Ich verbringe aktuell fast jeden Abend mit Black Ops 7. Das Spiel macht jede Menge Spaß, mehr noch: Eigentlich hat seit Jahren kein Call of Duty so viel richtig gemacht. Ich kann in Lobbys ohne Skillbased Matchmaking herumrennen, Matches fühlen sich also endlich mal unterschiedlich an.
Die jüngst erschienene Season 1 packt haufenweise neue Karten, Waffen und Inhalte ins Spiel. Alleine mit Zombies fülle ich ganze Wochenenden. Die Waffen schießen sich hervorragend, ich bin mittlerweile irgendwas jenseits von Prestige 3 oder 4.
Und trotzdem greift Call of Duty gerade richtig ins Klo. Auf Steam blubbert es im feuerroten negativen Wertungsbereich herum, erreicht gerade mal ein Drittel der Steam-Spielerzahlen seines Vorgängers, Activision verzeichnet enttäuschende Verkaufszahlen – irgendwas liegt hier richtig im Argen. Und klar, das liegt auch am Spiel selbst, Black Ops 7 leistet sich einige gröbere Schnitzer, beispielsweise die hanebüchene Kampagne.
Aber ich behaupte: Der desaströse Zustand der Call-of-Duty-Marke hat noch am wenigsten mit dem eigentlichen Gameplay von Black Ops 7 zu tun. Das neueste Spiel ist bloß der Tropfen, der das Fass zum Bersten bringt.
1. Die Haltung ist alles
Als ich vor ein paar Jahren die Redaktionsleitung der GameStar übernommen habe, gab's natürlich jede Menge Führungskräfteschulungen und Coachings. Chefredakteur Heiko hat mir einen sehr weisen Satz mit auf den Weg gegeben: Achte beim Recruiting neuer Leute auf die richtige Haltung der Bewerberinnen und Bewerber.
Lücken im Fachwissen lassen sich oft vergleichsweise leicht ausgleichen, aber die Haltung eines Menschen änderst du nur sehr schwer. Damit meint Heiko natürlich nicht, ob die Leute gerade auf ihrem Stuhl sitzen, sondern ihre Einstellung, ihren Ehrgeiz, ihre Aufrichtigkeit.
1:25:00
So spannend war die Shooter-Welt noch nie! | mit Fabian Siegismund
Call of Duty hat ein Haltungsproblem; und deshalb verscherzen es sich Activisions Studios auch mit der Spielerschaft. Keine Blockbuster hat in den letzten fünf Jahren so viele Lippenbekenntnisse zu verzeichnen.
Treyarch, Infinity Ward und Sledgehammer werfen uns Versprechen über Versprechen um die Ohren. Und was tut sich am Ende wirklich?
Das Cheater-Problem in Warzone? Immer noch da. Die albernen Skins? Waren zum Release von Black Ops 7 ein wenig gedrosselt, aber jetzt geht's schon wieder los:
Kollaborationen? Sollten viel schärfer ausgesiebt werden als noch im Ninja-Turtle-verseuchten Black Ops 6. Und siehe da: Keine fünf Wochen nach Release gibt's die erste Collab mit Fallout. Mal wieder.
Auch das Thema SBMM: Ja, tatsächlich gibt's aktuell in Black Ops 7 SBMM-freie Playlists, aber mit den neuesten Updates schubst Treyarch die SBMM-Playlists wieder mehr und mehr in den Vordergrund. SBMM-Playlists heißen jetzt »Standard«. Dabei sollten sie angeblich genau das nicht mehr sein.
Modern Warfare 3 und Black Ops 7 sind in jeder Hinsicht eher (sehr gute) Addons als vollwertige Fortsetzungen. Und als was wird es uns verkauft? Das größte Dings, das krasseste Jenes. Ich bin natürlich nicht naiv; freilich kann eine Marketing-Abteilung ihr Spiel nicht als »soliden DLC zum Vollpreis« anpreisen, wenn Corporate dafür 80 Euro haben will.
Aber die CoD-Studios führen uns mit ihren Slogans und Versprechen jetzt seit fünf Jahren durch alle möglichen Slaloms. Warzone 2.0 sollte schon 2022 das ganze Integrationsfiasko des Battle Royale fixen, drei Jahre später ist immer noch das Gegenteil der Fall.
Black Ops 7 hat zum Launch all die nervigen Marotten der letzten Jahre in eine Kiste gepackt und unters Bett geschoben, nur damit jetzt doch wieder alles zurückgerollt wird, nachdem die Leute ihr Geld schon auf den Tisch gehauen haben.
Natürlich hat Treyarch gewusst, dass sie zu wenig Zeit, Ressourcen oder Fokus für die Kampagne von Black Ops 7 haben – aber statt das offen zu kommunizieren wie damals bei Black Ops 4, wird auf Krampf ein Singleplayer-Modus mit Nostalgie beworben, der die Leute eigentlich nur ins neue Service-Endgame bugsieren soll, um selbst die Singleplayer-Puristen langfristig zu monetarisieren.
Ist doch kein Wunder, dass das Verhältnis zwischen Community und den Studios dadurch in Schieflage gerät. Activision ist wie der Junge, der immer »Superlativ« ruft und dann von Wölfen gefressen wird (so geht die Fabel doch, oder?). Call of Duty verspielt das Vertrauen seiner Fans – auch weil es auf die falschen Daten vertraut.
2. Daten sind alles
Wir Spielerinnen und Spieler sind mittlerweile gläserner als Cinderellas Schuhe. Jede unserer Aktionen in Call of Duty wird getrackt.
Wann wir ein Spiel wütend verlassen, wie viele Kills wir im Schnitt machen, welche Maps wir am liebsten Spielen, welche Laufrouten wir wählen, was für Skins wir kaufen, in welchen Party-Größen wir antreten und, und, und.
All diese Daten bei den eigenen Entwicklungsentscheidungen zu berücksichtigen, ist auch nicht grundsätzlich verkehrt – im Gegenteil: Wir bei GameStar arbeiten ebenfalls extrem datengetrieben.
Aber Daten sind nicht alles. Daten müssen interpretiert und gewichtet werden; außerdem gibt es auch Dimensionen, die reine Daten eben nicht abbilden. Zum Beispiel den Wert deiner Marke, wenn du ihre Identität durch jahrelange Kollaborationen mit Ninja Turtles, Nicki Minaj, Dune und Predator aufweichst.
Die Daten werden Activision auch signalisieren, dass die Leute seit Jahren wie wild Mikro-Maps wie Shipment grinden. Was machen die Devs also? Geben uns drölfzig Varianten der immer gleichen Winz-Maps, weil wir die ja so sehr lieben.
Ich behaupte: Viele Leute grinden die kleinen Maps vor allem deshalb, weil das kleinteilige Progressionssystem von CoD so sehr auf maximales Engagement gebürstet ist, dass uns gar keine andere Wahl bleibt, wenn wir irgendwo up to date bleiben wollen.
In Dauerballer-Arenen wie Shipment, Stakeout und Co. levelt es sich einfach schneller. Black Ops 7 könnte jetzt komplett mit Inhalts-Updates aufhören und ich wäre als voll Berufstätiger wahrscheinlich in zwölf Monaten noch nicht mit allen Tarnungen und Challenges durch, selbst wenn ich täglich spiele.
Statt die Fans mit Winz-Maps zu bewerfen, wäre es sicher ebenso lohnenswert, das eigene Progressions- und damit auch Monetarisierungssystem mal grundlegend zu überarbeiten.
Vielleicht die Psycho-Tricks zurückschrauben, die täglichen Events für maximalen FOMO drosseln, die einzelnen Matches in sich belohnender machen.
Was Call of Duty wirklich braucht
Gleiches bei Warzone. Laut Activision sorgen Warzone-Runden mit aktiviertem SBMM für eine leicht höhere Retention-Rate (die Leute springen also seltener ab) – doch das hohe SBMM führt auch dazu, dass Warzone-Matches unheimlich schwitzig werden.
Der spaßige Chaosfaktor, der den Modus 2020 unter regulären Spielern so beliebt gemacht hat, rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Und was macht Activision? Klatscht an Warzone einen zusätzlichen Casual-Modus mit Bots dran, statt den eigentlichen Kern des Battle Royale anzufassen.
Genau durch diese Strategie ist Call of Duty über die letzten fünf Jahre zu einem gigantischen Frankenstein-Monster aus Modi, Versatzstücken, Experimenten und Kurzschlussreaktionen geworden, das Warzone-Fans, Ranked-Spieler, Multiplayer-, Zombie- und Singleplayer-Menschen allesamt abholen soll. Wenn Black Ops 7 sich auf die Packung schreibt, das größte CoD aller Zeiten zu sein, dann stimmt das nominell wahrscheinlich sogar, weil du eben all den Kleinkrams addieren kannst.
Unter all diesen oberflächlichen Verschiebungen verbirgt sich aber ein Fundament, das grundlegend überarbeitet werden müsste. Was Call of Duty stattdessen braucht, ist einen starken Kern, der seiner Community klar kommuniziert, was es sein will und was nicht. Dieser Kern wird garantiert nicht allen gefallen, aber er gibt Activision die Chance, die eigene Community wieder aufzubauen und das Vertrauen zurückzugewinnen.
Und: Activision und die CoD-Studios müssen zu dem stehen, was sie versprechen. Wenn sie die Marke zu ihren Stärken zurückführen wollen, dann will ich das nicht nur in den ersten zwei Wochen nach Release als Fassadenanstrich sehen, sondern über die gesamte Lebenszeit des Spiels spüren.
Ich will die Kompromisse sehen, die dafür eingegangen werden – den Verzicht auf Kollaborationen, die vielleicht die Kassen klingeln lassen würden. Der Verzicht auf simple Tricks zur Engagement-Maximierung.
Mit Black Ops 7 haben Treyarch und Co. eigentlich ein richtig cooles Call of Duty auf der Hand. Aber wenn sie so weitermachen wie gerade, dann wird Arc Raiders nicht das letzte Spiel bleiben, das dem Megakonzern den Rang abläuft.
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