Das Problem beginnt nicht erst beim Hitlergruß
Weltweit spielen über drei Milliarden Menschen regelmäßig Spiele. Im Vergleich zu anderen digitalen Räumen sind die Gaming-Communitys nach wie vor wenig reglementiert und sanktioniert. In Foren und Chatgruppen kann hervorragend »Metapolitik« betrieben werden, bei der vorpolitische Bereiche ideologisch besetzt und beeinflusst werden, um die rechtsextreme Gesinnung zu normalisieren. Dazu eignen sich Sportvereine ebenso wie Steam-Foren.
Ex-Trump-Berater und rechter Medienstratege Steve Bannon hat das Potential von Spiele-Communitys für die Verbreitung von Desinformationen und Lenkung früh erkannt und prägte die Redewendung »Flood the Zone with Shit« (Flutet sie mit Scheiße). Eine Taktik, die er schon früh als geradezu prädestiniert für Videospiel-Kontexte erkannt hat.
Die 2014 begonnene und bis heute weiter anhaltende Gamergate-Kampagne vor allem gegen weibliche und queere Menschen erinnert daran, wie effektiv und zerstörerisch rechte Hetze in der Spielebranche sein kann.
Unter dem Vorwand, die Ethik des Videospieljournalismus zu diskutieren, nahmen toxische Trolle, Incels und Rechtsradikale im Einzugbsbereich des rechten Breitbart News Network die Gerüchte eines Ex-Freundes einer Journalistin auf. Das gilt heute manchen Experten als Geburtsstunde der Alt-Right-Bewegung und der internationalen Neuen Rechten.
Verbindendes Element zwischen den neuen rechten Bewegungen: Frauenhass und Anti-Genderismus, erklärt Extremismus-Forscherin Jessica White vom britischen Royal United Services Institute im Interview mit Deutschlandfunk Kultur. »Misogynie ist ein Teil der Nazi-Ideologie. Manche haben was gegen den Staat. Manche sind Rassisten. Aber Sexismus ist die Sprache, die alle verbindet.«
Auch Wissenschaftlerin Jessica O´Donnell verweist in ihrem Buch »Gamergate and Anti-Feminism in the Digital Age« auf einen ausgeprägten Anti-Genderismus als das verbindende Element der Neuen Rechten. Sie schreibt auch, dass es kein Wunder sei, dass es rechte Inhalte im Umfeld von Videospielen leicht hätten - würde die Gaming-Community und -Branche doch von Beginn an mit einem Sexismus-Problem kämpfen.
Die rechtsextremen Terroristen von Halle und Christchurch inszenierten ihre Attentate als First-Person-Shooter und waren regelmäßig in Incel-Foren unterwegs. Hass gegen Frauen und Minderheiten ist also immer eine »Red Flag« für Rechtsextremismus, oft getarnt als »Ist doch bloß Satire«.
»Dog Whistling« nennt sich das – also die Hundepfeife trillern. Das heißt: Es werden vermeintlich satirische Inhalte geteilt, etwa Memes. Die wirken auf den ersten Blick erstmal harmlos, enthalten allerdings einen rechtsextremistischen, rassistischen oder antisemitischen Kern.
Ein Beispiel auf Steam: Feminazi 3000. Hier steuert man eine »wütende Feministin« auf einem Roller. Ziel des Spiels: »Rase gegen deine Unterdrückung an! Töte alle Männer in dem Rennen deines Lebens – dem Rennen um Toleranz und Geschlechtergleichheit.«
Die »Feministin« ist eine unförmige, übergewichtige Polygongestalt mit blauen Haaren, fahler Hautfarbe und übergroßer Brille im Blümchenkleid. Der Mund offen, tiefe Falten auf der Stirn. Eine überzeichnete Witzfigur.
Das wird man ja doch noch sagen dürfen?
In dieselbe Gesinnungs-Kerbe schlägt Feminazi: The Triggering. Ebenfalls 2017 erschienen. Spielziel: »Halte heterosexuelle, weiße Männer davon ab, Frauen und Minderheiten zu unterdrücken und mach, dass sie ihre Privilegien hinterfragen!«
In der Steam-Beschreibung wird unter anderem, offensichtlich sarkastisch gemeint, aufgeführt: »Über 30 verschiedene Geschlechter – inklusive der Möglichkeit, dein ganz eigenes Geschlecht zu kreieren!« Außerdem mit dabei: »Flüchtlinge« und der »wage gap« – also die geschlechterabhängige Einkommensungleichheit.
Hinter Feminazi steckt das Studio hyperboreanGames. Die Entwickler aus dem britischen Liverpool wollen das Spiel nach eigenen Angaben als »Satire auf die feministische Bewegung« verstanden wissen. »Leute sollten aufhören, sich von lächerlichen Kleinigkeiten angegriffen« zu fühlen. Ein beliebter Talking Point rechtsorientierter Strömungen.
Kampfbegriffe der Rechten sind »Wokeness« und »Cancel Culture«. Als links oder progressiv identifizierte Menschen werden als »Snowflakes« bezeichnet, etablierte »Mainstream-Medien« als feindlich und unterwandert betrachtet und die »politische Korrektheit« als Fluch einer zensurwütigen Elite. Man solle sich nicht so haben: Das wird man ja doch noch sagen dürfen.
Durch dieses »Dog Whistling« werden die Grenzen des Sagbaren beinahe unmerklich verschoben; Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Frauenverachtung werden normalisiert. Nur wer genauer hinsieht, stutzt. Etwa beim Titel des Studios: hyperboreanGames.
Das mystische Land Hyperborea ist eine beliebte Chiffre digitaler Rechtsextremer und White Supremacy-Anhänger. Als angebliche Heimat der »Nordmänner« und der »Weißen Rasse« ist Hyperborea ein verbreitetes Symbol rechter Anhänger.
Die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz hat dazu etwa den Sammelband »Von Hyperboea nach Ausschwitz« herausgegeben. Klar wird: Die Übergänge zwischen rechter Polemik, vermeintlicher Satire und rechtsextremistischer Gesinnung sind oft fließend. Und alles andere als harmlos.
Unabsichtlich im Fokus von Rechtsextremen
Conor McGinley kann ein Lied davon singen. Er ist Customer Support Manager beim Hamburger Studio Bytro Labs. Das entwickelt seit 2009 browserbasierte und mobile Online-Strategiespiele: Iron Order 1919, Call of War oder Supremacy 1914 spielen in den historischen Settings des Ersten und Zweiten Weltkriegs.
2010 kritisiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Fülle der rechtsextremen User-Namen im Spiel supremacy1914.de und folgert: »Internetportale sind nicht wählerisch mit ihren Usern.« Durch den Artikel sei Bytro Labs »damals in den Fokus geraten als Beispiel für Rechtsextremismus in Spielen« erklärt McGinley die anfängliche Zurückhaltung, ein Interview mit uns zu führen.
»Ich finde es problematisch, wenn Spiele mich meine eigene kleine Nazi-Spielfigur erstellen lassen, weil das den Nazi-Terror verharmlost und zu sowas macht wie das Imperium bei Star Wars – eine Bösewicht-Ästhetik.«
Genau aus diesem Grund gebe es in den Spielen von Bytro auch klare Regeln, welche historischen Figuren gespielt werden können: Adolf Hitler und Benito Mussolini etwa sind Tabu. »In unseren Spielen steht der Strategie-Aspekt im Vordergrund.«
Die Kritik des FAZ-Artikels damals hätte sich vor allem auf eine frühe, noch nicht ausreichende Version der Content-Filter bezogen. »Seit damals hatten wir jede Menge Zeit, da aufzuholen«, so McGinley. »Heute musst du schon ein ziemlich talentierter Nazi sein, um an mir vorbeizukommen.«
Mit rechtsextremen Codes und Symbolen kennt sich der Custom Support Manager gut aus. Seit dem FAZ-Artikel vor 14 Jahren habe sich vieles verändert: »Wir bilden Leute entsprechend aus, sodass sie auch versteckte Codes und Symbole erkennen.«
Eine Allianz in einem der Spiele hat etwa eine schwarz-orange Flagge als Erkennungszeichen gewählt. Diese Farbkombination steht für die anti-queere und transphobe #SuperStraight-Bewegung. Ein User meldet die Allianz, ohne Erklärung, nur mit dem Hinweis: Das seien Nazis.
McGinley erkennt die versteckte Symbolik sofort. Nicht-Ausgebildeten wäre sie vielleicht entgangen. Auch wenn es sich bei der Bewegung nicht um offen Rechtsradikale handle, verstieße sie dennoch in ihrer Darstellung gegen einen der Grundwerte des Unternehmens, die Inklusion.
Neuerdings arbeite Bytro Labs auch mit einem KI-unterstützten Moderationssystem. Das soll automatisiert rechtsextreme Inhalte erkennen. McGinley betont aber auch: »Insgesamt ist unsere Community wirklich toll. Spieler, die gegen unsere Prinzipien verstoßen, fallen schnell auf, werden gebannt und in schweren Fällen auch angezeigt. Das hilft uns, die Spiele sauber zu halten. Die Wachsamkeit unserer Community hilft da sehr«, erzählt der studierte Historiker.
Wichtig ist für ihn auch: »Die Community sollte unbedingt melden, wenn ihnen etwas auffällt. Filter, Richtlinien, Überwachung – das alles nutzen wir, aber es ist einfach so, dass wir nicht immer überall in jedem Spiel sein können.«
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