Wie beendet ihr für gewöhnlich eure Telefonate? Mit einem einfachen »Tschüss« oder »Bis bald«? Für Mutti darf es bestimmt auch mal ein »Hab dich lieb« sein, bei Freunden habt ihr vielleicht sogar einen Insider-Joke. Aber ziemlich sicher gehört es auch bei euch nicht zum guten Ton, einfach aufzulegen, sobald der Grund für das Gespräch geklärt ist.
Vom Fernsehen und Kino kennen wir das allerdings etwas anders. Hier scheinen sich Charaktere aller Coulour einig zu sein, dass Höflichkeitsfloskeln wie »Hallo« und »Tschüss« total unnötig und überflüssig sind. Wenn es an der Strippe nichts mehr zu sagen gibt, wird einfach der rote Hörer gedrückt. Aber warum ist das eigentlich so?
Die Antwort ist ... Schuhleder?
Moment, was hat jetzt die Beschaffenheit von Tretern mit Telefonaten in Filmen und Serien zu tun? Laut dem TV-Autor Michael Jamin (King of the Hill, Wilfred) gibt es beim Fernsehen ein bestimmtes Konzept für die Darstellung von realen und alltäglichen Handlungen - und das wird »Shoe Leather« genannt.
Darunter fallen Dinge wie abgesperrte Haustüren, das Zubinden von Schuhen und bestimmte Sätze, die ihr in eurem normalen Tagesablauf sagt, ohne es wirklich zu merken oder dem Bedeutung beizumessen. Auf dem Fernseher oder der Leinwand sieht das aber ganz anders aus. Hier zählt jedes Wort und jedes Detail sollte die Handlung irgendwie vorantreiben.
Bei Stolz und Vorurteil sind das beispielsweise die Hände von Mr. Darcy, die in einer kurzen Szene enorme Bedeutung gewinnen. Die Neuverfilmung widmet diesem Detail sogar einen ganzen Trailer:
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Stolz und Vorurteil: Selbst ein einzelner Shot von einer Hand bekam mehr Zuspruch von Fans als der ganze Teaser zur Netflix-Neuverfilmung
Vielleicht ist euch der Begriff »Chekhov’s Gun« (im Deutschen »Tschechows Waffe«) bekannt. Darunter versteht man ein ungeschriebenes Gesetz fürs Geschichtenerzählen. Im Kern besagt es, wenn in einem Film (oder Buch) ein scheinbar unwichtiges Detail bewusst eingeführt wird, muss es später eine Funktion oder Bedeutung haben. Andernfalls sollte es gar nicht erst gezeigt werden.
Das bezieht sich vor allem auf gezeigte Objekte, weniger auf einzelne Dialogzeilen. Während es bei Tschechows Waffe eher darum geht, keine falschen Versprechungen zu machen, möchte man Shoe Leather laut Michael Jamin vermeiden, um das Publikum nicht zu langweilen.
Jede Sekunde zählt, nicht nur bei der Telefonrechnung
Auf TikTok hat Jamin noch einen weiteren Grund für die verknappten Telefonate beim Film angeführt, und der ist ziemlich pragmatisch:
Link zum TikTok-Inhalt
Im Fernsehen gibt es außerdem feste Laufzeiten. Wir müssen dem Sender eine Rohfassung von etwa 22 Minuten vorlegen. 22 Minuten und 30 Sekunden werden nicht akzeptiert. Deshalb drehen wir immer etwas länger, vielleicht 25 Minuten, wohl wissend, dass nicht jede Szene perfekt sein wird. Wir wollen die Freiheit haben, zu kürzen und das Tempo anzupassen – aber wir wissen nicht genau, wo. [...]
Man denkt sich: Wenn ich die Verabschiedung rausnehme, kann ich vielleicht meinen Lieblingswitz behalten. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man die Verabschiedung gar nicht mehr ins Drehbuch schreibt, weil man sie sowieso später streicht.
Gerade bei TV-Formaten ist es einleuchtend, dass es auf jede Sekunde ankommt, denn der Programmablauf ist eng getaktet. In Zeiten von Streaming und Kinofilmen, bei denen eine Länge von drei Stunden nichts besonderes mehr ist, wirkt es aber doch irgendwie komisch, dass kein Platz mehr für ein »Wiederhören« sein soll. Vielleicht sind Drehbuchautoren mittlerweile einfach daran gewöhnt, diesen Aspekt kurzzuhalten.
Am Ende setzen Filmemacher meist darauf, dass sich solche Ungenauigkeiten »versenden«. Also, dass »Fehler« oder Logikbrüche dem Publikum beim normalen Schauen kaum auffallen, weil der Filmfluss, die Dramaturgie oder die Aufmerksamkeit woanders liegen.
Aber vielleicht ist euch diese Eigensinnigkeit bei Filmen und Serien ja trotzdem schon aufgefallen. Stört euch das oder seid ihr eher dankbar, dass in der Regel auf solche Alltags-Formulierungen verzichtet wird?
Ihr könnt ja mal ausprobieren, wie weit ihr im echten Leben mit dem Auslassen von überflüssigen Floskeln kommt. Wenn ihr euch traut, legt beim nächsten Telefonat doch einfach mal auf, wenn ihr das Gespräch beenden wollt und schaut, was passiert. Aber vielleicht nicht unbedingt bei Mutti.
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