzelfall gewesen, Schreiers Bericht zufolge haben sich auch andere Ubisoft-Angestellte sexistisch, homophob oder rassistisch verhalten.

  • Fey Vercuiel, die als Designerin bei Ubisoft Sofia gearbeitet hat, erzählt, das Team habe gemeinsam einen Trailer zu »Star Wars: The Force Awakens« angeschaut. Als der schwarze Schauspieler John Boyega zu sehen war, hätten Mitarbeiter »Hey, schaut mal, ein Affe!« gerufen.
  • Eine Mitarbeiterin des Ubisoft-Kundendienstes in den USA erzählt, ihr Vorgesetzter habe sich vor dem gesamten Team anzüglich und herablassend über ihren Körperbau geäußert. Als sie sich bei der Personalabteilung darüber beschwerte, habe es nur geheißen, sie solle sich mit ihrem Boss aussprechen. Erst, als ihr ein männlicher Kollege beisprang, wurde der Vorgesetzte ausgetauscht - und die betroffene Mitarbeiterin bekam einen Geschenkgutschein über 200 Dollar.
  • Weitere Vorwürfe betreffen unter anderem Maxime Béland, einen Vertrauten von Serge Hascoët, der Ubisoft Toronto leitete, während seine Ehefrau Rima Brek vorübergehend die Personalabteilung führte. Béland soll dazu geneigt haben, seine Beherrschung zu verlieren und sein Team anzuschreien. Außerdem habe er Frauen bei Weihnachts- und anderen Feiern unsittlich berührt, und laut einem Kotaku-Bericht ein Teammitglied auf einer Party gewürgt. Beschwerden an die Personalabteilung habe seine Ehefrau jedoch abgeblockt.

Schreier nennt noch weitere Vorfälle von sexueller Nötigung und homophoben Witzen, etwa von Tommy Francois, dem Leiter von Ubisofts Rechercheabteilung. All das erlaubt einen tieferen Einblick in die Vorgänge hinter den Ubisoft-Kulissen, die letztlich zum Abgang von Serge Hascoët, Maxime Béland und anderen leitenden Ubisoft-Mitarbeitern geführt haben.

Wirtschaftlicher Misserfolg

Dennoch könnten die #MeToo-Vorwürfe letztlich nur der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Serge Hascoët etwa verantwortete auch maßgeblich die Ubisoft-Formel, nach der gutes Gameplay aus ineinander greifenden Systemen entsteht. Lineares Storytelling in Cutscenes & Co. habe der Kreativchef abgelehnt.

Nach dem Misserfolg von Ghost Recon: Breakpoint und den enttäuschenden Verkaufszahlen von The Division 2 könnte Ubisoft hier ohnehin die Notwendigkeit für Veränderungen erkannt haben, daher ja auch die Verschiebung fast aller Ubisoft-Titel im Jahr 2020 und das Versprechen, bei Assassin's Creed Valhalla weniger formelhaft zu arbeiten.

Das entkräftet aber weder die Sexismus-Vorwürfe, noch macht es die beschriebenen Vorgänge weniger erschreckend. Ein Statement von Ubisoft zu Schreiers Report liegt uns bislang nicht vor, wir werden es ergänzen, sobald wir es bekommen.

Auch in der deutschen Gaming-Branche wurde und wird über Sexismus diskutiert, mehr darüber erfahrt ihr in unserem Interview mit Linda Kruse und Maxi Gräff:

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