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Seite 2: Streamer im Visier: Hate Raids sind ein großes Problem, aber Twitch macht zu wenig dagegen

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Hass auf Steroiden

Hate Raids auf Twitch sind ein Problem, das längst bekannt ist, gegen das aber nach wie vor zu wenig unternommen wird »Wir sind an einem Punkt, an dem man kaum mehr einen marginalisierten Streamer finden kann, der nicht schon mal von Hate Raids betroffen war.« Dieses vernichtende Fazit zog die The Washington Post schon 2021 in einem Artikel zum Thema. 

Allerdings bleibt die Krise lange unter dem öffentlichen Radar. Denn: Die Hass-Angriffe (be)treffen vor allem diejenigen, die für Twitch irrelevant sind, weil sich bei ihnen nicht die Zuschauermassen sammeln. Weil ihre Follower-Zahl zu gering ist, finden ihre Stimmen zu wenig Gehör.

Doch nicht alle sind hilflos: Der Chat des POC-Streamers RekItRaven, der sich als nichtbinär identifiziert, wurde 2021 gekapert. Eine Flut von Hass-Kommentaren und Spam-Nachrichten erscheinen zu Hunderten. Darunter etwa Botschaften wie »Dieser Kanal gehört jetzt dem KKK«– eine Anspielung auf den Ku-Klux-Klan, einer rechten Hassgruppierung, der seinen Ursprung in den US-amerikanischen Südstaaten hat. 

Betroffen von Hate Raids sind vor allem kleinere Streamer und Streamerinnen aus marginalisierten Gruppen wie etwa @DefinedByKy. Betroffen von Hate Raids sind vor allem kleinere Streamer und Streamerinnen aus marginalisierten Gruppen wie etwa @DefinedByKy.

RekItRaven wehrt sich, beginnt unter #TwitchDoBetter eine Hashtag-Kampagne. Tausende kleine Streamer und Streamerinnen nehmen teil. Kurz darauf soll ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Die Teilnehmer rufen unter dem Hashtag #AdayOffTwitch dazu auf, am 1. September Twitch zu bestreiken, also nicht mehr zu senden. 

Prompt reagiert Twitch mit Maßnahmen, die von Blockade- und Meldefunktionen bis hin zu Direktbefehlen reichen, um den gesamten Chat zu löschen. Noch im Herbst 2021 verklagt die Plattform außerdem zwei Hate Raider wegen »rassistischer, sexistischer und homophober Äußerungen und Inhalte«. Zumindest in einem der Fälle hat das per Gerichtsurteil mittlerweile zu einem permanenten Bann von der Plattform geführt.

Leichtes Spiel

Dennoch: Auch drei Jahre später sind Hate Raids nach wie vor noch ein Problem. Patrick Mühlenhort von der Initiative TeamKompass weiß, warum. »Das Twitch-Profil bietet mit den Informationen in den Panels und den ausgehenden Verlinkungen zu Social-Media-Accounts eine hervorragende Angriffsfläche. Hate Raider haben dadurch leichtes Spiel, erhalten mit wenigen Klicks private Daten und können recht schnell Namen und Wohnort herausfinden.« 

Schon die falsche Wahl bei der Eröffnung eines Merch-Shops könne dazu führen, dass Adressdaten öffentlich einsehbar seien. »Genau aus diesem Grund haben wir unlängst einen Leitfaden in Zusammenarbeit mit Webedia und der Initiative ›Justiz und Medien – konsequent gegen Hass‹ veröffentlicht, mit dem sich angehende Twitch-Streamer vor Start ihres Kanals gründlich auseinandersetzen sollten.«

RekItRaven initiierte 2021 den Widerstand gegen Hate Raider: per Hashtag #TwitchDoBetter. (Quelle: https:virtualeconcast.cominterviewraven-interview-transcript ) RekItRaven initiierte 2021 den Widerstand gegen Hate Raider: per Hashtag #TwitchDoBetter. (Quelle: https://virtualeconcast.com/interview/raven-interview-transcript/ )

Ein Problem sei auch, dass die rechtliche Handhabe oft erst spät greift. Denn: »Das Sammeln von öffentlich einsehbaren Daten im Netz ist grundsätzlich nicht verboten«, erklärt Mühlenhort. Illegal wird es erst, wenn diese Daten missbräuchlich genutzt werden – „in Form etwa von Drohungen, Essensraids, Deepfakes oder Fake-Bombendrohungen.« 

Das alles ist strafbar. Aber wenn die Bombendrohung erstmal raus ist, ist es für die Opfer meist schon zu spät und der Schaden angerichtet. Insgesamt sei das öffentliche Bewusstsein für die Problematik noch zu wenig geschärft. Hier sieht die Initiative TeamKompass auch die Medien in der Verantwortung: »Das gesamte Thema muss umfassend dargestellt und wahrgenommen werden. Nur dann können wir so viele Livestreamer und Content Creator (wenn möglich präventiv) beraten und informieren.« 

Das Ziel müsse sein, Streamende auf Twitch so abzusichern, dass private Daten geschützt werden und Missbrauch verhindert wird. Dafür müsse vor allem auch die Plattform selbst sorgen. Das macht Patrick Mühlenhort sehr deutlich: »Wir haben mit Twitch bereits gesprochen und auch gute, umsetzbare Ideen geliefert.« 

Twitch reagiert prompt auf die Hashtag-Kampagnen und kündigt Maßnahmen an. Dennoch: Auch drei Jahre später sind Hate Raids nach wie vor ein Problem. Twitch reagiert prompt auf die Hashtag-Kampagnen und kündigt Maßnahmen an. Dennoch: Auch drei Jahre später sind Hate Raids nach wie vor ein Problem.

TeamKompass hat bereits kurz nach der Vereinsgründung im Sommer 2023 Twitch kontaktiert. Bis zum ersten Gespräch vergingen allerdings Monate. Dabei stellte sich heraus, dass Twitch über die besondere Ausprägung der Hate Raids in Deutschland gar nicht informiert war. »Die kannten Hate Raids nur als Follower-Bot-Fälle aus den USA.« Über die gezielte, hochorganisierte und vernichtende Spielart der Hate Raids innerhalb Deutschlands mussten sie erstmal aufgeklärt werden. 

Auf die Frage, welche Maßnahmen aktuell in Planung seien und wie auf die Forderungen von TeamKompass eingegangen würde, bekommen wir von Twitch folgende Rückmeldung:

»Wir nehmen die von Ihnen geäußerten Bedenken ernst – Doxxing und Swatting sind schrecklich Missbräuche. Unsere Community-Regeln verbieten Doxxing und Swatting auf Twitch ausdrücklich und wir setzen diese Regeln aktiv durch.«

Zu den bereits entwickelten Sicherheitsfunktionen zählten etwa eine standardmäßig aktivierte Automod-Funktion, der Shield-Modus und das aktualisierte ban/block-Tool

Das Twitch-Statement in voller Länge

Spoiler anzeigen
  • Wir nehmen die von Ihnen geäußerten Bedenken ernst – Doxxing und Swatting sind schreckliche Missbräuche. Unsere Community-Richtlinien verbieten Doxxing und Swatting auf Twitch ausdrücklich und wir setzen diese Regeln aktiv durch.
  • Darüber hinaus haben wir unsere Richtlinie zu Schäden außerhalb des Dienstes erweitert, um Doxxing und Swatting außerhalb von Twitch zu verbieten. Die Richtlinie ist darauf ausgelegt, schweres Fehlverhalten zu behandeln, das außerhalb des Twitch-Dienstes geschieht. Wenn beispielsweise ein Streamer einen anderen Benutzer auf einer anderen Social-Media-Site doxxt, können wir diesen Streamer nach einer Untersuchung von Twitch sperren.
  • Zusätzlich zu unserer Arbeit zur Durchsetzung dieser Community-Richtlinien haben wir eine Reihe von Sicherheitsfunktionen entwickelt, um Belästigungen vorzubeugen.
  • Unsere Automod-Funktion, die potenziell schädliche Nachrichten im Chat blockiert, ist für neue Kanäle standardmäßig aktiviert.
  • Wir haben auch Tools wie den Shield-Modus entwickelt, mit dem Akteure sofort gesperrt und Belästigungen in Echtzeit verhindert werden können.
  • Wir haben vor Kurzem unser ban/block-Tool aktualisiert – gesperrte Streamer können nun den Stream, die VODs und die Clips der Person, die sie gesperrt hat, nicht mehr ansehen.
  • Unsere Community vor Schaden zu schützen, ist uns äußerst wichtig. Wir werden die Richtlinien und Produkte, die wir entwickelt haben, um unsere Community zu unterstützen und ihre Sicherheit zu gewährleisten, weiter ausbauen.

Anzeige erstatten!

Ein großes Problem ist und bleibt vor allem die asymmetrische Verteilung der Zuschauenden auf Twitch. Die Top-5.000 Streamenden ziehen knapp 90 Prozent aller Zuschauer und Zuschauerinnen an. Die restlichen über 100.000 Streamer mit geringerer Follower-Zahl teilen sich gerade mal rund zehn Prozent der Gesamtzahl an Zuschauern

Beim Streik vom  1. September sanken die View-Zahlen um etwa eine Million im Vergleich zur Vorwoche (von 4,5 Millionen auf 3,5 Millionen). Katastrophal war das für Twitch aber nicht, die Auswirkungen hielten sich in Grenzen, weil sich die meisten der großen Streamer und Streamerinnen nicht solidarisierten. Ninja und viele andere streamten einfach weiter. Gerade deren Kooperation wäre aber wichtig.

»Ich werde deine Familiensippe auslöschen.« Beispiel einer Hassmail eines Betroffenen. (Quelle: TeamKompass) »Ich werde deine Familiensippe auslöschen.« Beispiel einer Hassmail eines Betroffenen. (Quelle: TeamKompass)

»Wir sind darauf angewiesen, dass größere Streamer, Influencer, Netzwerke und Managements Seite an Seite mit uns zusammenarbeiten, um eine möglichst große Anzahl von Streamern präventiv informieren und absichern zu können“, sagt Patrick Mühlenhort von TeamKompass. 

Streamerin Rebecca Raschun alias JustBecci sieht das ähnlich: »Für die Community ist es wichtig, Solidarität zu zeigen und gemeinsam gegen Hass und Mobbing vorzugehen.« Das bedeute auch, dass Zuschauende und andere Streamende einschreiten und Unterstützung anbieten, wenn sie Hate Raids beobachten.

Die Initiative TeamKompass rät Betroffenen nachdrücklich dazu, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Jede Anzeige trägt dazu bei, das Thema insgesamt weiterzutreiben und Awareness zu schaffen«, so »Patrick Mühlenhort. Denn: Noch wisse nicht jede Polizeibehörde mit den Begriffen »Twitch«, »Livestreaming« und Co. umzugehen.

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