Rechtsextremismus auf Steam und Co.: Wie Hass im Umfeld von Videospielen gedeiht

Hitler-Profile auf Steam, frauenfeindliche Rennspiele, Jump&Runs mit AfD-Politiker Björn Höcke. Rechtsextremismus in Spiele-Kontexten ist weit verbreitet. Und fängt nicht erst beim Hitlergruß an.

Online-Plattformen wie Steam und Roblox unternehmen zu wenig gegen rechtsextreme Inhalte. Wir haben nachgeforscht. Online-Plattformen wie Steam und Roblox unternehmen zu wenig gegen rechtsextreme Inhalte. Wir haben nachgeforscht.

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Sucht man auf der Spieleplattform Steam nach Profilen mit dem Begriff »Hitler« im Namen, bekommt man über 57.000 Treffer. Eine Flut von Hitler-Memes, Profilbilder mit Hitler-Antlitz, Hitlergruß, Hakenkreuz, Antisemitismus: In manchen Steam-Foren kein Problem. 

Eine Studie der Non-profit-Organisation Institute for Strategic Dialogue (ISD) zeigt: Die Spieleplattform Steam wird von der rechtsextremen Szene bewusst genutzt. Für Rekrutierungsversuche und Radikalisierung, aber vor allem als Echokammer und Community-Netzwerk der eigenen Gesinnung. In der Studie von 2021 heißt es:

»Bereits überzeugte Rechtsextreme nutzen Steam als Plattform, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen – das geteilte Gaming-Hobby dient dabei als Vehikel.«

Welche Inhalte werden in diesen rechten Gruppen ausgetauscht? Was sagen Experten dazu? Und warum unternimmt gefühlt niemand (nicht mal Valve) etwas dagegen? All das und mehr haben wir für GameStar Plus recherchiert.

Felix Zimmermann:

Dr. Felix Zimmermann ist Referent für Games-Kultur, politische Bildung und Extremismus bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Mick Prinz:

Mick Prinz arbeitet im Digitalbereich der Amadeu Antonio Stiftung. Er ist Projektleiter des 2020 gestarteten Projekts Good Gaming – Well Played Democracy.

Conor McGinley:

Der studierte Historiker arbeitet seit 2021 als Customer Support Manager beim Hamburger Studio Bytro Labs.

Jörg Friedrich:

Jörg Friedrich ist einer der Gründer und Geschäftsführer beim Berliner Studio Paintbucket Games, das sich mit ausgezeichneten Titeln wie Through The Darkest of Times und Beholder 3 einen Namen gemacht hat. 

Steam als rechtsextremer Tummelplatz

Steam ist längst nicht die einzige Plattform, auf der Rechtsextremismus eine Rolle spielt. »Einer der Gründe dafür, warum wir in den letzten Jahren mehr über Rechtsextremismus in Spielen reden, ist, dass das Thema gesamtgesellschaftlich von wachsender Bedeutung ist. Das spiegelt sich auch in Games«, erklärt Felix Zimmermann. 

Zimmermann ist Referent für Games-Kultur, politische Bildung und Extremismus bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Er sagt: »Digitale Spiele und deren Communitys sind besonders attraktiv für Extremisten.« Mehr dazu hört ihr in unserem Podcast aus dem Jahr 2022:

Podcast

Hat das Gaming ein Rechtsextremismus-Problem?

Attentäter knüpfen Verbindungen zu Spielen, und auf Plattformen wie Steam vernetzen sich rechtsextreme Gruppen. Wie groß ist das Problem und was können wir tun?

Steam und Co. werden ihm zufolge nämlich auch als Kommunikationskanäle und Chat-Foren genutzt, die Inhalte aber tendenziell (noch) weniger moderiert als bei Social-Media-Plattformen wie Facebook. Zimmermann meint: »Oft haben die Unternehmen gar keine passenden Richtlinien, um solche Inhalte überhaupt angemessen moderieren zu können.«

Da gehe es vor allem um sogenannten Borderline-Content: »Also Äußerungen, die relativ sicher dazu beitragen, dass rechtsextreme Ideologie in der Gesellschaft normalisiert wird, die aber als solche häufig nicht strafbar sind.«

Rechtsextreme Inhalte muss man auf Steam nicht lange suchen. (Quelle: https:www.isdglobal.orgisd-publicationsgaming-and-extremism-the-extreme-right-on-steam) Rechtsextreme Inhalte muss man auf Steam nicht lange suchen. (Quelle: https://www.isdglobal.org/isd-publications/gaming-and-extremism-the-extreme-right-on-steam/)

»Vieles wird gar nicht erst geahndet«, sagt Mick Prinz von der Amadeu Antonio Stiftung. Er ist Projektleiter des 2020 gestarteten Projekts Good Gaming – Well Played Democracy. »Strafrechtlich relevant sind Verhaltensweisen, bei denen Gewalt stattfindet oder die unter den Straftatbestand der Volksverhetzung fallen. Also etwa das Posten von Hakenkreuzen, Holocaust-Leugnung oder das Schildern von Gewaltfantasien.«

Wer sich über Frauen, marginalisierte Gruppen oder Minderheiten lustig mache oder diese abwerte, der mache sich nicht unbedingt im juristischen Sinne strafbar. »Das ist ein großes Problem, weil da ein riesiger Hebel fehlt«, so Prinz. Gerade bei Steam gehe es besonders lax zu. »Die scheinen da nach dem Motto zu fahren: Alles, was nicht strafbar ist, lassen wir zu.« Steam werde so zum Auffangbecken rechter Perspektiven. 

Jump&Run mit Höcke und Co.

Es gibt Spielestudios, die sich ausdrücklich auf die Entwicklung rechter Spiele konzentrieren. Ein österreichischer Entwickler etwa (Name ist der Redaktion bekannt) will laut Webseite »patriotische Werte vermitteln und damit zu einem neuen Bewußtsein innerhalb der Gamingszene beitragen«. In den Spielen wehrt man sich gegen die »globale Homogenisierung«, Feindbilder sind wahlweise Frauen, Antifa, Juden oder Homosexuelle. 

In einem Spiel kämpft man Seite an Seite mit realen Politikern und Politikerinnen der rechtsextremen Bewegung, unter anderem AfD-Politiker Björn Höcke und dem neurechten Verleger Götz Kubischek. Das Spiel, dessen Namen wir hier bewusst nicht nennen, wurde als Freeware auf Steam angeboten, bis es die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien im Dezember 2020 auf die Liste der jugendgefährdenden Medien setzte. 

Anderswo konnte man auf der vor allem auch unter Kinder und Jugendlichen beliebten Spiele- und Baukastenplattform Roblox 2022 das rechtsextremistische Attentat von Halle nachspielen. Täglich sind mehr als 70 Millionen Spielende in Roblox unterwegs – ein enormes potentielles Publikum. Auch wenn, so Mick Prinz, »solche Arten von rechtsextremen Games eher eine Nische sind« – sie haben gerade die jüngere Zielgruppe im Blick

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Der gesamte digitale Raum, von Spielen selbst bis Plattformen wie Steam, werde von rechtsextremen Gruppen strategisch genutzt, erklärt Prinz. »Das sehen wir ja auch im Politischen. Wenn wir uns da die Zahlen von rechtsextremen Gruppen anschauen etwa. 

Die AfD zum Beispiel (kürzlich vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft) hat ein Vielfaches an Aufrufen auf ihre TikTok-Videos als die etablierten Parteien.« Rechtsextreme Gruppen wüssten viel besser, wie sie Hass und Populismus im Internet für sich nutzen können. 

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