Six Days in Fallujah im Test: Der Skandal-Shooter hat mehr Probleme als nur seine Kriegs-Propaganda

14 Jahre später als geplant erscheint mit Six Days in Fallujah ein Militär-Shooter, der einerseits ultrarealistisch sein will, andererseits aber die Geschichte beschönigt. Im Test ziehen wir ein Fazit zum Early Access.

Für den Test von Six Days in Fallujah muss man die Hintergründe verstehen Für den Test von Six Days in Fallujah muss man die Hintergründe verstehen

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Six Days in Fallujah - in der Videospielbranche ist das ein berühmter Name. Oder vielmehr ein berüchtigter, denn das Spiel, das die zweite Schlacht um die irakische Stadt Falludscha aus einer Art dokumentarischer Sicht darstellen wollte, sollte ursprünglich schon im Jahr 2009 erscheinen.

Das passierte aber nie, denn zwischen seiner offiziellen Ankündigung und der noch offizielleren Abkehr vom Projekt seitens des Publishers Konami lagen gerade mal drei Wochen, was eine Art Rekord sein dürfte. Wenn ihr wissen möchtet, was da genau geschehen ist, dann solltet ihr euch diesen Artikel aus dem Jahr 2021 zu Gemüte führen, in dem Kollege Dom Schott die turbulente Entwicklung des ursprünglichen Six Days in Fallujah präzise umrissen hat.

Gameplay: In Six Days in Fallujah wird ein Gebäude taktisch gestürmt Video starten 2:21 Gameplay: In Six Days in Fallujah wird ein Gebäude taktisch gestürmt

Und eigentlich war es danach komplett tot: Konami hatte kein Interesse mehr daran, das ursprüngliche Entwicklungsstudio Atomic Games wurde 2011 dicht gemacht, jahrelang war der Name nur noch Mittelpunkt von Anekdoten. Und dann, im Februar 2021, tauchte es plötzlich wieder auf den Radaren dieser Welt auf: Mit sehr ähnlicher Prämisse, ähnlichen Entwicklern (jetzt unter dem Namen »Highwire Games«), und seit dem 22. Juni 2023 im Early Access auf Steam erhältlich.

Grund genug für uns, um Six Days in Fallujah im Test auf den Zahn zu fühlen: Ist der Shooter nach all der Zeit und all den Diskussionen einen Kauf wert?

Passt zu euch, wenn ...
  • ... ihr dem Militär applaudiert.
  • ... ihr eure Shooter möglichst realitätsnah haben wollt.
  • ... ihr ein sehr, sehr, sehr dickes Frustfell habt.
Passt nicht zu euch, wenn ...
  • ... ihr einen klassischen Shooter erwartet.
  • ... ihr möglichst viel Umfang für euer Geld wollt.
  • ... ihr schnelle Erfolgserlebnisse braucht.

Wer oder was ist Falludscha?

Worum geht es in diesem Spiel, das Konami damals schneller fallen gelassen hat als einen bissigen Aal? Habt ihr die knapp 40 Euro für den Zugang zum Early Access auf den virtuellen Ladentisch geblättert, erwartet euch ein mehr als drei Minuten langes Intro, das wie eine leicht marktschreierische Sendung von Fox News über den islamistischen Terrorismus und die Bedeutung der Stadt Falludscha informiert.

Falls ihr irakische Geografie zufällig abgewählt haben solltet: Falludscha war einst eine eher normale Großstadt in Irak. Das US-Militär hatte dort seit dem zweiten Golfkrieg (bei dem die Zivilbevölkerung der Stadt erheblich dezimiert wurde) einen Stützpunkt, außerdem befand sich das berüchtigte Gefängnis Abu Ghuraib ganz in der Nähe, auf halbem Weg in Richtung Bagdad.

Paul Kautz
Paul Kautz

Ich erinnere mich noch gut an einen US-Urlaub im Jahr 2008: Während meine Frau und ich gerade von der Grenzkontrolle zu unseren Absichten im Land befragt wurden und möglichst unterroristisch in die Begrüßungskameras grinsten, brandete neben uns, an den zahlenmäßig deutlich gewinnenden Schaltern für einreisende US-Bürger, auf einmal gigantischer Applaus auf. Dort zog gerade ein Trupp Soldaten vorbei, vermutlich nach einem Einsatz auf dem Weg nach Hause. Es waren Dutzende, vielleicht mehr als Hundert, der Strom tarnfarbener Menschen blieb mehrere Minuten lang ununterbrochen - genauso wie der Applaus, das Gejohle, der Enthusiasmus und die lautstarken »Thank you for your service!«-Bekundungen der Umstehenden. Ich persönlich werde diese Art von Heldenverehrung nie verstehen, das Konzept des Militärs ist mir höchst zuwider - aber es ist sehr wichtig, diese Denke zu kennen, wenn man es mit Spielen wie Six Days in Fallujah zu tun bekommt, die von Amerikanern entwickelt werden.

Nicht zuletzt durch die dort entstandenen Missbrauchs- und Folter-Skandale mussten sich die US-Streitkräfte zurückziehen, was sich irakische Rebellen unter der Führung von Abu Musab Al-Zarqawi sehr schnell zunutze machten und Falludscha ratzfatz unter ihre Schreckensherrschaft brachten - selbst die irakische Nationalgarde wurde in Nullkommanichts aus der Stadt vertrieben, wodurch sie schnell zum sicheren Hafen und zentralen Stützpunkt der Rebellen wurde.

Die Levelgestaltung ist bedrückend realistisch gehalten. Die Levelgestaltung ist bedrückend realistisch gehalten.

Im April 2004 kam es dann zur ersten Belagerung und Bombardierung der Stadt, worunter, wie üblich, vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hatte. In der zweiten Offensive (»Operation Phantom Fury«, November 2004) und schlussendlichen Eroberung der Stadt durch amerikanische, britische und irakische Streitkräfte, auf der dann auch das Spiel basiert, wurde die Stadt wieder tagelang unter anderem mit Phosphorbomben beworfen.

Dadurch wurde Falludscha letzten Endes in eine Sammlung mehr oder weniger großer Steinbrocken verwandelt. Die Stadt wurde zwar de facto befreit und mehr als 1.000 Rebellen wurden getötet - aber Falludscha ist bis heute nicht befriedet, war zwischenzeitlich fest in der Hand des IS und gilt mittlerweile als ein weiteres von vielen Beispielen gescheiterter US-Kriegseinsätze.

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