Warum Die Sims für mich die schönsten Geschichten erzählt

Meinung: Ausgerechnet das Spiel der tausend Geschichten schafft es nicht in unsere Top 100 der besten Story-Spiele. Für Natalie bleiben ihre Erlebnisse in der Lebenssimulation aber bis heute unerreicht.

von Natalie Schermann,
01.05.2022 10:15 Uhr

Natalies Sim hat gut lachen. Sie ist schließlich nicht spurlos verschwunden wie Bella Goth! Natalies Sim hat gut lachen. Sie ist schließlich nicht spurlos verschwunden wie Bella Goth!

Es ist eigentlich ein ganz normaler Nachmittag in meiner Nachbarschaft. Ich schreibe an meinem dritten Roman für den Tag. Die Inspiration kam unerwartet, nachdem ich den Teppich in meinem Flur angesehen habe. Im Haus gegenüber betrügt der Ehemann seine Frau mit dem jungen Hausmädchen. Aber irgendwo ist das verständlich. Die Hausherrin ist einfach nicht mehr dieselbe, seit sie vor ein paar Wochen von Aliens entführt wurde. Jetzt lebt sie in meinem Keller. Zusammen mit fünf anderen Bekanntschaften, die ich zu meiner Hausparty eingeladen haben. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, aber plötzlich war einfach die Tür weg … 

Wenn ich an die besten Story-Spiele aller Zeiten denke, dann darf ein Reihe auf keinen Fall fehlen: Die Sims! Denn in keinem anderen Spiel habe ich so viele unterschiedliche und denkwürdige Momente erlebt wie in der Lebenssimulation. Die offizielle Lore gehört für mich bis heute zu den größten Spielegeheimnissen und die kreativen Community-Inhalte sind ein faszinierendes Fass ohne Boden.

Dass es keiner der Sims-Teile in unsere Top 100 geschafft hat, ist fast schon blasphemisch. Aber immerhin ist es nicht der einzige persönliche Liebling, der auf der Liste fehlt.

Natalie Schermann
Natalie Schermann

Natalie hatte als kleines Kind Angst vor dem Cover der Sims-Deluxe-Edition. Das sah nämlich in ihrer Videospielsammlung neben Doom, Serious Sam, Hexen und Tomb Raider so furchtbar erwachsen aus. Nach anfänglichen Schwierigkeiten verliebte sie sich aber Hals über Kopf in die Lebenssimulation. Obwohl sie heute nicht mehr aktiv spielt und EA, der DLC-Politik und der Entwicklung von Sims kritisch gegenübersteht, ist und bleibt die Simulations-Reihe ein wichtiger Bestandteil ihrer Videospielgeschichte. An die tollen Storys erinnert sie sich bis heute gerne.

Die Sims: Meine ganz persönliche Seifenoper

Die Sims hat meine Videospielvergangenheit stark geprägt. Dabei hatte ich zunächst absolut kein Interesse am Spiel. Ich konnte einfach nicht verstehen, was daran Spaß machen könnte, einem Sim beim Kochen oder Schlafen zuzusehen. Nach mehreren gemeinsamen Spielstunden mit meiner Cousine ist der Funke dann endlich übergesprungen und ich bin der Reihe komplett verfallen. 

Und das nicht ohne Grund: Schließlich gab mir das virtuelle Puppenhaus die Möglichkeit, die absurdesten, witzigsten und tragischsten Geschichten zu erzählen. Cheats sprengten die Grenzen des Möglichen und verliehen meinen Melodramen noch mehr Würze. 

Nervige Sims wurden einfach zusammen mit dem Briefkasten voller Rechnungen gelöscht, der Sensenmann wurde zur heißen Affäre und es regnete (motherlode!;!;!;!;) Geld für meine liebste Beschäftigung: das Spukhaus. 

Wer hätte gedacht, dass ein Käsesandwich so gefährlich sein kann. Am Feuer aufgrund mangelnder Kochkünste meiner Sims traf mich nun wirklich keine Schuld. Klar, ich hätte vielleicht Rauchmelder anbringen können ... Wer hätte gedacht, dass ein Käsesandwich so gefährlich sein kann. Am Feuer aufgrund mangelnder Kochkünste meiner Sims traf mich nun wirklich keine Schuld. Klar, ich hätte vielleicht Rauchmelder anbringen können ...

Dafür erschuf ich eine Vielfalt an Familien, suchte ihnen liebevoll Namen aus, stimmte ihre Garderobe auf ihre Persönlichkeit ab, nur um ihnen wenig später die Poolleiter wegzunehmen, sie mit - Cheats sei Dank! - Scheren durchs Haus rennen zu lassen oder sie gemeinsam mit Leuten aus der Nachbarschaft für die Feuershow im Keller einzusperren. 

Hatte ich genug Geister auf meinem Grundstück, ließ ich eine Familie einziehen, deren Geschichte nicht weniger aufregend war. Ich spann Intrigen in der ganzen Nachbarschaft, erkundete geheime Grotten, übte mich in Magie und verfolgte meine Karriere als verrückter Wissenschaftler. Jede Familie und jede Spielsession verlief anders und brachte wieder eigene, erinnerungswürdige Geschichten mit sich.

Wie oft habe ich schon das Haus meiner Eltern oder die Wohnungen nachgebaut, in die ich über die Jahre gezogen bin? Obwohl ich schon vor Jahren aus der Reihe ausgestiegen bin, habe ich auch bei meinem letzten Umzug vor einem Jahr das auf meiner Festplatte verstaubte Sims 4 wieder ausgepackt. Mit Traditionen soll man ja bekanntlich nicht brechen und so wurde meine Wohnung auch diesmal zunächst in der Simulation eingerichtet, bevor es an den Möbelkauf ging. Egal in welcher Lebenslage: Die Sims ist irgendwie immer dabei. 

Es ist ein wenig wie eine außerkörperliche Erfahrung, wenn ich im Home Office an meinem PC im Schlafzimmer sitze und das Bild anschaue, auf dem ich in meiner Wohnung am PC im Schlafzimmer sitze ... brr ... Es ist ein wenig wie eine außerkörperliche Erfahrung, wenn ich im Home Office an meinem PC im Schlafzimmer sitze und das Bild anschaue, auf dem ich in meiner Wohnung am PC im Schlafzimmer sitze ... brr ...

Die Lore von Sims oder »Wo ist Bella Goth?«

Wer die Reihe ganz aufmerksam gespielt hat, dem werden auch die kleinen und unterschwelligen Geschichten aufgefallen sein, die vom Spiel selbst erzählt werden. Die wohl bekannteste und spannendste dreht sich um Familie Goth und das mysteriöse Verschwinden von Bella. 

In Teil 1 lebt Bella Goth zusammen mit ihrem Mann Mortimer und ihrer Tochter Cassandra in einem großen Haus mit Gotik-Stil. Sie scheint eine gute Beziehung zu ihrem Mann zu haben. Bella hat zwar etwas eigenartige Hobbys - sie liebt es zum Beispiel, an Grabsteinen zu weinen - aber sonst deutet nichts darauf hin, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. 

Spannend wird es dann in Die Sims 2. Auch hier können wir die Goth-Familie spielen. Neben Cassandra lebt jetzt noch ein weiteres Kind im Haus: Alexander Goth. Auch Mortimer ist wieder am Start. Doch eine Person fehlt: Bella. Durch die Erinnerungen der Hinterbliebenen finden wir heraus, dass sie von Aliens entführt wurde und seitdem vermisst wird. Während die Kinder unter diesem traumatischen Ereignis leiden, ist Ehemann Mortimer glücklich darüber - und lacht sich recht schnell weiblichen Ersatz an. 

In Die Sims 4 wieder ein Herz und eine Seele: Bella und Mortimer Goth. Doch die Sims-Community interessiert nur eines: Was ist damals mit Bella passiert? In Die Sims 4 wieder ein Herz und eine Seele: Bella und Mortimer Goth. Doch die Sims-Community interessiert nur eines: Was ist damals mit Bella passiert?

Graben wir noch tiefer in den Geheimnissen der Stadteinwohner, so treffen wir auf einen Don Lothario. Durch seine Erinnerungen erfahren wir, dass er wohl der Letzte war, der Bella vor der Entführung gesehen hat. 

Im Netz kursieren unzählige Theorien, eine wilder als die andere, was mit Bella Goth tatsächlich passiert sein könnte. Als Kind habe ich mich wie das vierte Fragezeichen gefühlt, als ich mich durch die Erinnerungen und Habseligkeiten aller Stadtbewohner wühlte und versuchte, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Ist Mortimer Schuld am Verschwinden? Lebt Bella überhaupt noch? Und was hat es mit dem merkwürdigen Doppelgänger in Strangetown auf sich?

Eine Auflösung gab es allerdings bisher nicht. In Die Sims 4 ist Bella plötzlich wieder in ihre Familie zurückgekehrt. Theorien über Zeitschleifen und parallele Dimensionen wurden von den Entwicklern dementiert: Die Sims 4 ist einfach nicht mehr Teil der Geschichte und muss in der Bella-Lore ausgeklammert werden. Teil 5 muss der Sims-Community daher eine wichtige Frage beantworten: Wo zum Teufel ist Bella Goth?!

Eine Community voller kreativer Köpfe

Keine Spiele-Community habe ich als Kind so sehr verfolgt wie die von Sims. Denn wie schon erwähnt erzählt die Lebenssimulation so viele individuelle Geschichten - und diese wollen geteilt werden. Bis heute überraschen mich Sims-Fans mit ihrer Kreativität. 

Zu Sims 2-Zeiten war ich absolut besessen von sogenannten Machinima, also Filmen, die in der Game-Engine von Sims produziert wurden. Von Seifenopern über Fan-Fictions und Musikvideos bis hin zu Horrorfilmen war alles vertreten. Ich selbst habe diese Filmchen nie gedreht, aber unzählige Stunden damit verbracht, sie auf YouTube anzuschauen. 

Hier könnt ihr übrigens die Geschichte von Bella Goth als Sims 4 Machinima genießen:

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Die Kreativität der Community hört hier aber natürlich nicht auf. Das, was EA nicht schafft, wird von talentierten Moddern bereitgestellt. Ob einfach nur modische Kleidung, schicke Einrichtungsgegenstände oder ganze Spielerweiterungen wie Wonderful Whims - mit Mods und CC kann jeder die Simulation nach Wunsch und Laune für seine Bedürfnisse zurechtbiegen

Und können wir uns bitte ein paar Sekunden Zeit nehmen, um das unglaubliche Bautalent von YouTuberin Kate Emerald zu bestaunen? Wie viele andere Sims-Fans teilt sie ihre atemberaubenden Kreationen auf ihrem Kanal und erklärt sogar, wie ihr diese nachbauen könnt. Der hauseigene Folterkeller muss also nicht langweilig aussehen!

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Aber nicht alle YouTuber gehen so ernst an Die Sims heran. Wie jeder Spieler bereits wahrscheinlich aus eigener Erfahrung weiß, lädt Die Sims zu einer Unmenge an Quatsch ein. »Quatsch« ist der zweite Vorname von YouTuber Call me Kevin, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, unterschiedlichste Herausforderungen in Die Sims anzugehen und das Spiel so lange mit absurden Mods vollzustopfen, bis sein PC raucht. 

Hier lässt er seine Sims bei den Squid Games antreten:

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Das alles kratzt nur an der Oberfläche und das Fandom geht noch viel weiter. Sims ist und bleibt für mich einfach das Spiel der tausend Geschichten - und das macht es so besonders. Egal wie ihr Die Sims spielt: mit oder ohne Cheats, mit perfiden Plänen oder mit einem grandiosen Bauplan im Hinterkopf, oder auch einfach nur ganz »normal«. In der Lebenssimulation entstehen unzählige Geschichten und jeder erlebt das Spiel auf seine eigene, einzigartige Art und Weise. 

Ich hoffe sehr, dass ich den Anschluss an die Reihe wiederfinde und EA sich mit Die Sims 5 wieder seinen Fans zuwendet und zu dem zurückkehrt, was die Simulation so fantastisch gemacht hat. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss Die Sims 4 wieder installieren. Ich glaube, da sitzen noch ein paar Nachbarn im Keller …

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