Forza Horizon 5 gibt mir alles, woran andere Spiele 2021 scheitern

Meinung: Eigentlich mag Natalie Rennspiele überhaupt nicht. Überraschenderweise wird aber ausgerechnet Forza zu ihrem Spiel des Jahres.

von Natalie Schermann,
02.01.2022 14:24 Uhr

Ich mag einfach keine Rennspiele. Nun da ich mir das von der Seele geredet habe, lasst mich euch erklären, warum Forza Horizon 5 mein Spiel des Jahres ist. 

Ich denke, ich muss nicht weiter ausführen, warum 2021 kein einfaches Jahr war. Statt aber Ablenkung in Videospielen zu finden und  mich in virtuelle Welten zu flüchten, überkam mich die größte Spielemüdigkeit, die ich je erlebt habe. Keinem Spiel gelang es, mich bis zum Ende zu halten. Kein Spiel verursachte dieses aufgeregte Kribbeln in den Fingern, wenn man den Feierabend kaum noch abwarten kann. 

Auch die paar Releases, auf die ich mich wirklich gefreut hatte, schafften es nicht, mich aus dem Motivationsloch zu hieven. Biomutant hätte mein Wohlfühlspiel werden können, enttäuschte aber auf voller Linie. Das Zeitschleifen-Spiel 12 Minutes erschlug mich seiner stumpfen Trial-and-Error-Mechanik. Little Nightmares 2 wartet weiterhin geduldig auf meinem Pile of Shame, obwohl ich die Veröffentlichung kaum abwarten konnte. Und It Takes Two - ah, das war fantastisch! Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regeln. 

Kurzgesagt: 2021 wusste ich einfach nicht, was ich spielen soll. Alles war mir zu umfangreich, zu komplex, zu storylastig, zu unmotivierend und einfach zu langweilig. Und dann kam Forza Horizon 5 in den Xbox Game Pass und ich dachte mir: »Kann ja nicht schaden, mal reinzuspielen.«

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Die Autorin
Natalie Schermann hat zwar einen Führerschein, aber Auto fährt sie nicht besonders gerne - weder im echten Leben, noch in Videospielen. Die Faszination rund um Rennspiele konnte sie noch nie verstehen. Bei ihrer letzten Begegnung mit Need for Speed: Most Wanted vor etwa 15 Jahren, hielt sie sich brav an die Verkehrsregeln und dachte sich eigene kleine Geschichten aus. Die Rennen? Nebensache und absolut langweilig. Dass 2021 ausgerechnet Forza Horizon 5 ihre Spielemüdigkeit heilt, hätte sie nie gedacht. 

Eine andere Art der Open World

In meiner Vorstellung läuft jedes Rennspiel gleich ab: Du fährst drei Runden und freust dich. Oder eben auch nicht. Dass Forza Horizon 5 eine Open World hat, habe ich natürlich mitbekommen, aber nicht registriert. Ich war also erstmal überrascht, dass ich mich in Mexiko frei bewegen kann. Dann war ich ein zweites Mal überrascht, weil ich mich nicht nur mit Rennen beschäftigen muss!

Besonders angetan haben es mir die Expeditionsfahrten der Kampagne, bei denen ich unterschiedliche Winkel Mexikos bereisen kann. Mal fahre ich durch einen dichten Dschungel, mal erforsche ich einen aktiven Vulkan und mal cruise ich durch eine - passend zum Weihnachtsfest geschmückte -  Innenstadt. Ich fühle mich wie auf einem Roadtrip und kann dabei so richtig abschalten. Endlich verstehe ich die Leute, die in ihr Auto hüpfen, um den Kopf freizubekommen. 

Die Expeditionsfahrten sind für mich ein absolutes Highlight von Forza Horizon 5. Ich sitze zwar brav zuhause, habe aber das Gefühl, dass ich die große weite Welt bereisen kann. Die Expeditionsfahrten sind für mich ein absolutes Highlight von Forza Horizon 5. Ich sitze zwar brav zuhause, habe aber das Gefühl, dass ich die große weite Welt bereisen kann.

Dass ich mich beim Erforschen der Welt mit keiner ernsten Story und wichtigen Entscheidungen herumschlagen muss, hilft der Tiefenentspannung enorm. Versteht mich nicht falsch: Ich bin großer Fan von Geschichten -  je tragischer und verwobener, desto besser. Manchmal tut es aber gut, einfach nur eine Story ohne Tiefgang zu erleben, bei der meine größte Herausforderung die Wahl meiner Karre ist. 

Über das Progressions-System von Forza Horizon 5 lässt sich sicherlich streiten. Objektiv betrachtet ergibt es absolut keinen Sinn, dass man den Meisterschaftspokal gewinnen kann, ohne auch nur ein Rennen gefahren zu haben. Das kritisieren auch Dimi, Micha und Heiko im Podcast:

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Subjektiv betrachtet, ist es für mich aber die coolste Spieldesign-Entscheidung, die Entwickler Playground Games hätte treffen können. Will ich drei Stunden damit verbringen, einfach nur durch Drift-Zonen zu fahren oder mich mit meinen 280 km/h blitzen zu lassen, dann kann ich das problemlos machen. Oder ich spiele Detektiv und suche die gesamte Open World nach Schildern und Scheunenfunden ab. Oder ich fahre einfach nur durch die Gegend und genieße die schönen Landschaften als Ausgleich für den stressigen und monotonen Alltag. 

Forza bestraft mich nicht dafür, dass ich so spiele, wie ich gerade Lust habe. Und genau das sorgt dafür, dass ich unabhängig von meiner Spiellaune immer wieder zu diesem Rennspiel zurückkehre.

»Wow, das hast du aber gut gemacht!«

Wer mag es denn nicht, für seine Leistungen gelobt und belohnt zu werden? Noch schöner ist es, wenn man dafür noch nicht mal groß etwas tun muss. Forza Horizon 5 ist sehr großzügig. Hier werde ich belohnt, wenn ich ein Rennen starte, ein Rennen als Fünfte abschließe, gegen einen Zaun fahre oder einfach nur atme. 

Das ist zwar komplett anspruchslos und total übertrieben, aber es drückt bei mir zum aktuellen Zeitpunkt einfach die richtigen Knöpfe. Wenn ich gerade mal wieder frustriert bin, weil die Situation rund um Ihr-wisst-schon-was nicht besser wird, ist es Balsam für die Seele, wenn Forza mir sagt, wie gut ich doch bremse.

Das Sammeln von Tafeln geht sicher eleganter. Forza sagt aber, dass ich es gut mache! Das Sammeln von Tafeln geht sicher eleganter. Forza sagt aber, dass ich es gut mache!

Zudem motiviert es mich unheimlich, die Grenzen des Möglichen auszutesten. Eine alte Rennspiel-Gewohnheit aus meiner Kindheit ist, dass ich mich an die Straßenverkehrsordnung halte und meinem Auto möglichst wenig Schaden zufüge. Nachdem ich aber gemerkt habe, dass es in Forza Erfahrungspunkte dafür gibt, wenn ich alles umfahre und Saltos beim Fallen schlage, habe ich alle Vorsicht über Bord geworfen. 

Wofür Flensburg im wahren Leben ein neues Treuepunkte-System einführen müsste, gibt's in Forza Horizon 5 auch noch Belohnungen Du willst mit vollem Karacho den Wasserfall runterdriften, während dir Camille Saint-Saëns’ Danse Macabre auf den Ohren dröhnt? Klar, hier hast du noch mehr XP!

Obwohl ich Forza Horizon 5 am liebsten als riesige Sandbox erlebe und einen Haufen Blödsinn anstelle, kann das Spiel aber auch anders.

Und wie cool ist das bitte, dass dich das Spiel mit Namen anspricht - also voll vertont und so! Das hatte ich zuletzt vor 15 Jahren bei den Barbie-Spielen. Und wie cool ist das bitte, dass dich das Spiel mit Namen anspricht - also voll vertont und so! Das hatte ich zuletzt vor 15 Jahren bei den Barbie-Spielen.

Auch für anspruchsvollere Tage

Wenn mich jemand fragt »Was spielst du so, Natalie?«, antworte ich mit einer Liste von Spielen. Denn jeder Titel erfüllt für mich unterschiedliche Bedürfnisse. Hab ich aktuell weniger Lust auf Casual-Beschäftigungen und möchte stattdessen etwas mehr Herausforderung, muss ich Forza Horizon 5 nicht mal beenden. 

Die Schwierigkeit der Rennen lässt sich jederzeit hoch und runterschrauben. Bis ich die Phantom-Fahrer auf der höchsten Stufe schlage, ist es noch ein langer Weg. In der Zwischenzeit arbeite ich an meiner Technik und bewundere die Bremslichter meiner Konkurrenten, wenn sie mich überrunden.

Auch die Festival Playlist bringt mir willkommene Herausforderungen, denn anders als der Rest des Spiels setzt es mir plötzlich Regeln auf. Um eine Aufgabe zu lösen, brauche ich beispielsweise ein ganz bestimmtes Auto. Für eine andere muss ich mich endlich mal mit dem Tuning auseinandersetzen, damit mein Wagen eine bestimmt Geschwindigkeit erreichen kann.

Und dafür habe ich gar nicht so viel Zeit, denn die Events ändern sich jede Woche. So kommt Schwung in die Garage und ich muss mich in meinem Gamingstuhl auch mal etwas aufrechter hinsetzen, um alle saisonalen Herausforderungen zu schaffen.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mich in einem Spiel für Seasons interessieren werde. Die Festival Playlist in Forza Horizon 5 bringt mir aber eine willkommene Abwechslung und etwas mehr Herausforderung. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich in einem Spiel für Seasons interessieren werde. Die Festival Playlist in Forza Horizon 5 bringt mir aber eine willkommene Abwechslung und etwas mehr Herausforderung.

Ist Forza Horizon 5 deshalb das beste Spiel, das ich je gespielt habe? Nein. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich in den nächsten Monaten irgendwann wieder die Lust an Forza verlieren werde.

Aber das Rennspiel hat einfach zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Nerv getroffen und geschafft, woran viele andere Spiele gescheitert sind: Es hat mir die Freude am Spielen wiedergegeben. Manchmal reicht es eben, wenn ein Spiel einfach nur Spiel ist und ich mich so richtig austoben kann. Jetzt kann ich 2022 motiviert beginnen und freue mich auf neue Abenteuer in anderen Spielen. Ein paar Runden in Forza gehen aber natürlich immer!

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