Ich will endlich ein Open-World-Spiel, in dem ich kein Held sein muss

Elena ist große Geschichten leid. Sie will lieber ein Open-World-Rollenspiel, in dem sie einfach den virtuellen Alltag in einer anderen Welt erleben kann.

von Elena Schulz,
16.01.2022 07:22 Uhr

Ich denke sehr oft an den DLC Das Los einer Frau für das Mittelalter-Rollenspiel Kingdom Come: Deliverance. Nicht weil das Addon so viel herausragender wäre als das Hauptspiel - beide sind fantastisch. Sondern weil er mir etwas gibt, das ich sonst nur selten in Open-World-Spielen bekomme: Alltag. Als Theresa füttere ich die Hühner, werfe meinen faulen Bruder aus dem Bett, mache Erledigungen im Dorf und freue mich riesig auf das anstehende Fest. Aber was ziehe ich nur an?

Genau davon will ich mehr. Ich vermisse oft das einfache, gewöhnliche Leben in den virtuellen Welten. Viel zu schnell wird das fast immer von meiner großen Mission unterbrochen, für die ich alle retten und Heldentaten vollbringen soll. Dabei möchte ich eigentlich nur Gemüse ernten, Holz hacken oder meinen Cyberware-Laden in Night City eröffnen.

Außerdem könnte der Open-World-Alltag auch ein paar Probleme lösen, mit denen sich offene Welten gerne rumschlagen.

Die Autorin: Elena (@Ellie_Libelle) liebt es, sich in Open-World-Spielen einfach treiben zu lassen. Beispielsweise hat sie es zu einer Tradition gemacht, in Assassin's Creed mit dem Fotomodus bewaffnet loszuziehen und erstmal schöne Schnappschüsse von der Welt zu schießen, bevor sie den versteckten Dolch in die Hand nimmt oder Banditenlager ausräumt. Solche Spaziergänge erinnern einen erst wieder daran, wie viel an spannenden Ideen und Leidenschaft selbst in scheinbar generischen und formelhaften virtuellen Welten stecken kann. Deshalb wünscht sie sich, dass Open Worlds diese Stärken in Zukunft stärker ausspielen, statt die x-te Weltrettergeschichte zu erzählen.

Weniger Leerlauf

Für Hauptgeschichten sind Open Worlds ein lästiges Problem. Sie wollen schließlich Momentum aufbauen und Spannung erzeugen, während wir Spieler gerne Angeln gehen oder tagelang Gwent spielen, statt unsere Ziehtochter zu retten - ja, Geralt, ich meine dich, komm wieder hinter Plötze vor! Wird die Geschichte aber direkt mit der Welt verflochten, verschwindet dieser Bruch, den ich auch hier ausführlich bemängle:

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Statt als Heldin eine Schneise durch die sonst unberührte Welt zu ziehen, könnte ich mich in ihren tiefsten Ecken und Winkeln austoben, die dann nicht nur verschämt mit irgendwelchen Nebenaufgaben oder Sammelkram gefüllt sind. Denn wenn nirgendwo die Action stattfindet, ist die ganze Open World plötzlich gleich wichtig!

Ich könnte viele Abenteuer und Handlungen erleben, statt nur eine. Eben zum Beispiel als Bauerstochter wie im Fall von Theresa, die vielleicht heimlich das Bogenschießen trainiert, um jagen zu gehen und sich bei einem Hehler etwas dazuzuverdienen. Ich erkunde so die umliegenden Wälder, lerne womöglich gleichgesinnte Gefährten kennen oder lege mir einen Hund zu, der Kaninchen für mich aufspürt.

Ich hatte so viel Spaß mit Theresas Dorfleben, dass ich fast enttäuscht war, als das eigentliche Spiel losging. Ich hatte so viel Spaß mit Theresas Dorfleben, dass ich fast enttäuscht war, als das eigentliche Spiel losging.

Ich werde fast erwischt, muss mir eine List überlegen, um zu entkommen, und kann die Ware später im Nachbarort verkaufen. Ich investiere in Holz und Stein, um unser Bauernhaus zu renovieren, oder lasse mir ein schönes Kleid schneidern, mit dem ich mich auf dem Dorffest kurz wie eine Prinzessin fühle.

Nichts ist belanglos

Mit ein bisschen Rollenspiel-Leidenschaft ist das in sehr freien Spielen wie Skyrim sogar schon möglich - da kann Kohlbauerin Géraldine auf dem Feld ein Liedchen von pfeifen. Und natürlich gibt es darüber hinaus virtuelle Erlebnisse, die genau das in den Fokus stellen: Zum Beispiel ein Stardew Valley, das mich das Leben eines Bauern führen lässt, oder Survival-Abenteuer wie Valheim, die ohne höheres Ziel ganz auf Erkunden, Sammeln und Bauen ausgelegt sind.

Ich wünsche mir das aber auch mal in den großen und beeindruckenden Triple-A-Open-Worlds, die mir stets das Gefühl geben wollen, unglaublich wichtig zu sein. Will ich das nicht, muss ich die Story ignorieren und mir den Rest zurechtbiegen. Dabei würde ein Schwerpunkt auf triviale und banale Tätigkeiten diesen noch viel mehr Gewicht und Bedeutung verleihen.

Egal ob Far Cry, Assassins Creed oder Skyrim: Angeln dürft ihr inzwischen in fast jedem großen Spiel - egal, wie aufgesetzt es wirkt. Egal ob Far Cry, Assassin's Creed oder Skyrim: Angeln dürft ihr inzwischen in fast jedem großen Spiel - egal, wie aufgesetzt es wirkt.

Trotz der großen Heldensaga sind Open Worlds schließlich gerne mal vollgepumpt damit. Wenn ich Lust drauf habe, kann ich eben ständig Angeln gehen, Kräuter sammeln, Pokern, um die Wette trinken, Tiere jagen oder Pferde züchten. Baue ich mir mein Leben als Kräuterheilerin auf oder will einen Angelwettkampf gewinnen, hat das plötzlich eine ganz andere Wucht. Aus der Beschäftigungstherapie wird eine Lebensaufgabe.

Mehr Liebe für Details

Außerdem lässt mich das die Open World mit ganz neuen Augen sehen. Ich habe schon zig Artikel darüber geschrieben, wie viele unglaublich coole Details sich in Cyberpunk 2077, Assassin's Creed Valhalla und Co. verstecken. Dass alle Straßen in der Zukunftsmetropole Night City benannt sind, bekomme ich aber nur per Zufall nebenbei mit.

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Anders wäre es mir sicher als Taxifahrerin ergangen, die sich in Night City zurechtfinden muss, während sie Kunden rumkutschiert. Oder als Immobilienmaklerin, die immer auf der Suche nach neuen Anwesen in den besten Gegenden ist oder sie einem versnobten Corpo irgendwie schönreden muss.

All die Liebe, die die Entwickler in jedes Detail ihrer offenen Welt stecken, könnte damit viel besser zur Geltung kommen. Spiele lassen sich sogar länger am Leben halten, wenn man sie so ständig mit neuen, unabhängigen Pfaden und Geschichten füllt. Ubisoft versucht das bei Assassin's Creed schon im Ansatz, indem sie Odyssey Jahre später mit einer neuen Questreihe wiederbeleben.

Aber für mich wäre es noch viel spannender, wenn Open Worlds wirklich zu Welten werden, in denen zig gleichwertige Handlungen passieren können - ohne Helden, aber mit ganz normalen Menschen und ihrem aufregenden Alltag.

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