»Merkt euch meine Worte!« - SpaceX’s Reaktion auf die Drohung der NASA offenbart, wie das neue Kräfteverhältnis im Weltraum aussieht

Verzögerungen beim Starship sorgen die NASA. Der Druck aus der Politik führt inzwischen zu extremen Ankündigungen. Wir ordnen all das ein.

Orion in der Umlaufbahn vom Mond: Der Weg bis hierhin wird alsbald von Artemis 2 final getestet, doch dann braucht es Hardware für den letzten Schritt hinab – und die wird, Stand heute, fehlen.
(Bildquelle: Terry WhiteSLS und Pixabay, AdisResic) Orion in der Umlaufbahn vom Mond: Der Weg bis hierhin wird alsbald von Artemis 2 final getestet, doch dann braucht es Hardware für den letzten Schritt hinab – und die wird, Stand heute, fehlen. (Bildquelle: Terry White/SLS und Pixabay, AdisResic)

Es sollte eine triumphale Rückkehr mit anschließendem Verbleib werden: Die NASA reist mit der Artemis-Mission zum Mond. Doch jetzt räumt die Raumfahrtbehörde der USA ein, dass vielleicht alles anders kommt.

Es ist ein milliardenschweres Dilemma, vor dem die derzeit auf dem Papier führungslose Behörde steht, denn der politische Druck wächst, während langgehegte Pläne zu scheitern drohen. Dabei gibt es Angebote aus altbekannter Richtung, um die Abhängigkeit von SpaceX zu beenden.

Was derzeit in den USA entbrennt, gleicht einem Thriller, bei dem weit mehr auf dem Spiel steht als nur eine pünktliche Mondlandung vor den Chinesen.

Video starten 1:09 Wo lagert die NASA eigentlich Mondsteine? Eine Expertin erklärt es

Muss sich SpaceX vom Traum Mondlandung verabschieden?

April 2021, die NASA stellt eine entscheidende Weiche, die alles ins Wanken bringen sollte: SpaceX erhält den Zuschlag, einen Vertrag zur Entwicklung des Human Landing Systems (HLS). Ein umgebautes Starship soll 2027 den Abstieg zum Mond wagen, nachdem SLS und Orion die Crew bis in dessen Umlaufbahn gebracht haben.

Die NASA steht nach Berichten von Arstechnica nun aber vor einer folgenschweren Entscheidung: Interne Analysen haben trotz des bevorstehenden Fluges von Artemis 2 die Hoffnungslosigkeit des Unterfangens festgestellt. Mit der Mondladung 2027 im Zuge von Artemis 3 wird es nichts, der Grund: das HLS von SpaceX wird nicht rechtzeitig einsatzbereit sein.

Denn obschon SpaceX nach monatelangen Querelen inzwischen wieder auf Kurs ist und das Starship Fortschritte macht – wenn auch auf Kosten seiner Schöpfer – steckt das HLS als eine Variante davon noch nicht mal in den Kinderschuhen. Es wartet eher noch auf seine Zeugung.

Denn auch wenn das Starship technologisch die Konkurrenz überragt und erste – dereinst als unüberwindbar geltende – Hürden genommen hat, fehlt bis zum HLS noch sehr viel, zum Beispiel: Betankung im Orbit, Erprobung von Landemanövern ohne Atmosphäre, und so weiter.

Blue Origin erhielt ebenfalls einen Vertrag für einen Lander, der aber erst ab frühestens 2030 zur Verfügung stehen wird. Sie hätten aber vielleicht eine Option B, dazu gleich mehr.

Was hat die NASA also vor?

Der kommissarische NASA-Administrator Sean Duffy droht SpaceX nun implizit damit, den bestehenden Vertrag für die Konkurrenz zu öffnen. Geschieht dies, bräuchte die NASA zusätzliche Mittel, um abseits von SpaceX und Blue Origin einen dritten Anbieter zu engagieren, um einen Mond-Lander zu konstruieren.

Das Ziel im Visier: SLS und Orion sollen die Crew von Artemis 3 zum Mond bringen. Dort muss aber eine Landefähre zum Einsatz kommen, nur wer baut sie?
(Bildquelle: NASABen Smegelsky) Das Ziel im Visier: SLS und Orion sollen die Crew von Artemis 3 zum Mond bringen. Dort muss aber eine Landefähre zum Einsatz kommen, nur wer baut sie? (Bildquelle: NASA/Ben Smegelsky)

Lockheed Martin wäre solch ein Kandidat, der sich auch schon zu Wort gemeldet hat:

Wir stünden bereit, wenn uns die NASA braucht. Lockheed Martin hat in diesem Jahr umfangreiche technische und programmatische Analysen für bemannte Mondlandefähren durchgeführt, die der NASA Optionen für eine sichere Lösung für die schnellstmögliche Rückkehr von Menschen zum Mond bieten sollen.

Bob Behnken, Vize-Präsident der Erkundung- und Technologie-Strategie bei Lockheed Martin Space

Das Problem an diesen Verträgen mit den in vergangenen Jahrzehnten gewachsenen Giganten wie Lockheed Martin oder Boeing bliebe nur das gleiche wie eh und je: Es würde sich wahrscheinlich um sogenannte Kosten-Plus-Abkommen handel.

Vereinfacht fallen hier Verzögerungen nicht zulasten des Auftragnehmers, sondern des Auftraggebers. Das ist einer der Gründe, weshalb Programme wie das Space Launch System (SLS) kostenmäßig derart ausufern.

Wenig überraschend würde Lockheed deshalb laut NASA-Analysen einen Preis von 20 bis 30 Milliarden US-Dollar aufrufen. SpaceX bekommt für seine Variante vom SLS gerade mal drei Milliarden US-Dollar.

SpaceX komplett herauszukegeln könnte sich die NASA kaum leisten – weder juristisch noch technologisch, geschweige denn langfristig strategisch. Einzig etwas Salz in die Suppe streuen, das liegt in ihrer Macht. Die Landung auf dem Mond als erste nach Apollo 17 dürfte ein historischer Meilenstein sein, den sich SpaceX und Elon Musk sicher währten.

Wer sich jetzt wundert: Weshalb nimmt die NASA nicht einfach das Vehikel von Blue Origin? Die Ziele sind komplett andere und der Zeitplan von Blue Origin zielt auf das Jahr 2030 und danach ab.

Zudem bestach Blue Origin zuletzt nicht gerade mit Eile bei der Umsetzung von Zielen. Allerdings hätte der Konzern von Amazon-Gründer Jeff Bezos einen Trumpf in der Hinterhand: den Mk1-Frachtlander. Er wäre eventuell innerhalb von zwei bis drei Jahren modifizierbar.

Für das 2030er-Raumschiff überweist die NASA insgesamt etwa 3,4 Milliarden US-Dollar.

Hintergrund für Duffys aggressive Vorgehen dürfte auch sein Kampf um Trumps Gunst sein, schätzen Experten. Denn sein eigentlicher Job ist der des Verkehrsministers der USA. Seit der Ausbootung von Jared Isaacman durch den US-Präsidenten steht die NASA offiziell ohne Führung dar.

Und wer auch immer den Job langfristig bekommt, seine oberste Aufgabe wird die Mondladung bis Ende von Trumps zweiter Amtszeit sein, Januar 2029.

Elon Musks Reaktion lässt nicht lange auf sich warten...

SpaceX-Gründer Elon Musk hat auf die Ansage Duffys rasch und scharf reagiert. Auf X (früher Twitter) schrieb er:

SpaceX ist im Vergleich zum Rest der Raumfahrtindustrie blitzschnell unterwegs. Letztendlich wird Starship die gesamte Mondmission [alleine] durchführen. Merkt euch meine Worte!

Damit trifft der reichste Mensch der Welt eine offene Flanke der NASA: Das SLS zählt als Wegwerf-Rakete zu einer aussterbenden Art. Kaum jemand zweifelt heutzutage daran, dass die Zukunft in der Wiederverwendbarkeit liegt - wie sie Falcon 9 und das Starship von SpaceX demonstrieren.

Meinung der Redaktion (Gerald Weßel)

Endlich zeigt die NASA Stärke und haut auf den Tisch! Das könnte der geneigte Raumfahrt-Enthusiast jetzt denken. Doch da muss ich widersprechen, denn der Drops ist schon lange gelutscht: SpaceX hat die NASA, wie wir sie kennen, bereits beerdigt.

Selbst wenn die NASA jetzt SpaceX einen Konkurrenten vor die Nase setzt, führt in Zukunft wohl kein Weg an Elon Musks Unternehmen vorbei. Dessen Dominanz im Weltall – alleine schon durch Starlink – muss 2025 bereits als erdrückend gelten.

Sobald das Starship einsatzbereit ist, manifestiert sich ein höchstens durch Blue Origin einholbarer Vorsprung, um den die NASA nicht herumkommen wird. Und was wäre denn überhaupt auch nur theoretisch die Alternative?

Das geradezu absurde Dilemma findet sich schließlich in der dreifachen Abhängigkeit der NASA: US-Regierung, SpaceX/Blue Origin und die alte Avantgarde der Rüstung/Raumfahrt halten alle Zügel und Peitschen zugleich in der Hand – selbst wenn letztere teils bei lang geplanten Manövern wiederholt versagen. Die NASA braucht die Konzerne, andersherum muss das zusehends als zweifelhaft gelten.

Egal, ob sie nun weiter voll auf SpaceX setzt und auf Blue Origin für die 2030er als Ergänzung wartet, oder nun doch zusätzlich die beim Lander aus gutem Grund vom Hof gejagten Riesen wieder ins Boot holt, sie bleibt bloß ein scheinbar mächtiger Bittsteller. Das zeigte sich schon vor zehn Jahren:

Die Kommerzialisierung des Orbits findet längst statt – und die des Mondes ist unausweichlich. Die NASA ist dabei ein Werkzeug, kein Akteur, der mit quasi unbegrenzten Mitteln wie in den 1960ern einem Ziel entgegenstrebt.

Ging es damals um die Geschichtsbücher, steht heute leider mehr auf dem Spiel: militärische, wirtschaftliche sowie technologische Vorherrschaft. Die Karten hierfür halten heute die Konzerne in der Hand.

Wie auch schon bei meiner düsteren Prognose für 2025, die an mancher Stelle sogar noch unterboten wurde, könnt ihr euch sicher sein, dass ich kein Freund dieser Entwicklung bin. Ich würde mir wünschen, dass NASA und ESA zusammen eine geeinte Front bilden, um Wissenschaft und friedliche Nutzung des Weltraums voranzubringen.

Ich würde es sogar feiern, wenn Elon Musk und Jeff Bezos keine Kontrolle über wahrscheinlich überlebenswichtige Infrastruktur der Menschheit erlangen würden.

Doch eines muss ich zugestehen: SpaceX und Blue Origin als Partner auszuwählen, war die einzig logische Entscheidung aus Sicht der NASA. Daran ändert auch lautstarker Aktionismus wie der von Sean Duffy nichts.

zu den Kommentaren (58)

Kommentare(56)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.