Die Qualität der Marvel-Serien auf Disney Plus ähnelt dem Streckenverlauf der Silver Star im Europapark. Auf ein Hoch (Loki) folgt ein Tief (Secret Invasion), dann wieder ein Hoch (Moon Knight), ein Tief (Echo), und jetzt sind wir wieder bei einer dieser herrlichen Schwerelosigkeits-Passagen angekommen, huiii!
Soll heißen: Ich liebe Achterb… nein, halt: Wonder Man ist richtig gut geworden!
Die neueste Marvel-Show auf Disney Plus (Start: 27. Januar 2026) ist kein The Sopranos. Kein Breaking Bad. Kein Severance. Es ist und bleibt seichte Unterhaltung – die ist aber handwerklich gut gemacht und von Anfang bis Ende höchst amüsant.
Worum geht's in Wonder Man?
Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II) hat gleich drei Probleme:
- Er möchte ein erfolgreicher Schauspieler werden. Blöd nur, dass er kaum Rollen erhält und sich die wenigen Möglichkeiten, die er bekommt, mit seinem extrem hohen künstlerischen Anspruch selbst verbaut.
- In ihm schlummern Superkräfte. Die hat er aber nicht unter Kontrolle und sollte sein Geheimnis herauskommen, ist seine Hollywood-Karriere für immer verbaut. Denn in der Traumfabrik sind echte Superhelden in Filmen verboten, seit es zu einem tragischen (und echt ekligen) Zwischenfall kam.
- Das DODC ist ihm auf den Fersen. Das
Department of Damage Control
fungierte bereits in Spider-Man: No Way Home, Ms. Marvel und She-Hulk als antagonistische Gruppierung und hat es auf Simon Williams abgesehen, den die Behörde als Bedrohung für die Zivilbevölkerung betrachtet.
Eines Tages trifft Simon auf Travor Slattery (Ben Kingsley). Ja, der Travor Slattery – leidenschaftlicher Schauspieler, liebenswürdiger Zeitgenosse und verurteilter Ex-Terrorist, der in Iron Man 3 den Mandarin mimte und dafür in den Knast wanderte. Jetzt kehrt er nach Hollywood zurück, um doch noch den Durchbruch zu schaffen und seine Mutter stolz zu machen.
Was folgt, ist eine turbulente und sehr persönliche Buddy-Komödie, die von ihren zwei fantastischen Hauptdarstellern getragen wird!
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»Sieht fantastisch aus« – Wonder Man dreht sich um Superhelden-Müdigkeit und Fans sind vom Trailer begeistert
Für wen ist Wonder Man interessant?
Keine Marvel-Serie war jemals so wenig Marvel wie Wonder Man. Klingt komisch, ist aber so. Wer vom MCU die Schnauze voll hat, aber auf spaßige Geschichten mit einigen emotionalen Momenten steht, kann hier guten Gewissens trotzdem reinschauen.
Ohne das Marvel-Intro zu Beginn jeder Folge könnte man Wonder Man glatt für eine eigenständige Serie ohne MCU-Wurzeln halten. Als Showrunner fungiert Destin Daniel Cretton, der bereits für Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings veranwortlich zeichnete und im Sommer 2026 Spider-Man: Brand New Day in die Kinos bringt.
Cretton hält Wonder Man von der lauten Superhelden-Bühne des MCU fern und konzentriert sich stattdessen auf Simon Williams als Mensch. Was treibt ihn an? Welche Sorgen und Wünsche hat er? Der Fokus auf das Persönliche sorgt dafür, dass die Marvel-Serie erfrischend leise Töne anschlägt. Bis zum Ende der acht Folgen lassen sich die Action-Sequenzen an einer Hand abzählen.
Die größte Stärke von Wonder Man ist zweifellos die tolle Chemie zwischen Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II) und Trevor Slattery (Sir Ben Kingsley). Ganz egal, ob die Beiden ein Casting-Video für eine wichtige Rolle drehen, an der Bar über die Kunst der Schauspielerei philosophieren oder Simons Mutter an ihrem Geburtstag besuchen – die toll geschriebenen und noch besser vorgetragenen Gespräche zwischen Trevor und Simon sind höchst unterhaltsam.
Was uns gefallen hat
- Sir Ben Kingsley: Man sieht der hochdekorierten Schauspiellegende in jeder Szene an, wie viel Spaß er damit hat, zum inzwischen dritten Mal in die Haut des charmant-trotteligen Mimen zu schlüpfen. Simon Williams ist zwar die Hauptfigur von Wonder Man, der eigentliche Star ist aber Trevor Slattery!
- Yahya Abdul-Mateen II: Lob gibt es aber auch für den Simon-Darsteller, denn Yahya Abdul-Mateen II reißt uns als Zuschauer mit seiner Begeisterung für die Kunst der Schauspielerei förmlich mit. Beeindruckend vor allem: die riesige Bandbreite an Emotionen, die sich im Verlauf der Serie auf seinem Gesicht abzeichnen!
- Bewegende Charaktermomente: Simons persönliche Reise in der Serie steuert immer wieder auf emotionale Höhepunkte zu, in denen wir erfahren, warum er so ist, wie er ist: zurückhaltend, unsicher, introvertiert. Auch der Grund für seine besondere Liebe zur Schauspielerei wird glaubwürdig rübergebracht, ohne auf lieblose Exposition wie in anderen Marvel-Shows zu setzen.
- Kein MCU-Klamauk: Pubertäres Herumgealber, billig wirkende CGI-Schlachten, fremdschämwürdige Nebenfiguren – von den oft kritisierten Marvel-Schwächen bleibt ihr hier verschont.
- Eine Ode an die Schauspielerei: Wonder Man erinnert oft an den Apple-TV-Hit
The Studio
von und mit Seth Rogen, nur in einer abgespeckten Diät-Variante. Wir erhalten Einblicke hinter die Kulissen großer Filmdrehs, sind bei Konversationen mit Regisseuren und Drehbuchautoren dabei und auch Hollywood selbst bekommt hier und da sein Fett ab. Cool!
Was uns nicht gefallen hat
- Die Antagonisten: Die Agenten des Department of Damage Control (DODC) schaffen es auch beim vierten Anlauf nicht, mehr als nur 08/15-Bösewichte zu sein. Ihr Plan, Simon Williams zu schnappen, ist hirnverbrannt, ihr Vorgehen amateurhaft und ihr Auftreten erinnert eher an fahrlässige Laien als an eine ernstzunehmende Regierungsbehörde – gut, das ist in den realen USA ja auch nicht mehr anders …
- Der Mittelteil: Die fünfte Folge ist mit 23 Minuten die mit Abstand kürzeste und zugleich die mit Abstand schlechteste. Sie wirkt, als existiere sie nur, um die Laufzeit in die Länge zu ziehen. Die Geschehnisse wirken arg konstruiert und treiben die Handlung kein Stück voran. Die alberne Tonalität passt auch nicht zu allem, was davor und danach kommt. Schwach!
- Die letzten zehn Minuten: In der letzten Episode gibt es einen schönen, emotionalen Moment, der wunderbar als bittersüßes Ende für Wonder Man getaugt hätte. Tja, und dann hängt Marvel noch einmal zehn Minuten dran, wo … ach, wir spoilern ja nicht. Aber ganz ehrlich: Was – soll – das?!
Auch für Marvel-Unerfahrene einen Blick wert
Unterm Strich bleibe ich aber bei meiner Empfehlung. Schaut euch Wonder Man ruhig mal an, ihr werdet es bestimmt nicht bereuen! Es ist schön zu sehen, dass sich Marvel immer noch solche Experimente traut und die sonst so ausgelatschte MCU-Welt um eine neue Facette erweitert.
Wonder Man umfasst acht Folgen, die am 27. Januar 2026 auf einen Schlag veröffentlicht werden. Wie es 2026 im Marvel-Kosmos weitergeht, könnt ihr unserer großen Übersicht entnehmen:
Abschließend noch ein paar Trivia-Facts zu Wonder Man:
- Wonder Man wurde bereits 1964 von Jack Kirby und Stan Lee erfunden.
- In den Comics besitzt Simon Williams die gleiche Superkraft wie in der MCU-Serie (Ionen-Energie), ansonsten ist sein ganzer Lebenslauf und Charakter aber ein völlig anderer.
- Die Disney-Plus-Serie wurde bereits 2022 angekündigt und hat einen Autorenstreik in Hollywood sowie die kreative Neuausrichtung der Marvel Studios überlebt.
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