Book of Travels: Mein Traum-MMO liegt wohl im Sterben

Steffi hat sich voll in das kleine Online-Rollenspiel Book of Travels verliebt. Doch die Entwicklung steht vor gewaltigen Hürden.

von Stephanie Schlottag,
26.01.2022 16:36 Uhr

Sieht aus wie ein emotionales Indie-Adventure, ist aber ein Online-Rollenspiel: Book of Travels. Sieht aus wie ein emotionales Indie-Adventure, ist aber ein Online-Rollenspiel: Book of Travels.

Mit den meisten MMOs kann man mich jagen: Questen, Aufleveln, Dungeon-Raids, buntes Effektgewitter, tagelanger Grind nach Items, deren Name lila gefärbt ist - was viele verlockt, beschert mir Stresspusteln. Ich will in Spielen abschalten und mich in einer anderen Welt verlieren, große Gefühle und mitreißende Storys erleben. Und das am liebsten alleine. Wenn jeder der Auserwählte ist, der das weltbedrohende Boss-Monster legt, dann ist irgendwie niemand der Auserwählte.

Die einzige Ausnahme von meiner MMO-Abneigung war daher Guild Wars 2 mit seinem Fokus auf spannende Charaktere und Geschichten, die ich sogar beeinflussen kann. Sascha Penzhorn fasst hier in seiner Kolumne perfekt zusammen, warum das Spiel so fantastisch ist. Aber auch bei Guild Wars 2 bin ich nicht lange an Bord geblieben, weil es mir zu groß und zeitaufwändig wurde. Ein paar Nummern kleiner müsste es sein!

Die Autorin
Steffi liebt Rollenspiele, aber meistens nur dann, wenn sie offline spielbar sind. Für sie geht die Immersion einfach komplett flöten, wenn überall Spielercharaktere durch die Gegend hüpfen, der Chat mit Handelsangeboten zugeballert wird und man immer wieder das Gleiche macht. Deswegen sucht sie immer mal wieder nach kleinen MMOs, die besondere Ideen haben und sie vielleicht doch mal überzeugen können.

Vorhang auf für mein Traum-MMO

Stellt euch also meine Begeisterung vor, als ich über ein MMO gestolpert bin, das alles vereint, was ich mir von diesem Genre erträumt habe. Book of Travels hat wohl heimlich meine persönliche Wunschliste gelesen. Das Online-Rollenspiel bringt mehrere spannende Ideen zusammen und mischt daraus ein einzigartiges Konzept:

  • Wir erstellen einen ganz eigenen Charakter, ähnlich wie in einem Pen & Paper-Rollenspiel, verleihen ihm spielerisch relevante Vor- und Nachteile und eine persönliche Hintergrundgeschichte.
  • Was wir danach tun, ist uns komplett frei überlassen. Keine NPCs mit gelben Ausrufezeichen, die uns auf Wildschweinjagd oder Karottenernte schicken. Stattdessen entscheiden wir selbst, ob wir einfach die Welt erkunden, zum Händler werden oder uns mit anderen zu einer Abenteurergruppe zusammenschließen.
  • Pro Server sind maximal sieben Spieler unterwegs. Dadurch wird jede Begegnung mit anderen zu etwas Besonderem. Wir können natürlich auch komplett alleine durch die Welt streifen, wenn wir wollen.
  • Es gibt keinen Ingame-Chat, wir kommunizieren mit anderen ausschließlich über kleine Symbole. Das weckt bei mir sofort liebevolle Erinnerungen an das großartige Journey mit seinem ungewöhnlichen Online-Modus.
  • Das ungewöhnliche Magie-System basiert auf Knoten und Tee. Was für ein cooles Konzept!

Und die zauberhafte Ölgemälde-Grafik brauche ich euch gar nicht beschreiben, schaut euch einfach mal diese Bilder an:

Landschaft Book of Travels sieht aus wie ein 2D-Spiel, aber ihr könnt euch frei in alle Himmelsrichtungen bewegen.

Dämmerung Manche Ereignisse finden nur bei Sonnenuntergang statt.

Außerdem kann man Katzen streicheln. 10/10, Spiel des Jahres. Okay, Scherz beiseite, aber ich war wirklich direkt begeistert von dem selbsterklärten »Tiny-MORPG«. Es erfüllt genau den Wunsch, den auch Kollegin Elena in ihrer Kolumne geäußert hat: Gebt uns doch mal Open Worlds ohne den Stress einer epischen Hauptgeschichte, damit wir unsere eigenen schreiben können!

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Es hätte alles so schön sein können (und das war es ein paar selige Spielstunden lang auch). Aber leider hat Book of Travels einige richtig große Probleme.

Die Hiobs-Botschaft der Entwickler

Hinter Book of Travels steht das Entwicklerstudio Might and Delight, das ihr vielleicht von den emotionalen Shelter-Spielen kennt. Book of Travels ist das ehrgeizigste Projekt, das sich das Team je vorgenommen hat: mit kleinem Budget und ein bisschen Kickstarter-Unterstützung ein einzigartiges Online-Rollenspiel aus der Traufe hieven. An diesem Genre sind schon viele mit mehr Geld gescheitert. Und es sieht aus, als könnte Book of Travels ebenfalls auf dem MMO-Friedhof landen, noch bevor es richtig gestartet ist.

Im Dezember 2021 gab Might and Delight bekannt, dass man das Studio von 35 auf zehn Mitarbeiter verkleinern müsse. Anders hätte sich das Unternehmen nicht mehr über Wasser halten können. Mit Book of Travels bedient man eben nur eine besondere Nische, sprich, es ist verdammt schwer, damit genug Geld einzunehmen.

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In der Botschaft an die Spieler heißt es, man wolle auch in schwierigen Zeiten transparent sein:

Verständlicherweise werden sich viele von euch fragen, wie sich das auf das Spiel auswirkt. Wir haben einen Rückschlag erlitten und die Produktionsgeschwindigkeit WIRD davon betroffen sein. Wir wollen da ganz offen sein. Dennoch wollen wir auch, dass ihr wisst, das Team will unbedingt zwei Dinge erreichen: überleben und den bestmöglichen Content in das Spiel bringen.

Might an Delight, Community-Update bei Steam

Dieser Optimismus ist lobenswert, aber ich befürchte, dass Book of Travels niemals fertig wird. Zumindest nicht so, wie es einmal geplant war. Dazu braucht es Geld und Entwickler - beides scheint Mangelware im Studio zu sein. Schon vor den Entlassungen war der Early Access für mindestens zwei Jahre ausgelegt, jetzt wird es also noch länger dauern. Das Spiel selbst hat unzählige Baustellen - noch fehlen viele Inhalte und Orte, es gibt schlecht durchdachte Features wie einen echten Tag-und-Nacht-Rhythmus (blöd für alle, die nur abends zocken können).

Tag Sonnenlicht bekommt ihr hier nur zu sehen, wenn ihr tagsüber spielt. Also in der echten Welt.

Nacht Nachts ist in den Siedlungen viel mehr los, dafür ist es in der Wildnis ziemlich dunkel.

Das alles ist in der Theorie nicht unlösbar und die kleine Community hinter Book of Travels ist auf Discord, Steam und Co. mit viel Leidenschaft aktiv, macht Vorschläge, gibt konstruktive Kritik. Davon kann ein Battlefield 2042 nur träumen. Aber es sind eben nicht viele Leute, die sich für so ein Spiel begeistern. Da hilft auch der symbolische Spenden-DLC wenig, mit dem man die Entwickler ohne Gegenleistung unterstützen kann. Zumal der Kaufpreis von 25 Euro für ein sehr unfertiges Spiel eh happig ist.

Ich fürchte also, dass Book of Travels meinen MMO-Traum nicht erfüllen wird. Verdammt schade um dieses ganz besondere Kleinod! Selten habe ich so sehr gehofft, dass ich komplett daneben liege - und immerhin ist das nächste Inhalts-Update schon angekündigt. Ach, das süße Gift Hoffnung. Ich werde es auf jeden Fall genau im Auge behalten und versuchen, mich mit anderen Geheimtipps zu trösten.

Habt ihr Spiele, die ihr liebt, aber die gestorben sind? Oder denen das sichere Ende bevorsteht? Teilt es gerne in den Kommentaren, dann können wir uns gegenseitig wieder aufbauen.

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