Wieso lieben CoD-Fans die schlimmste Modern-Warfare-Map so sehr?

Auf Reddit fordern die Leute seit Monaten für Call of Duty: Modern Warfare immer das Gleiche: mehr Shipment! Dabei ist die Map nach allen Design-Regeln ein Graus. Doch dahinter steckt mehr als die Gier nach Grind.

von Dimitry Halley,
23.04.2020 13:25 Uhr

Call of Duty: Modern Warfare feiert mit seiner problematischsten Map große Erfolge. Call of Duty: Modern Warfare feiert mit seiner problematischsten Map große Erfolge.

Shipment ist eigentlich ein Graus. Zumindest nach diversen Regeln des guten Map-Designs. Call of Duty: Modern Warfare wirft hier zwei Teams in eine winzige Arena - ein kleiner Frachtbereich - und lässt das muntere Ballern beginnen.

In einer schlechten Shipment-Runde werdet ihr locker 50 mal über den Haufen geschossen - und weil es auf so kleinem Raum quasi keinen sicheren Quadratzentimeter gibt, spawnt ihr regelmäßig direkt in den nächsten Kopfschuss hinein. So wird die Map zu einem hektischen Dauertanz aus »Spawnen - drei Schüsse Abgeben - Sterben - Spawnen - gar keinen Schuss abgeben - Sterben«.

Trotzdem lieben Fans Shipment so sehr, dass die Forderung nach noch mehr Shipment auf Reddit mittlerweile ein Running Gag sind. Sobald Entwickler Infinity Ward die kleine Karte aus der Rotation nimmt, hagelt es Kritik. Und selbst wenn es eine eigene Playlist ausschließlich für kleine Maps gibt, steckt den Leuten noch immer nicht genügend Shipment in der Rotation:

Cabin Fever Playlist from r/modernwarfare

Solche Postings erscheinen in den letzten Monaten zuverlässiger als Ebbe und Flut. Aber wie kann das sein? Wieso lieben CoD-Spieler eine winzige Map so sehr, obwohl sie unfair, unbalanced und unspektakulär anmutet? Warum überwiegt nicht der Frust, eine ganze Partie lang von den immer gleichen Trollen mit Feuer-Shotgun aus dem Bild gesprotzt zu werden?

Ist Grind wirklich alles?

Die erstbeste Antwort liegt auf der Hand: Auf Shipment könnt ihr wunderbar grinden. Ihr müsst die Grau 5.56 für euer Battle-Royale-Loadout auf Maximallevel bringen? Spielt halt zehn Runden Shipment und das Problem löst sich von selbst. Denn dass ihr auf der Winz-Map permanent ins Feindfeuer reinspawnt, gilt natürlich auch für die Gegenseite. Nirgendwo sammeln sich Abschüsse leichter als hier.

Auch Challenges lassen sich prima grinden. 10 Kills mit dem Wurfmesser? Dauert im großen Ground War bisweilen eine Ewigkeit - gerade bei ungeübten Spielern. In Shipment sackt ihr die Herausforderung in einer einzigen Partie ein. 50 Kills ohne Aufsätze? Locker. 50 Kills mit fünf Aufsätzen? Ebenso. Dieses Ausnutzen von Shipment als Grind-Spot sorgt in der Community übrigens ebenso für Kritik:

Unpopular opinion: The maps and lack of shipment aren't ruining this game for you, your obsession with grinding camos is. from r/modernwarfare

Doch hinter dem Reiz von Shipment steckt mehr als nur Grind. Das bestätigen viele Fans - aber auch unsere eigenen Erfahrungen.

Shipment platziert sich perfekt

Der Battle-Royale-Modus Warzone hat verschärft, woran Modern Warfare schon seit Release leidet: zu viel Leerlauf im regulären PvP-Multiplayer. Dass ihr auf der großen Warzone-Map nicht an jeder Ecke ein Gegner-Team findet, gehört zum Reiz der Sache - aber umso wichtiger wird rasante Action im klassischen Team Deathmatch und Domination. Und hier lassen die regulären Playlists noch immer zu wünschen übrig.

Aniyah Palace, Akrlov Peak, Azhir Cave - wer nach kleinen 6-vs.-6-Runden sucht, landet bisweilen auf viel zu großen Karten. Und andere Maps wie Piccadilly oder Euphrates Bridge leiden unter Balancing-Problemen, die die Action ebenfalls unterbrechen. Natürlich gibt's mittlerweile auch viele richtig gute Karten, denn Infinity Ward konzentriert sich merklich auf knackige neue Maps. Aniyah Palace erhielt beispielsweise eine verkleinerte Version. Doch Shipment platziert sich in diesem Für und Wider als perfektes Reflextraining für den Battle Royale.

Denn keine Map konzentriert sich so sehr auf reines »Run & Gun«. Hier lernt ihr das Reagieren, das schnelle Zielen, die Wichtigkeit flotter ADS-Zeiten. Hier könnt ihr neue Aufsätze, Waffen, Mauskonfigurationen und Loadouts unmittelbar an echten Gegner austesten, statt euch dauernd ums Drumherum zu kümmern. Selbst Secondary Kills mit der Pistole lassen sich dort prima üben. Shipment ist roh, Shipment ist rau - und deshalb funktioniert sie für viele Fans so gut.

Würde das ganze Spiel aus Karten wie Shipment bestehen, wäre das ein Balancing-Desaster. Denn selbst Fans dürfte es frustrieren, von einem Clan aus Schild- und Shotgun-Trägern auf unfaire Weise das ganze Match lang abrasiert zu werden.

Aber wie beim Karate-Training gilt: Auf dem Weg zur Meisterschaft kann es sehr, sehr nützlich sein, einzelne Techniken komplett isoliert immer und immer wieder zu trainieren. Genau das ermöglicht Shipment als Run-&-Gun-Parcours - schlechtes Balancing hin oder her.

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