Breath of the Wild ist schuld daran, dass ich andere Open Worlds nicht mehr genießen kann

Meinung: Die Spielwelt von Breath of the Wild ist konkurrenzlos – und deshalb habe ich sie anfangs gehasst. Dann hat sie mich aber für andere Open Worlds verdorben.

von Sören Diedrich,
18.04.2022 13:49 Uhr

Die Open World von Breath of the Wild lässt nach Meinung unseres Autors Sören Diedrich viele andere Open Worlds alt aussehen. Die Open World von Breath of the Wild lässt nach Meinung unseres Autors Sören Diedrich viele andere Open Worlds alt aussehen.

Ich habe The Legend of Zelda: Breath of the Wild gehasst! So, nun ist es raus. Danke für's Lesen dieser Kol...ach, halt. Da steht ja habe, ganz so schnell ist meine Geschichte also nicht zu Ende erzählt. Denn heute liebe ich dieses Spiel abgöttisch und kann seinetwegen andere Open Worlds nicht mehr so genießen, wie ich es gerne würde.

Grenzenloser Hype, aber wieso eigentlich?

Wir schreiben das Jahr 2016. Nach jahrelangem Warten lüftet Nintendo auf der E3 endlich den Schleier und stellt den lechzenden Fans den neuesten Eintrag der The-Legend-of-Zelda-Reihe vor. Ich starre gebannt auf den Monitor, verfolge den mehrstündigen Nintendo-Treehouse-Livestream und bin mir sicher: Dieses Spiel wird eine Offenbarung!

Meine Erwartungshaltung wuchs in den Monaten bis zum Launch in astronomische Höhe. Jeden Tag nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen schaute ich mir den Story-Trailer an, dessen perfektes Zusammenspiel aus cineastischer Inszenierung und epischem Soundtrack mir bis heute eine zum Pellen dicke Gänsehaut beschert:

The Legend of Zelda: Breath of the Wild - Ihr wollt Gänsehaut? Könnt ihr haben! 3:49 The Legend of Zelda: Breath of the Wild - Ihr wollt Gänsehaut? Könnt ihr haben!

Ich programmierte mir sogar ein kleines Desktop-Widget, dass mir mit ein paar Spielereien wie wechselnden Hintergründen und Soundeffekten (etwa ein Hey, Listen!, wenn eine volle Stunde vergangen war) einen Countdown bis zum Release am 3. März 2017 anzeigte.

Der Grund für diesen Irrsinn? Ich liebe die Zelda-Reihe! Kein anderes Franchise - ja, nicht einmal mein heißgeliebtes Der Herr der Ringe Online - liegt mir so sehr am Herzen, hat mir derart viele unvergessliche Erinnerungen beschert und mich so oft zum Weinen gebracht. Ach, Midna, komm bitte zurück!

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Zelda ist für mich mehr als nur eine Sammlung verdammt guter Spiele, es ist ein Lebensinhalt - ihr müsstet mal meine Wohnung sehen! Breath of the Wild war für mich deshalb ein wahrgewordener Traum, der sich jedoch plötzlich zu einem Albtraum entwickelte...

Über den Autor
Sören hat niemals einen N64 besessen (an dieser Stelle bitte eine Portion Mitleid). Deshalb konnte er auf dem Schulhof immer nur missmutig in sein Leberwurstbrot beißen, während sich die anderen Nerds über den Wassertempel, die Gerudo-Wüste oder goldene Skulltulas unterhalten haben. Das änderte sich mit den beiden Gameboy-Spielen Oracle of Seasons und Oracle of Ages: Endlich konnte auch er Links Abenteuer erleben, Herzteile sammeln und Dungeons erkunden. Seitdem hat er sämtliche Einträge der Reihe mehrmals durchgespielt - Rekord: Twilight Princess mit sechs Durchläufen, dicht gefolgt von Majoras Mask mit fünf - und seine halbe Wohnung mit Merchandise aufgewertet. Nur einen N64 hat er immer noch nicht.

Grenzenlose Freiheit, aber wo ist die Story?

Das ist nicht mehr mein Zelda!, brüllte ich meinem Fernseher entgegen, nachdem ich im abgdunkelten Zimmer die erste Stunde mit Breath of the Wild verbracht hatte. Nintendo hatte stets betont, dass man bewusst mit den Konventionen der Zelda-Reihe brechen und neue Wege gehen möchte. Das wusste ich zwar, aber ich hätte nie mit einer derart weitreichenden Abkehr von der liebgewonnenen Gameplay-Formel gerechnet.

Es schien mir damals fast so, als schäme sich Nintendo für die früheren Spiele und wolle um jeden Preis einen Neustart durchziehen. Wo waren die Dungeons? Was ist mit einer halbwegs linearen Hauptstory? Herzteile sammeln? Verschiedene Items ergattern? Pustekuchen! Vom Fehlen dieser Dinge wusste ich zwar im Vorfeld, damit konfrontiert zu werden war aber noch einmal etwas ganz anderes.

Vor allem die Handlung ließ mein Herz weinen, oder besser gesagt: deren Erzählweise. Es stellte sich heraus, dass zwischen den Gänsehaut-Szenen aus dem Trailer (siehe oben) mehrere Stunden Do-it-yourself-Abenteuer in der riesigen Open World lagen, wodurch jegliches Momentum bei der Erzählung wieder im Keim erstickt wird.

Endlich stehe ich in Hyrule. Nur was jetzt? Wo soll ich hin? Wieso ist alles so anders als früher? Endlich stehe ich in Hyrule. Nur was jetzt? Wo soll ich hin? Wieso ist alles so anders als früher?

Und so passierte etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte: Breath of the Wild langweilte mich. In der gigantischen Open World fühlte ich mich verloren und es fehlte der Anreiz, sie auf eigene Faust zu erkunden. Dabei war das Spiel keinesfalls schlecht, das Problem war vielmehr hausgemacht. Meine vorherigen Erwartungen standen mir im Weg.

Für das erstmalige Durchspielen benötigte ich deshalb knapp drei Monate. Drei Monate, in denen ich mich mehrmals zum Weitermachen zwingen musste, weil ich Ganon zumindest ein Mal was auf die Zwölf geben wollte. Danach fasste ich Breath of the Wild lange Zeit nicht mehr an und suchte Trost in meinen geliebten früheren Serienteilen.

Grenzenloser Spaß, aber wo ist die Zeit hin?

Wir springen in der Zeit vor: Es ist das Jahr 2019. Wieder die E3. Nintendo zeigt einen ersten Mini-Teaser zu Breath of the Wild 2. Ich kann nicht sagen, was es ist, aber ich spüre den starken Impuls, dem Vorgänger noch eine Chance zu geben.

Diesmal sind die Vorzeichen ganz andere. Ich weiß, was mich erwartet und wie das Spiel erlebt werden möchte. Gesagt, getan, ich puste den Staub von der Softwarekarte, stecke sie in die Switch und lösche meinen früheren Spielstand, um ganz von vorne zu beginnen.

Im zweiten Anlauf merkte ich: Die Open World von Breath of the Wild sucht ihresgleichen! Im zweiten Anlauf merkte ich: Die Open World von Breath of the Wild sucht ihresgleichen!

Was folgte, war die Offenbarung, auf die ich seit 2016 gewartet hatte. Ich erkannte, dass die Open World von Breath of the Wild keine Kulisse, sondern zentrales Element des Gameplays ist. Es gibt keine unzähligen Fragezeichen auf der Map. Niemand sagt mir, was ich als nächstes zu tun habe. Ich kann mir meine ganz eigene Reise zusammenstellen.

Die abgedroschene Phrase Der Weg ist das Ziel! passt wie die Faust aufs Auge zu diesem Spiel. Egal wohin ich laufe, egal was ich anstelle, ich kann mir sicher sein, dass meine investierte Zeit wie durch Zauberhand mit einem einzigartigen Erlebnis belohnt wird. Alle Systeme in der Spiewelt sind so hervorragend miteinander verzahnt, dass ganz von allein unvergessliche Momente entstehen.

Ich will einfach nur einen Berg hinaufklettern, aber plötzlich fängt es an zu regnen. Ich rutsche ab, kann den Sturz gerade noch so mit meinem Gleiter abfedern. Erste Blitze zucken am Himmel. Mist! Jetzt bricht auch noch die Nacht an und Skelette kriechen aus dem Boden hervor. Absolutes Chaos entsteht, schnell weg! Im gleichen Moment werde ich vom Blitz erschlagen, weil ich in dem Trubel vergessen habe, meinen Eisenschild abzulegen. Ich sitze vor dem Bildschirm und lache lauthals.

Die Kämpfe gegen Leunen setzen mehr Adrenalin in mir frei als jeder Boss in Elden Ring. Eine Gemeinsamkeit der beiden Spiele: Ich sterbe binnen weniger Augenblicke. Die Kämpfe gegen Leunen setzen mehr Adrenalin in mir frei als jeder Boss in Elden Ring. Eine Gemeinsamkeit der beiden Spiele: Ich sterbe binnen weniger Augenblicke.

In fünf Minuten kann ich ein komplettes Abenteuer erleben. Die Welt ist so perfekt gestaltet, dass es sich sogar lohnt, für die Dauer einer Busfahrt durch Hyrule zu latschen. Irgendetwas wird passieren, und zwar einfach nur, indem ich mir selbst ein Ziel setze und loslaufe. Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass man eine Richtung vorgegeben bekommt. Erst dann erschließt sich einem die Faszination von Breath of the Wild.

Heute ist das Spiel in meinem persönlichen Zelda-Ranking auf einen soliden vierten Platz (die Klassiker schlägt es für mich dennoch nicht) vorgerückt. Und es hat mich eiskalt in ein neues Dilemma gestürzt!

Ach, übrigens: Zeitmangel ist ein Dilemma, das viele von uns plagt. Wenn ihr dennoch Lust auf ein Abenteuer habt, müsst ihr nicht verzagen, wir haben da was vorbereitet:

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Grenzenlose Möglichkeiten, aber wo ist die Freiheit?

Meine Zeit mit Breath of the Wild hat bis heute schwerwiegende Auswirkungen. Ich kann kaum noch einen Open-World-Titel so genießen, wie ich es gerne würde. Assassin's Creed Valhalla, Dying Light 2 oder jüngst Horizon: Forbidden West - allesamt vereint in dem Schicksal, dass sie mich schon nach einigen Stunden ermüden, obwohl ich so gerne in ihre optisch und thematisch interessanten Spielwelten abtauchen würde.

Heutige Titel orientieren sich nach wie vor meist an dem einst als Ubisoft-Formel titulierten Regelwerk. Das heißt: Viele Fragezeichen/Symbole auf der Map, irgendeine Art von Kompass/Radar mit unübersehbaren Zielmarkierungen als Wegweiser und eine große Portion Händchenhalten.

Mein Auge wird überfordert: Open Worlds fühlen sich für mich oft noch immer nach Arbeit an. Mein Auge wird überfordert: Open Worlds fühlen sich für mich oft noch immer nach Arbeit an.

Horizon: Forbidden West erschlägt mich kurz nach dem Spielstart bereits mit allerlei Empfehlungen, wie ich meine Lebenszeit verdaddeln kann. Das artet meist in ein auf Effizienz getrimmtes Abarbeiten aus: Hier noch ein Fragezeichen aufdecken, da noch eine Jagd-Herausforderung abschließen und dort schließlich eine Signallinse, ein Kriegstotem oder einen Flugschreiber finden.

Ja, man kann diese Hilfen auch deaktivieren. Spiele wie Horizon oder Assassin's Creed erlauben es mir mittlerweile, viele HUD-Elemente auszublenden und dadurch den Erkundungsaspekt hervorzuheben. Aber das kann mich beim Spielen dennoch nicht über die zugrundeliegende Struktur der Open World hinwegtäuschen. Nur, weil ich die Fragezeichen nicht mehr sehen kann, sind sie noch lange nicht verschwunden. Die Welt möchte noch immer auf eine bestimmte Art und Weise erlebt werden. Wisst ihr, was ich meine?

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Ich möchte auch nicht verneinen, dass Open Worlds mit Ubisoft-Formel trotzdem eine Menge Spaß machen können. Letzten Endes ist es wie so oft Geschmackssache, und die oben genannten Spiele sind natürlich außerordentlich gut und von den Entwicklern mit Herz entworfen worden!

Dennoch ist es Elden Ring, das mich seit langer Zeit endlich wieder hat fesseln können. Weil es bei der Open World die gleiche Richtung einschlägt wie Breath of the Wild: Es geht nicht darum, was dich in dem Schloss am Horizont erwartet, sondern was du auf dem Weg dorthin erlebst. Und dieses Was hängt in großem Maße von der Bereitschaft ab, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, statt nur von Kartenmarkierung zu Kartenmarkierung zu latschen.

Elden Ring bedient sich der gleichen Stärken wie Breath of the Wild: Der Weg ist das Ziel! Elden Ring bedient sich der gleichen Stärken wie Breath of the Wild: Der Weg ist das Ziel!

Ich hoffe sehr, dass sich zukünftige Open-World-Titel verstärkt ein Vorbild an Breath of the Wild nehmen und ihre Spielwelt als Bühne für meine eigenen Entscheidungen verstehen. Sobald ich das Gefühl habe, dass ich permanent Karotten vor die Nase gehalten bekomme, damit ich bloß nicht vom Weg abkomme, beende ich die Hauptstory des Spiels so schnell wie möglich und kehre zurück nach Hyrule.

Apropos Rückkehr: Auf Breath of the Wild 2 muss ich noch ein Weilchen warten. Das Spiel soll nun doch erst 2023 erscheinen. Mehr als genug Zeit, um meine Zelda-Bettwäsche zu wechseln, die Trailer im Standbild-Verfahren zu studieren und mir ein neues Desktop-Widget anzufertigen!

Wenn ihr wissen möchtet, welche Open-World-Spiele noch 2022 erscheinen, haben wir die spannendsten Kandidaten für euch aufgespürt. Ein weiteres Schmankerl erwartet euch in unserem GameStar Podcast. Hier haben sich Micha und Dimi höchstpersönlich vor dem Mikrofon zusammengefunden (ganz ohne Questmarker!), um über die Open World ihrer Träume zu sprechen.

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