Cyberpunk 2077: Gestohlene Alpha-Videos sorgen für Skandal, der keiner ist

Es sind mehrere Alpha-Videos zu Cyberpunk 2077 geleakt - mit haufenweise Bugs. Elena erklärt, warum das absolut nichts mit dem holprigen Release zu tun hat.

von Elena Schulz,
08.06.2021 18:15 Uhr

Zur fetzigen Trailermusik von Cyberpunk 2077 wirbeln Autos durch die Luft, Menschen reiten auf Hotdogs oder Hühnern und Modelle tanzen in T-Pose zu Michael Jacksons Thriller. Kurze Clips, die die Anfangszeit des Open-World-Spiels zeigen und wahrscheinlich den Humor des einen oder anderen QA-Mitarbeiters.

Diese geleakten Alpha-Videos sorgen aktuell für Empörung, beweisen sie für manche doch scheinbar den desaströsen Zustand des Spiels weit vor dem Launch. Denn es sind ja haufenweise Bugs zu sehen - ergo müssen Entwickler und Führungsriege lange Bescheid gewusst und uns hinters Licht geführt haben.

Der Frust der Spieler ist absolut nachvollziehbar. Wer immer noch nicht zocken kann oder gar drauf wartet, dass das Rollenspiel endlich wieder im Playstation Store erhältlich ist, bringt sicher nicht die längste Lunte mit, wenn es um Späße rund um Bugs geht.

Dass die Videos für viele das Fass zum Überlaufen bringen und die Wut der Fans sich nun entlädt, verstehe ich völlig. CD Projekt Red jetzt gerade daraus einen Strick zu drehen, bringt aber niemandem etwas. Denn Fakt ist: Solche Videos sind überhaupt nicht ungewöhnlich und haben nichts mit dem Release-Zustand von Cyberpunk oder der Einstellung der Entwickler zu tun.

Die Autorin:
Elena (@Ellie_Libelle) hat Game Art studiert und kennt sich damit aus, wie Spiele-Entwicklung hinter den Kulissen abläuft. Dass eine Alpha vor Bugs nur so strotzt, ist für sie genauso wenig überraschend, wie Entwickler, die daran auch mal Spaß haben. Cyberpunk 2077 bringt eine turbulente Entwicklungsgeschichte und definitiv genug Baustellen oder Skandale mit - diese Videos gehören aber nicht dazu und sie dazu zu machen, lenkt für Elena von den eigentlichen Problemen ab.

Schlechtes Timing für Bug-Witze

Dröseln wir das Ganze mal auf: Bei einem Hackangriff auf CD Projekt im Februar wurden Daten gestohlen und schon damals ätzten einige Spieler, dass das ja nur die gerechte Strafe sei - eine Einstellung, die Chefredakteur Heiko Klinge absolut nicht nachvollziehen konnte.

Das Diebesgut wurde online versteigert und sollte eigentlich unter Verschluss bleiben. Die Käufer hielten sich aber offenbar nicht an die Bedingungen der Auktion und stellten mit den internen Videos nun erste Inhalte für alle sichtbar ins Netz. Aktuell sind die sogar noch abrufbar und es ist nicht auszuschließen, dass noch deutlich sensiblere gestohlene Inhalte und Daten irgendwo aufschlagen.

Solche humorvolle Bug-Videos sind per se nichts Besonderes. Zu God of War gab es zum Beispiel ebenfalls eines und CD Projekt hat so ein Video auch schon freiwillig veröffentlicht - nämlich als selbstironisches Augenzwinkern bei The Witcher 3, das ebenfalls nicht reibungslos lief zum Launch:

Großer Bug-Report zu The Witcher 3   28     21

Mehr zum Thema

Großer Bug-Report zu The Witcher 3

Bei Cyberpunk 2077 sind die Probleme für einige aber schwerwiegender und den betroffenen Spielern ist sicher noch länger nicht zum Lachen zumute. Ob und wie so ein Video für die Zukunft geplant war, wissen wir nicht. Die lose zusammengeschnittenen Clips bei Reddit waren so aber sicher nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Die besten Bugs aus The Witcher 3 5:43 Die besten Bugs aus The Witcher 3

Nur scheinbar entlarvt

Viele Journalisten und Spieler witterten schnell einen Skandal dahinter und die Vorwürfe überschlugen sich: Manche sahen in den Videos den Beweis dafür, dass die Probleme zum Release absehbar waren und die Studio-Chefs damit gelogen hatten. Andere ärgerten sich über die scheinbar hämischen Entwickler, die sich über die Enttäuschung der Spieler lustig machen.

In Wirklichkeit handelte es sich nur um ein internes Video der QA, wie Entwickler Slava Lukyanenka in einem mittlerweile gelöschten Tweet bestätigte. Besänftigen konnte das aber längst nicht alle aufgebrachten Fans.

Selbst der etablierte Branchen-Insider Jason Schreier deklarierte das Video zunächst als Beweis dafür, dass das Management vom Zustand des Spiels gewusst haben musste - obwohl laut offizieller Entschuldigung viele Probleme erst nach dem Launch auftraten. Später löschte er den Tweet wieder mit der Begründung, dass das Video das nicht belege, er sich dessen aber dennoch sicher sei:

Link zum Twitter-Inhalt

Ob Schreier damit recht hat, sei dahingestellt. Es kann sehr gut sein, dass die Führungsebene Bescheid wusste, aber genauso, dass manche Bugs erst nach dem Release auftraten - ein Phänomen, das wir bei unserem Test selbst erlebt haben. Was mich an der Situation stört, ist wie schnell und uniformiert viele Seiten, Journalisten und Spieler auf den Zug aufspringen und den Entwicklern Betrug vorwerfen.

Warum die Vorwürfe uns allen schaden

Die Videos stammen eindeutig aus einer frühen Entwicklungsphase. Welche und wie viele Bugs zu diesem Zeitpunkt auftraten, sagt nichts über den Launch-Zustand viele Jahre später aus. Das Cyberpunk aus diesen Videos ist in einem so rohen Zustand, dass es so gut wie nichts mit dem aktuellen Spiel und seinen Problemen zu tun hat.

Zumal man zum Teil auch verworfene oder nie wirklich geplante Elemente wie die Third-Person-Perspektive oder ausgetauschte Modelle (Hühner als Autos) sieht, die bewusst eingefügt wurden und damit keine unglücklichen Spielfehler sind.

Genauso wenig lässt sich daraus ableiten, das Entwicklerteam würde das Bug-Fixing nicht ernst nehmen oder die Spieler verspotten. Unabhängig vom Unterhaltungswert solcher Videos ist das Dokumentieren von Bugs durchaus sinnvoll und hilft bei der weiteren Arbeit am Spiel.

So schätzen deutsche Entwickler den problematischen Release von Cyberpunk 2077 ein PLUS 32:47 So schätzen deutsche Entwickler den problematischen Release von Cyberpunk 2077 ein

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich will weder Cyberpunk 2077 schönreden, noch CD Projekt in Schutz nehmen. Wir sollten alle aus dem Launch lernen, wie Kollege Peter bereits feststellte und die realen Probleme ansprechen und kritisieren - nur so ändert sich etwas.

Dem Entwickler nun jede Kleinigkeit anzukreiden und jede winzige Neuigkeit zum Skandal aufzublasen, erreicht aber exakt das Gegenteil. Es verwässert nur die Diskussion um die eigentlich wichtigen Themen wie Arbeitsbedingungen in der Branche, Crunch oder Erwartungshaltungen an große Hype-Spiele wie Cyberpunk und bringt niemanden weiter.

zu den Kommentaren (327)

Kommentare(327)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.