Six Days in Fallujah: Publisher des kontroversen Irak-Shooters rudert zurück

Der neue Publisher des viel kritisierten Irak-Shooters Six Days in Fallujah gesteht Fehler ein und erklärt, wie das heikle Thema aufgearbeitet werden soll.

von Christian Just,
12.03.2021 18:06 Uhr

Six Days in Fallujah erntet viel Gegenwind. Der Publisher äußert sich nun erneut. Six Days in Fallujah erntet viel Gegenwind. Der Publisher äußert sich nun erneut.

Der Irak-Shooter Six Days in Fallujah hat bereits eine bewegte Geschichte hinter sich: Wie wir im Plus-Report aufgearbeitet haben, zog sich der damalige Publisher Konami bereits 2009 zurück, nachdem aus der amerikanischen Öffentlichkeit viel Kritik kam. Im Februar 2021 kündigte der Kopf hinter Six Days of Fallujah an, dass der Shooter nun doch erscheinen soll - unter dem neuen Publisher Victura und vom Studio Highwire Games überarbeitet.

Die Kritik flammte erneut auf: Viele sehen in dem Irak-Shooter, der neben Spiel auch eine Dokumentation sein möchte, die Gefahr, die Ereignisse einer der blutigsten Schlachten der jüngeren Geschichte samt Kriegsverbrechen könnten einseitig aus Sicht amerikanischer Soldaten - und damit letztlich verfälschend - dargestellt werden.

In einem Interview mit PCGamesN äußerte sich jetzt der Kopf hinter Six Days in Fallujah, Victura-Chef Peter Tamte, ausführlich zu den Vorwürfen. Und er gesteht ein, dass Fehler gemacht wurden.

Auch andere Seiten sollen zu Wort kommen

In einer Stellungnahme auf Twitter erklärte Publisher Victura, dass man zum einen anerkenne, dass die Ereignisse im Spiel »untrennbar mit Politik verbunden« sind. Dennoch sei man bemüht, den eigenen politischen Kommentar auszublenden und stattdessen die Berichte der Beteiligten ins Licht zu rücken.

Link zum Twitter-Inhalt

So sollen zahlreiche an der Schlacht von Falludscha beteiligte Personen im Spiel ihre Sicht der Dinge darlegen. Neben »Dutzenden« US-Soldaten sollen »26 irakische Zivilisten« ihre Erlebnisse »in eigenen Worten« wiedergeben. Six Days in Fallujah setzt neben den Shooter-Szenen auf Zwischensequenzen, in denen Personen im Stil von Dokumentationen ihre Erlebnisse und Ansichten beschreiben.

"Die Geschichten in Six Days in Fallujah werden durch Spiel- und Dokumentarfilmmaterial erzählt, in dem Militärangehörige und Zivilisten mit unterschiedlichen Erfahrungen und Meinungen über den Irakkrieg zu Wort kommen. [...] Die Iraker, mit denen wir für das Spiel gesprochen haben, sind liebenswürdige, herzliche Menschen, deren Leben durch zwei Jahrzehnte Krieg auf den Kopf gestellt wurden. Ich hoffe, dass die Spieler unsere Bereitschaft sehen werden, auch schwierige Themen anzusprechen und irakische Perspektiven im Spiel zu präsentieren."

Rund um die erste Ankündigung des Spiels wurde die Kritik laut, das Spiel könne die Schlacht in ein verklärtes, pro-amerikanisches Licht rücken und die Perspektive von anderen Beteiligten sowie Kriegsgräuel ausblenden. Auch letzterer Punkt soll in der überabeiteten Version des Spiels adressiert werden.

Kriegsverbrechen sollen Erwähnung finden

Rund um die reale Schlacht von Falludscha kamen Berichte über von US-Soldaten verübte Kriegsverbrechen an die Öffentlichkeit. Unter anderem kursierte ein Video, in dem ein Soldat einen Zivilisten erschoss. Auch soll männlichen Zivilisten der Rückzug aus der umkämpften Stadt verweigert worden sein.

Umstrittener ist der Einsatz von Waffen mit Weißem Phosphor, die während der Schlacht von US-Streitkräften genutzt wurden und zu Toten und Verletzten unter der Zivilbevölkerung führten. Phosphorbomben erzeugen einen an der Luft brennenden Rauch, der schwere Verletzungen und Vergiftungen nach sich zieht. Die USA hatten das entsprechende Zusatzabkommen zum Genfer Abkommen, das den Einsatz solcher Waffen als »unterschiedlose Angriffe« verbietet, nicht unterzeichnet. Dennoch sehen viele Länder den Einsatz von Weißem Phosphor als problematisch an.

In Six Days of Fallujah soll der Einsatz der Waffen zwar nicht gezeigt, aber besprochen werden. So erleben Spieler nicht wie etwa in Call of Duty: Modern Warfare die Auswirkungen der Waffe, stattdessen soll das Spiel das Thema aber zumindest im Rahmen der Zwischensequenzen im Dokustil wiedergeben.

Eigenkritik an der Vermarktung

Im neuen Trailer zu Six Days in Fallujah kann der Eindruck entstehen, dass das Spiel eine einseitige Geschichte von US-Soldaten erzählt und viele wichtige Aspekte ausklammert. Die irakische Zivilbevölkerung scheint keine für die Handlung wichtige Rolle einzunehmen:

Six Days in Fallujah: Trailer kündigt überraschend Rückkehr des kontroversen Militär-Shooters an 3:05 Six Days in Fallujah: Trailer kündigt überraschend Rückkehr des kontroversen Militär-Shooters an

"Da hätten wir einen besseren Job machen können. Die ersten drei Stimmen in unserem Ankündigungstrailer sind alle Iraker. Und, was wichtig ist, sie beschreiben, wie die Entscheidung der US-Politiker, die irakische Armee aufzulösen, die Bedingungen geschaffen hat, die zum Wachstum von al-Qaida im Irak führten. Und das ist eine Perspektive, die viele Iraker mit uns teilen."

Nach bisherigem Material zu urteilen fehlt allerdings weiterhin der Kontext, in welchem der zweite Irakkrieg überhaupt begann. Die US-Regierung hatte damals behauptet, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, die aber anschließend nie gefunden wurden. Kritiker befürchten, dass das Auslassen solcher Informationen besonders bei jüngeren Spielern verhindern könnte, die Inhalte des Spiels richtig einzuordnen.

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