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Streamer im Visier: Hate Raids sind ein großes Problem, aber Twitch macht zu wenig dagegen

Hass und Hetze in Dauerschleife: Hate Raids sind für viele Twitch-Streamer und -Streamerinnen ein Problem. Was passiert da und was kann dagegen unternommen werden?

Dass Bots den Chat von Twitch-Streamern mit rassistischen und anderen Hassnachrichten fluten, ist längst kein Einzelfall mehr. Was gegen Hate Raids getan werden kann und wieso sie so gefährlich sind, darüber haben wir mit Experten gesprochen. (Quelle: TrihexX) Dass Bots den Chat von Twitch-Streamern mit rassistischen und anderen Hassnachrichten fluten, ist längst kein Einzelfall mehr. Was gegen Hate Raids getan werden kann und wieso sie so gefährlich sind, darüber haben wir mit Experten gesprochen. (Quelle: Trihex/X)

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»Hate Raids sind schon seit einigen Jahren ein großes Problem für Livestreaming-Plattformen und insbesondere für Twitch«, weiß Patrick Mühlenhort von TeamKompass. Der Verein engagiert sich gegen Hate Raids, dient als Meldestelle für Vorfälle und arbeitet auch mit Behörden zusammen.

Update vom 28. Augst 2024: Der mit GameStar Plus finanzierte Report ist ab sofort kostenlos für alle Leser verfügbar. Aufgrund des zu erwartenden Moderationsaufwands haben wir die Kommentare geschlossen. Bisherige Diskussionen von Plus-Usern werden aber weiterhin angezeigt.

Disclaimer: Die Webedia GmbH, zu der auch GameStar gehört, hat in der Vergangenheit gemeinsam mit TeamKompass einen Leitfaden für einen sicheren Twitch-Kanal erstellt. Aus diesem Grund wird Webedia als Partner auf der TeamKompass Website gelistet.

Aber was sind Hate Raids überhaupt? Dabei nehmen Angreifer den Chat von Streamern ins Visier, fluten den Chat mit Hassbotschaften (entweder selbstverfasst oder öfter durch Bots automatisch und in Masse verschickt). Das Ziel: Die Streamenden mit rechtradikalen, sexistischen und menschenverachtenden Nachrichten zu beleidigen und zu verunsichern.

Organisiert wird das oft auf Plattformen wie Discord oder Telegram, letztendlich wollen Gruppierungen Klarnamen und Adresse des Opfers in Erfahrung bringen, setzen falsche Notrufe ab (Swatting), geben massenhaft Bestellungen bei Lieferdiensten auf (Essenraids) und verschicken Drohungen.

Während sich in den USA Hate Raids vor allem in Angriffen von Follower-Bots äußern, politisch motiviert sind und oft gezielt marginalisierte Gruppen (also etwa POC wie Streamer @trihex oder Streamerin @DefinedByKy, nicht-binäre Personen wie etwa der bisexuelle trans Mann Max oder weibliche Streamerinnen wie Sami oder ConsiderGrave) in den Fokus nehmen, kann es vor allem in Deutschland jeden und jede treffen

Hilfe für Betroffene

Wenn ihr als Streamer von Hate Raids betroffen seid, könnt ihr euch an eine dieser Stellen wenden:

TeamKompass e.V.
Der 2023 gegründete Verein arbeitet mit Behörden und Institutionen zusammen, dient als Meldestelle für Hate Raids und berät und unterstützt Betroffene. Hilfreich sind auch die öffentlich zur Verfügung gestellten Leitfäden und Checklisten für sicheres Streaming sowie der Soforthilfe-Channel auf Discord.
https://teamkompass.net

scroll nicht weg – Digitale Zivilcourage gegen Hatespeech
Das vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz im Rahmen des Landesaktionsplans gegen Rassismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit initiierte Projekt bietet unter anderem Soforthilfe für Betroffene von Hatespeech und digitaler Gewalt.
https://scrollnichtweg.de

Hate Aid
Die gemeinnützige GmbH berät und unterstützt seit 2017 Betroffene von Online-Hassrede und Hatespeech. Hier kannst du dich umfassend über deine Rechte informieren und sogar Finanzierungshilfen für Gerichtsprozesse erhalten.
https://hateaid.org/

ZEBRA
Das Angebot wird getragen von der Landesanstalt für Medien NRW und berät in sämtlichen Fragen zu digitaler Gewalt. Du kannst dich mit allen Fragen an ZEBRA wenden und erhältst innerhalb von höchstens 24 Stunden konkrete Hilfestellungen oder Verweise auf spezialisierte Angebote.
https://www.fragzebra.de

„Der Hass auf Streamer ist das Einzige, was alle Angriffe verbindet. Egal, ob Mann, Frau, Hautfarbe, Religion. Jeder kleine Streamer ist gefährdet« so Mühlenhort. »Ein Nischenproblem ist das nicht, auch wenn Hate Raids bis heute leider so behandelt werden«, so Mühlenhort von der Initiative TeamKompass. Ein Problem sei, dass in den Medien nur von den zwei Prozent berichtet werde, die auf große Streamer, Influencer, Content Creators oder Politiker entfallen. »Aber die spiegeln nur den kleinsten Teil der Angriffe wider.« 

Hate Raids sind für viele Streamer Alltag

»98 Prozent der Opfer sind Streamer, die zwischen zwei und 60 Viewer haben«, so Mühlenhort. Koordiniert und durchgeführt werden die Hate Raids von großen, hochgradig organisierten Gruppierungen. »Sie greifen gezielt kleine Streamer in ihren Chats an.«

Dabei werden zunächst über Kommunikations-Plattformen wie Telegram oder Discord Twitch-Links abgesetzt, über die die Angreifenden dann gemeinsam in den Livestream springen und diesen mit rassistischen, sexistischen, homo- oder transphoben oder anderen menschenverachtenden Äußerungen fluten – je nachdem, wo der wunde Punkt der Streamer vermutet wird. 

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Dazu tauscht man sich auch vorab in Chatgruppen aus. Das Motiv hinter den Übergriffen fasst Mühlenhort so zusammen: »Es geht darum, Macht über den Streamer zu haben und ihn dazu zu bringen, den Stream abzuschalten, weil er nicht mit der Situation umzugehen weiß. Den größten Sieg erlangen sie, sollte der Streamer sich dazu entschließen, gar nicht mehr zu streamen.«

Auch Rebecca Raschun, die als JustBecci seit 2012 auf Twitch vor mittlerweile 40.000 Followern auf Twitch streamt, hat Erfahrungen mit Hass im Livestream gemacht: »Es kommt oft vor, dass Leute in meinen Stream kommen, um mich zu beleidigen oder zu provozieren.« Von großangelegten Hate Raids sei sie zwar verschont geblieben, kennt das Phänomen aber von Kollegen. Sie sagt:»Solche Angriffe können sehr verletzend sein und das Gefühl von Sicherheit und Gemeinschaft zerstören.«

Von Essensraids bis Deepfakes

Hate Raids können bizarre bis bedrohliche Konsequenzen in der analogen Welt haben. »Wegen unserer Vereinsarbeit war ich selbst stark von Hate Raids betroffen«, so Patrick Mühlenhort von TeamKompass. »Denen ist unsere Arbeit ein Dorn im Auge. Von Essensraids über Swattings, Deepfakes und Fake-Bombendrohungen war alles schon dabei.« 

Der Verein TeamKompass engagiert sich gegen Hate Raids auf Twitch und berät Betroffene wie öffentliche Einrichtungen oder auch die Polizei zum Thema. Der Verein TeamKompass engagiert sich gegen Hate Raids auf Twitch und berät Betroffene wie öffentliche Einrichtungen oder auch die Polizei zum Thema.

Das hinterlasse Spuren: »Manche [Streamer, Anm. d. Red.] verkraften die Angriffe relativ gut und streamen nahezu unbeirrt weiter«, so Mühlenhort. Andere »leiden psychisch, entwickeln Ängste, etwa um Familie und das sonstige Umfeld.« Das kann so weit gehen, das Streaming ganz aufzugeben. 

»Manche Betroffene trauen sich nicht mehr aus dem Haus.«

Mühlenhort zeigt uns erschütternde Beispiele: »Du kannst mir nichts, du renitenter Hurensohn. Wenn du eine Anzeige machst, werde ich deine ganze Familiensippe auslöschen. Ich werde das BMW Werk in die Luft jagen und dir eine Bombe nach Hause schicken.«, steht etwa in einer Hass-Mail an einen Betroffenen. 

Video starten PLUS 20:31 DevPlay: Wie wichtig ist Twitch für Spieleentwickler?

Wichtig sei, »sich umfassend beraten und betreuen zu lassen.« TeamKompass stelle in Beratungen immer wieder fest, dass oft schon die Tatsache hilft, sich professionell über die Attacken aufklären zu lassen. Situationsbedingt werde dann an weiterführende Stellen verwiesen – etwa, um sich professionelle psychologische Hilfe zu holen. 

Mühlenhort betont: »Sich Hilfe zu suchen ist wichtig und hat nichts mit Schwäche zu tun.« Wer sich nicht ausreichend absichert oder nicht die Möglichkeit hat, auf Moderatoren zurückzugreifen, ist besonders gefährdet. Darauf weist auch JustBecci hin: »Ich etwa habe das Glück, dass ich ein super Mod-Team habe, das schnell alles wegbannt oder löscht, bevor ich es im Chat überhaupt sehen kann.«

Auch Streamerin JustBecci hat bereits Erfahrungen mit Hass und Hetze gemacht. (Quelle: Rebecca Raschun) Auch Streamerin JustBecci hat bereits Erfahrungen mit Hass und Hetze gemacht. (Quelle: Rebecca Raschun)

Wer gerade erst anfängt und nur ein kleines Publikum erreicht, hat aber weder die Ressourcen noch die Erfahrung, mit Hate Raids angemessen umgehen zu können. Das wiederum befeuert die Dynamik noch. 

»Lässt sich der Streamer triggern, wird das Verhalten der Gruppierung schlimmer«, erklärt Mühlenhort. Dabei gelte, dass Hass und Hetze im Chat stets nur Mittel zum Zweck seien. Denn: Das Hauptziel bestehe darin, Klardaten wie Name, Adresse und Telefonnummer herauszufinden. Der Hass-Sturm im Chat ist also nur der erste Schritt. 

»Sobald die Daten erfasst wurden, wird gnadenlos ins Privatleben eingegriffen: Doxing, Swatting, Essensraids via Lieferando und Drohungen über sämtliche Kanäle können über Wochen und Monate hinweg zu ständigen Begleitern werden.«

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