Zehn Jahre nach dem letzten Hobbit-Teil läuft mit Schlacht der Rohirrim
aktuell wieder ein Spielfilm aus dem Tolkien-Universum in den Kinos. Der Film rund um die Abenteuer der Königstochter Hera Hammerhand und ihren berühmten Vater Helm will sich als Vorgeschichte zum Herrn der Ringe präsentieren - überzeugt dabei aber nur bedingt.
Zwar sind Soundtrack und Mittelerde-Atmosphäre perfekt, die Handlung enttäuscht jedoch über weite Strecken durch Ideenlosigkeit. Warum, das erfahrt ihr in unserer spoilerfreien Filmkritik.
Für unseren Autor Jesko ist das allerdings nicht das größte Problem des Films. Denn um die Figur der Hera aufzubauen, setzt sich der Film über den bestehenden Tolkien-Lore hinweg. Die große Schildmaid Hera ist eine Schöpfung der Filmemacher. Dadurch werfen sie allerdings die Frage auf, was nach dem Film mit dieser Figur geschieht.
Und auf diese Frage liefert Die Schlacht der Rohirrim
schlicht keine Antwort.
Neue Hera, neues Glück
Im Vorfeld des Kinostarts von Schlacht der Rohirrim
war an einigen Stellen des Internets zu lesen, Hera Hammerhand sei eine reine Erfindung der Filmemacher. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit.
Denn auch bei Tolkien hat König Helm Hammerhand eine Tochter. Und wie auch im Film liefert sie, oder besser gesagt das Werben des Dunländers Wulf um ihre Hand, den Anlass zu einem blutigen Krieg zwischen Rohan und Dunland, in dessen Verlauf auch Helms Söhne Haleth und Háma den Tod finden.
Die Schlacht der Rohirrim
setzt bei dieser bei Tolkien noch namenlosen Tochter von Helm an und baut ihre Rolle aus. Regisseur Kenji Kamiyama verriet uns im Interview, das Team habe sich für diese Figur als Protagonistin entschieden, da sie fanden, dass sie die Fantasie beflügelt und man Helms Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen wollte. Vom Filmteam stammt auch der Name Hera.
Für den Film wurden dann einige Details aus dem Tolkien-Lore umgeschrieben. So stirbt Helms Sohn Háma im Buch deutlich später und Dunländer-Fürst Wulf wird bei Tolkien von Helms Neffen Fréaláf erschlagen, statt von Hera. Für den Film wollten die Macher ihr jedoch Raum für Heldentaten geben und sie zu einer großen Anführerin ihres Volkes stilisieren.
Wo liegt das Problem?
Grundsätzlich habe ich mit einer Umdeutung und auch dem Umschreiben von etablierten Buchvorlagen kein Problem. Wenn das Endprodukt stimmig ist, sind mir solche Änderungen egal. Selbst der große Peter Jackson hat sich bei seiner für Fans als heilig geltenden Interpretation des Herrn der Ringe schließlich einige kreative Freiheiten genommen. Über Haarspaltereien wie die Todesart und den Todeszeitpunkt von fiktiven Figuren will ich hier also gar nicht diskutieren.
Die Schlacht der Rohirrim
ist allerdings kein Herr der Ringe, auch wenn der Film das gerne wäre. Denn der Film wirft mit seiner freien Interpretation der Buchvorlage mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Wenn Hera also eine legendäre Heldin von Rohan sein soll, warum haben wir dann noch nie etwas von ihr gehört?
Zugegeben, dieses Problem hat nahezu jedes Prequel. Die Schlacht der Rohirrim
lässt allerdings eingangs durchaus erwarten, dass er eine befriedigende Antwort auf die entstandene Lore-Lücke präsentiert. Der Film thematisiert das Problem sogar: Doch die Geschichte von Hera werdet ihr in keiner Chronik von Mittelerde niedergeschrieben finden
, säuselt uns die Synchronstimme von Eowyn gleich zu Beginn ins Ohr - und packt mich als Zuschauer mit dieser Prämisse. Denn ich will ja schließlich den Grund dafür erfahren, weshalb Hera im Reich der Legenden verschollen ist.
2:38
Herr der Ringe: Im Trailer zu War of the Rohirrim erfahrt ihr, wie es zum namensgebenden Krieg kommt
Viele Fragen, keine Antwort
Allerdings wird diese Frage im Film überhaupt nicht beantwortet. Entgegen der Buchvorlage besiegt Hera im Film die bösen Dunländer und stellt damit Recht und Ordnung in Rohan wieder her. Und damit lässt sie mich als Zuschauer mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf zurück, denn Heras Geschichte findet keinen Abschluss.
Statt sie am Ende sterben zu lassen (wie mein Kollege Sören beim ersten Ansehen des Films vermutet hat) und damit eine Art Schlussstrich unter die Rolle der Hera zu setzen, befördern die Filmemacher die ursprünglich namenlose Randfigur zur Heldin. Obendrein reitet sie dann sogar zusammen mit Zauberer Gandalf weiteren großen Abenteuern entgegen; darauf deutet zumindest das Finale hin.
Eigentlich müsste Hera doch folglich eine Legende sein, würdig in den Liedern Rohans besungen zu werden. Hätte ihr Volk sie nach solchen Heldentaten nicht womöglich gar zur Königin krönen müssen?
Doch der Film bleibt uns die Erklärung schuldig, was nach der finalen Schlacht mit Hera passiert und öffnet damit den Raum für neue Lore-Komplikationen. Dass die Macher hier nicht den Mut aufgebracht haben, eine schlüssige Erklärung zu präsentieren, frustriert mich als Herr-der-Ringe-Fan.
Doch auch unabhängig von Heras Schicksal hapert es im neuen Herr-der-Ringe-Anime erzählerisch. Die Geschichte kann sich über weite Strecken nicht von Peter Jacksons Filmen lösen und liefert in vielen Punkten eine Nacherzählung von Die zwei Türme
. Selbst einige Szenen wurden 1 zu 1 übernommen.
Statt Hera wie ihrem offensichtlichen Vorbild Eowyn im Herrn der Ringe eine echte Charakterentwicklung zu geben, schustern sich die Macher hier eine unrealistische Heldenikone zurecht, die alle Fähigkeiten zur Rettung von Mittelerde bereits von Anfang an besitzt. Das Problem mit Schlacht der Rohirrim
ist folglich nicht, dass der Film versucht, die Geschichte einer Frau zu erzählen, die sich erfolgreich gegen Vorurteile in einer von Männern dominierten Welt wehrt und ihren Träumen folgt.
Das Problem ist, dass er sich nicht traut, diese Geschichte auch konsequent zu erzählen. Mit Mut zur Charakterentwicklung, eigenen erzählerischen Ideen oder womöglich gar dem Tod der eigenen Hauptfigur. Denn dem hat Hera mit dem traditionellen Schlachtruf Rohans - TOOOOOD!
- im Film ja ohnehin schon die Treue geschworen.
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