Book of Heroes: Dieses Rollenspiel hätte es nicht geben dürfen

Meinung: 64 Prozent negative User-Bewertungen auf Steam. Book of Heroes sorgt für Frust bei Rollenspielern. Ein Jammer, denn die Welt verdient so viel mehr.

von Fabiano Uslenghi,
24.06.2020 15:00 Uhr

Halbelf Gilidan Windschreiter ist Magier der Schwarzen Gilde und schockiert darüber, wie Book of Heroes auf Steam bewertet wird. Halbelf Gilidan Windschreiter ist Magier der Schwarzen Gilde und schockiert darüber, wie Book of Heroes auf Steam bewertet wird.

Mir wurde dieses Jahr das Herz gebrochen. Dabei war meine Erwartungshaltung an Book of Heroes gar nicht besonders hoch. Doch als langjähriger Spieler der Pen&Paper-Vorlage fühl ich mich dem Rollenspiel Das Schwarze Auge sehr verbunden. Auf eine neue Spiele-Umsetzung warte ich schon seit über fünf Jahren. Book of Heroes hat dieser Warterei ein Ende gesetzt. Jetzt wünschte ich mir aber, es wäre nie erschienen. Zumindest nicht so.

Auf Steam steht das Rollenspiel derzeit bei größtenteils negativen Bewertungen und wird damit noch schlechter beurteilt, als die kontroverse HD-Neuauflage der DSA: Nordlandtrilogie - immerhin ein Remaster, das vollkommen verbuggt auf den Markt geschmissen wurde (dank vieler Patches inzwischen aber spielbar ist). Die Klagelieder der enttäuschten Book-of-Heroes-Spieler haben viele Strophen.

Einige ärgern sich über den kuriosen Singleplayer, da man keine Kontrolle über seine Begleiter hat. Andere schimpfen darüber, wie die Framerate ständig einknicken kann, wenn das Spiel aussieht wie von 2010:

Das Schwarze Auge: Book of Heroes - Screenshots ansehen

Kämpfe ohne echte Spannung. Stupides Dungeon-Crawling. Die Liste lässt sich immer weiter fortsetzen. Mein Herz blutet. Nicht nur, weil ich mich auf ein neues DSA-Rollenspiel gefreut habe. Mit Book of Heroes wird auch die Wahrscheinlichkeit immer geringer, dass irgendwann mal wieder ein wirklich gutes Videospiel mit dieser Lizenz entwickelt wird. DSA steht inzwischen im Bereich Videospiele endgültig für Ramschware. Eine unwürdige Katastrophe.

Der Autor

Fabiano spielt seit etwa sieben Jahren DSA. Damit ist er unter den DSA-Fans noch ein echter Jungspund. Es gibt da draußen Fans, die halten dem Rollenspiel seit über 20 Jahren die Treue. In seiner Freizeit verbringt Fabiano wöchentlich mehrere Stunden in der Spielwelt Aventurien. Entweder als Spielleiter oder indem er seinen Kopf in zahlreichen Regelbänden oder Romanen versenkt. Dass Book of Heroes nun eine Bruchlandung hinlegt, ist für ihn deshalb eine Tragödie. Das Schwarze Auge droht damit nämlich auf dem PC komplett ins Abseits zu geraten, obwohl in der Welt noch soviel Potenzial steckt.

Die Welt ist wichtig

Das bekannteste und beliebteste deutsche Pen&Paper wird auf dem PC mehr und mehr zu einem Aushängeschild für billig produzierte Rollenspiel-Kost. Darüber kann sich niemand freuen. Weder werden Entwickler noch Lizenzgeber mit dieser Situation zufrieden sein. Am meisten trifft das aber Fans wie mich, die so viele schöne Erinnerungen mit dieser Welt verbinden.

Langjährige DSA-Spieler kennen Aventurien wie ihre Westentasche. Auch in Book of Heroes bereisen wir bekannte Orte, sehen dann aber nur zufallsgenerierte Dungeons. Langjährige DSA-Spieler kennen Aventurien wie ihre Westentasche. Auch in Book of Heroes bereisen wir bekannte Orte, sehen dann aber nur zufallsgenerierte Dungeons.

Schon seit den 80er Jahren existiert DSA und seine Welt Aventurien. Aventurien ist nicht starr sondern äußerst lebendig. Mit jedem neuen Abenteuer verändert sich die Welt. Mal im Kleinen, mal im Großen. Es gibt eine reale aventurische Zeitung, die sich selbst Spieler durchlesen, die das Pen&Paper gar nicht mehr spielen. Weil sie wissen wollen, wie sich diese Welt entwickelt! Wer DSA spielt, spielt es wegen seiner urigen Welt und nicht, weil DSA ein besonders ausgeklügeltes oder spielbares Regelsystem besitzt.

Der Charme dieser Welt klingt ebenfalls in Book of Heroes an. Dazwischen bleibt das Spiel jedoch ein seichter Dungeon Crawler, der sich mit seinem eigenem Regelsystem prügelt. Einige der besten DSA-Spiele verzichten vollständig auf RPG-Inhalte. Die Point&Click-Adventures Satinavs Ketten und Memoria etwa - großartige DSA-Spiele. Fangen wundervoll die Details und Atmosphäre der Spielwelt ein. Erzählen eine herzerwärmende Geschichte. Book of Heroes will das alles nicht und tatsächlich steckt in dem Multiplayer-Crawler irgendwo ein spaßiges Rollenspiel, aber für die DSA-Lizenz war das Projekt von Beginn an ungeeignet.

Daedalic-Adventure wie Satinavs Ketten erwecken bekannte aventurische Städte zum Leben. Hier der Marktplatz von Andergast. Daedalic-Adventure wie Satinavs Ketten erwecken bekannte aventurische Städte zum Leben. Hier der Marktplatz von Andergast.

So geht es besser

Was mich am meisten irritiert: Da draußen gibt es so viele Beispiele dafür, wie DSA als Rollenspiel funktionieren könnte. Drakensang allein hat ja gezeigt, was in der Welt steckt. Wie man das für ein Computerspiel eher ungeeignete Regelsystem umbauen kann. Wie man liebgewonnene Städte wie Ferdok zum Leben erweckt. Die Stadt am Großen Fluss mit dem besten Bier des Landes.

Teilweise müsste man nicht ein Mal besonders viel kreative Energien in eine tolle Geschichte stecken. DSA besitzt bereits eine fast 40-jährige Geschichte voller großartiger Kampagnen. Eine Reise um die Welt mit Kapitän Phileasson, ein brutaler Krieg in Greifenfurt oder eine epochale Kampagne rund um Dämonenmeister Borbarad. Das alles liegt doch auf der Straße.

Pathfinder: Kingmaker macht genau das. Bedient sich einfach an dem gleichnamigen Abenteuerpfad der Pen&Paper-Vorlage. Dazu kommt noch ein wenig Kickstarter-Unterstützung. Das Ergebnis: Eines der anspruchsvollsten Old-School-Rollenspiele der letzten Jahre.

Pathfinder: Kingmaker - Test-Video zum epischen Rollenspiel 7:49 Pathfinder: Kingmaker - Test-Video zum epischen Rollenspiel

Und ja, vielleicht rechnet sich am Ende des Tages so ein Projekt für DSA nicht. Doch mir wär es lieber dann vollständig auf ein PC-Spiel zu verzichten, als die Welt in einen Schuh zu zwängen, der ihr offensichtlich gar nicht passt.

Sicherlich wird es irgendwann wieder ein DSA-Videospiel geben. Wahrscheinlich dauert das aber wieder Jahre. Hoffentlich hat man bis dahin aus den Fehlern von Book of Heroes gelernt. Dann war dieses Experiment zumindest nicht umsonst.

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