Spielen wir Assassin's Creed seit Jahren zu lasch? Faszination Hardcore-Parkour

Parkour ist in Assassin's Creed mittlerweile unwichtig. Doch es gibt eine Hardcore-Community, die die Open-World-Serie seit Jahren auf sehr eigene Weise spielt.

von Dimitry Halley,
17.08.2020 14:30 Uhr

Ausgerechnet das erste Assassin's Creed ist nach Enthusiastenmeinung bis heute König. Ausgerechnet das erste Assassin's Creed ist nach Enthusiastenmeinung bis heute König.

Assassin's Creed schert sich nicht mehr um Parkour. Und viele Fans da draußen offenkundig auch nicht. Immer wenn ich im GameStar Podcast oder im Test zu Assassin's Creed: Odyssey oder dem zu Origins davon schwärme, wie viel besser das flotte Über-die-Dächer-Hopsen in früheren Serienteilen war, höre ich da draußen bloß Grillenzirpen. Wen schert's? Assassin's Creed hat sich eben weiterentwickelt. Jetzt donnern wir mit Schiffen durch die Ägäis, erobern als Wikinger Festungen, reiten Pferde mit Einhorn-Skins durch die Landschaft.

Und ja, passt schon. Ich gehöre überhaupt nicht zu den Leuten, die sich ewig gestrig an die Vergangenheit klammern. Serien dürfen und müssen sich weiterentwickeln. Aber kann Parkour nicht ein Teil davon sein?

Mehr noch als die versteckte Klinge, die flotten Kämpfe, der ganze Templer-Bumms, mehr noch als all das zeichnet die flotte Beweglichkeit meiner Assassinen seit 2007 die Serie aus. Neben den historischen Open Worlds ist das doch die Disziplin, in der Assassin's Creed das Action-Adventure-Genre wirklich vorangetrieben hat. Freiheit in allen Dimensionen!

Da sitze ich also nun und grüble: Das kann doch nicht nur mir so gehen! Klar, ich liebe Parkour seit den 2000ern, bin als Teenie sogar selbst Wände und Dächern hochgekraxelt (dank meiner untersetzten Mini-Kühlschrank-Statur nie besonders weit). Aber teilen andere nicht dieselbe Vorliebe? Also durchstöbere ich das Internet - und öffne die Pforten in eine sehr, sehr faszinierende Welt.

Der Autor: Dimi liebt Parkour seit 2004 und hat es als Teenie damit sogar mal in die Trierer Lokalzeitung geschafft, weil die Reporterin nicht überprüft hat, ob er auch wirklich was auf dem Kasten hat. Hatte er nämlich nicht. Aber hey, deshalb ging er umso mehr auf die Assassin's-Creed-Serie, Mirror's Edge und Co. ab, die diese faszinierende Sportart spielbar machten. Mit Betonung auf dem Präteritum, weil Parkour-Mechaniken in den letzten Jahren leider immer stärker in den Hintergrund geraten.

Assassin's Creed als Hardcore-Disziplin

In den Schatten von Reddit und YouTube verborgen existiert nämlich eine ganz andere Assassinen-Bruderschaft: Fans, die Assassin's Creed mit deutlich höherem Anspruch spielen. Hier geht's um absolute Exzellenz in puncto Parkour, Geschwindigkeit, Geschmeidigkeit. Assassin's Creed mit sekundengenauem Hardcore-Appeal.

Ezios, Arnos oder Altairs Bewegungen lassen sich durch geschicktes Ausreizen aller Spielmechaniken so optimieren, dass ich plötzlich wie eine Katze über die Dächer gleite. Wie beim echten Parkour erfordert das viel Training und Präzision, schön illustriert in diesem Expertenvideo:

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Was ist daran so schwierig?

Assassin's Creed ist nicht schwierig. Selbst ein Trampeltier-Assassine kommt mühelos jedes Gebäude hoch, wenn ich zwei Tasten drücke. Aber für den Profi ist das bloße Hochklettern auch der schlampigste Weg. Enthusiasten wehren sich bewusst gegen die automatischen Klettermechaniken, die das Spiel vorgibt. Der Trick besteht darin, über smarte horizontale Manöver vertikal an Tempo zuzulegen. Klingt komisch, deshalb Beispiele:

  • In den alten Assassin's Creeds könnt ihr beim Hochlaufen an einer Wand zur Seite abspringen, um beispielsweise direkt auf einen Balken oder ein Fenstersims zu hüpfen.
  • Ihr könnt euch vom Wandlauf auch nach hinten abstoßen, um in engen Gassen von Wand zu Rückwand und zurück zu springen.
  • Ihr könnt manuell entscheiden, wo Altair und Ezio nach Vorsprüngen greifen sollen, um beispielsweise einen Sturz aufzufangen oder euch rasch von einem Balken fallen zu lassen. Dieses Feature verschwand mit Teil 3.

Klingt im ersten Moment nicht sonderlich fancy, gibt euch aber deutlich mehr Kontrolle als spätere Serienteile. Parkour-Enthusiasten sehen die Open World von Assassin's Creed mit anderen Augen: Weil beim Klettern idealerweise das langatmige Hochziehen an einem Vorsprung vermieden werden muss, scannen sie die Umgebung vor allem auf der Suche nach gut platzierten Treppchen, Balken, Dächern und Fenstersimsen, um mit einer Kombination aus Seiten- und Rückhopsern, Wallruns, Vaults oder sogenannten Dynos Geschwindigkeit zu gewinnen.

Probiert das mal aus und ihr entdeckt völlig neue Routen durch die Welt. Ein Neuling kraxelt in Assassin's Creed einfach irgendwie die Wände hoch. Ein Veteran nutzt Wandsprünge und Seitenhopser, um zähe Hochzieh-Animationen zu überspringen. Echt Profis meistern zudem die Kantengriffe, um besonders kreative Routen durch die Welt zu planen.

In Perfektion sieht das dann beispielsweise so aus:

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Parkour wird immer schlechter

Doch so geschmeidig die Stunts in Assassin's Creed Unity auch aussehen mögen: Parkour wird laut der Enthusiasten eigentlich mit jedem Teil schlechter. Diese flüssigen Bewegungen in Unity gelingen Arno nämlich nur, weil das Spiel euch (ohne dass ihr es merkt) regelmäßig die Entscheidung abnimmt, welches Manöver Arno wo ausführt. Der flinke Assassine sucht sich automatisch die nächstbesten Mauervorsprung.

Origins und Odyssey bilden die bisherigen Tiefpunkte, AC Valhalla wird daran aller Voraussicht nach nichts ändern. Für den Verfall finden sich zwei Gründe:

  1. Die Open Worlds werden immer parkour-untauglicher. Sieht man jetzt in Valhalla sehr schön: In den weiten Sumpf- und Graslandschaften Englands ist die Fortbewegung zu Pferd schlicht immer schneller als per pedes.
  2. Die Parkour-Mechaniken werden runtergedummt. Wo ihr früher eben sehr genau Absprungpunkte, Kantengriffe und Sprintgeschwindigkeit regulieren konntet, gibt's jetzt nur noch eine Taste, die alles regelt.

Für YouTuber wie Leo K (oben eingebunden) ist überraschenderweise das allererste Assassin's Creed aus Parkour-Sicht das beste überhaupt. Die Dächer von Damaskus, Akkon und Jerusalem eignen sich hervorragend für Parkour-Gameplay - und der gute, alte Altair konnte Manöver, die moderne Assassinen verlernt haben.

Beispielsweise aus der Hängeposition zur Seite springen und mit den Händen nach demselben Vorsprung greifen. Altair konnte also an einer Mauer entlang hüpfen - da schaut Kassandra in die Röhre. Das seht ihr im Detail hier:

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Und hier:

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Nicht schön, aber schnell

Doch selbst wenn ihr die alten Assassin's Creeds gemeistert habt, merkt ihr schnell: So richtig super sieht das immer noch nicht aus. Und darum geht es auch nicht. Der Profi nutzt auch mal die Leiter, denn in der ursprünglichen Philosophie des Parkour geht es um kurze Wege, Geschwindigkeit, keine ausgefallen Wandsprung-Akrobatiken. Schnelligkeit ist alles.

Der wahre Reiz besteht darin, plötzlich auf einem Dach zu stehen und zahlreiche neue Routen zu sehen: Wenn ich über jenen Abgrund springe, mich an der Kante im zweiten Stock festhalte, dann zur Seite auf den Balken und über den Balkon hüpfe - und so weiter.

Falls ihr diese ganzen Videos und Ausführungen immer noch mit einem Achselzucken quittiert, ist das euer gutes Recht. Parkour ist nicht für jeden - und Assassin's Creed bietet ja zum Glück viele Alternativen. Doch wenn euch die Sache reizt, dann gebt ihr eine Chance, packt die alten Serienteile aus, trainiert ein bisschen rum und erzählt mir unbedingt, ob sich dadurch was für euch ändert. Bei mir hat's funktioniert.

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